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„Auch Gott könnte ein Handwerker sein“

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Freisprechungsfeier des Handwerks
Angehörige und Ehrengäste waren mit dabei, als die Kreishandwerkerschaft im Waitzinger Keller in Miesbach die Lehrlinge verabschiedete und als Gesellen begrüßte. Die Besten der jeweiligen Innungen (Foto oben) wurden besonders geehrt. Zuvor hatten die jungen Frauen und Männer in einer Ausstellung ihre Gesellenstücke gezeigt. © Christian Scholle

Die Kreishandwerkerschaft mit ihren neun Innungen hat 175 Lehrlinge in einen neuen Lebensabschnitt entlassen. Sie dürfen sich jetzt Gesellen nennen.

Landkreis – Für 175 junge Menschen, die unter den Fittichen der Kreishandwerkerschaft Miesbach-Bad Tölz-Wolfratshausen einem Lehrberuf nachgingen, ist die Zeit der Ausbildung nun vorbei. Sie dürfen sich jetzt Gesellen nennen – und konnten den neuen Lebensabschnitt bei der Freisprechungsfeier im Waitzinger Keller in Miesbach feiern.

Sie haben Brot gebacken und Schränke gebaut. Sie sorgten dafür, dass die Haare immer schön sitzen, und verpassten Wänden einen neuen Anstrich. Auch, wenn die Sanitäranlagen mal den Geist aufgaben, eilten sie zu Hilfe. In insgesamt neun verschiedenen Innungen der Kreishandwerkerschaft Miesbach-Bad Tölz-Wolfratshausen wurden die 175 Auszubildenden in den Gesellenstand verabschiedet.

„Endlich können wir nach zwei Jahren mit Masken und Corona-Tests wieder ohne Einschränkungen hier sein“, freute sich Anton Lugauer, stellvertretender Kreishandwerksmeister des Landkreises Bad Tölz-Wolfratshausen, in seiner Eröffnungsrede. Die Absolventen hätten nach Beendigung ihrer Ausbildung nun eine „super Zukunftsperspektive“, da ein handwerklicher Beruf das Rückgrat einer intakten Gesellschaft sei. Lugauer ergänzte: „Jeder von Ihnen wurde zu einem Spezialisten in seinem jeweiligen Beruf geformt.“

Bundestagsabgeordneter lobt bayerisches Handwerk

Dass es vor allem hierzulande Spezialisten in puncto Handwerk gibt, weiß man auch als Mitglied des Deutschen Bundestags. „Ich schätze das bayerische Handwerk sehr“, sagte Alexander Radwan (CSU) anerkennend in Richtung der Gesellen. Die Hälfte des Jahres sei er in Berlin, verriet er. Und dort sei es nicht so einfach wie in Bayern, mal eben einen Handwerker zu bekommen, der seine Arbeit auch fachgerecht erledigt. Radwan: „Ich weiß einfach, was ich in Bayern bekomme, wenn ich einen Handwerker brauche.“

Freisprechungsfeier des Handwerks
Selina Jossam, die bei der Schreinerei Eham in Hausham gelernt hat, hat eine Garderobe angefertigt. © Christian Scholle

Auch Dieter Vierlbeck blickte voller Stolz in die voll besetzten Reihen des Saals im Waitzinger Keller. „Wenn ich Sie so sehe, braucht einem nicht angst ums Handwerk zu werden“, war sich der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer für München und Oberbayern sicher. In der Region werde hervorragende Arbeit geleistet, und der Gesellenstand sei nun die Basis für ein erfolgreiches Leben. Er forderte die 175 jungen Menschen auch dazu auf, dranzubleiben, „denn es muss immer weiter produziert werden – jede Insolvenz ist eine Insolvenz zu viel“.

Handwerk hat goldenen Boden

Produziert wird heutzutage auch immer mehr mit Laubholz. „Das ist das Holz der Zukunft“, wusste Landrat Olaf von Löwis, dessen Augen die vielen mit Laubholz gefertigten Gesellenstücke im Ausstellungsraum vor dem Saal nicht entgingen. Angesichts ihrer Berufswahl bezeichnete er die Absolventen als „Bereicherung für das ganze Land“. Dem schloss sich Miesbachs Bürgermeister Gerhard Braunmiller an: „Mit Ihren erlernten Berufen können Sie nun überall auf der Welt arbeiten.“ Denn das Handwerk habe „goldenen Boden“, vor allem das bayerische.

Auch christlicher Hauch wehte über der Freisprechungsfeier. Denn Michael Mannhardt, Pfarrer in der Kreisstadt und Dekan im Dekanat Miesbach, verglich Gott mit einem Handwerker. Gott könne in unseren Köpfen quasi jede Gestalt annehmen, „mit seinen großen und kräftigen Händen könnte Gott auch ein Handwerker sein“, so Mannhardt. Und wir Menschen seien Gottes Meisterwerk – eben wie von Hand gebacken oder geschnitzt. Eine Prise Göttlichkeit ließ auch der Fraktionsvorsitzende der Freien Wähler im Landtag, Florian Streibl, einfließen. Er nannte die jungen Handwerker „Schöpfer der Welt“. Denn ohne Handwerker würde jedermann „auf einer Wiese stehen“. Es gäbe keine Häuser, keine Stühle, man müsste seine Mahlzeiten mit den eigenen Händen erlegen – „eben wie in der Wildnis“.

Kreishandwerksmeister mahnt Frieden an

Von Kreishandwerksmeister Martin Heimgreiter bekamen die jungen Handwerker einen Friedensappell mit auf den Weg. In Deutschland herrsche nun seit rund 75 Jahren Frieden. „Woanders auf der Welt ist das nicht so, wie man gerade sieht – wir hingegen führen ein privilegiertes Leben“, wusste Heimgreiter. Deshalb war es ihm ein Anliegen, den jungen Gesellen einzutrichtern, für Frieden in der Welt zu sorgen. Dann würde man auch beim Blick auf die Strom-, Heiz- oder Tankrechnung nicht mehr aus allen Wolken fallen.

Ein paar Nadelstiche gegen die Politik setzte bei seiner Schlussrede Herbert Kozemko, stellvertretender Kreishandwerksmeister des Landkreises Miesbach. Denn die Politiker seien es, die die Rahmenbedingungen für ein vernünftiges Handwerk schaffen. „Es muss monetär einen deutlichen Unterschied zwischen denen geben, die jeden Tag hart arbeiten, und denen, die nichts tun“, forderte Kozemko. Auch könne es nicht sein, dass ein Rat der Politik, um Kosten zu sparen, sei: „Dreht die Heizung runter und zieht einen Pullover mehr an.“ Deshalb riet er den Absolventen, auch mal unbequem zu sein und den Politikern in Berlin zu erklären, „auf welchem Holzweg wir sind“. Kozemko: „Nichts für ungut, aber das ist alles ein bisserl traurig.“ Erfreulich sei hingegen die tolle Leistung der Gesellen in ihren Ausbildungsjahren gewesen. „Jetzt liegt’s an Euch“, sagte er. „Werdet jeden Tag besser und gebt dann Euer Wissen an die Nächsten weiter.“ An diejenigen, die für eine weiterhin erfolgreiche Zukunft des Handwerks verantwortlich sind.

Von Philipp Hamm

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