„Ohne Arbeit würde ich wieder abrutschen“

Gegen das Ritzen: Wodurch Borderlinerin Sabine B. ins Leben zurückfindet

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Wer psychisch erkrankt ist, kann dem Druck der Arbeitswelt oft nicht standhalten. Ein Projekt der Caritas hilft den Menschen, genau dahin zurückzufinden. Eine Betroffene berichtet.

Miesbach – Sabine B. wendet immer wieder den Blick ab. Sie stockt. Die 34-Jährige tut sich schwer, über sich und ihre Krankheit zu erzählen. Sabine B., die eigentlich anders heißt, leidet unter dem Borderline-Syndrom. Eine psychische Erkrankung, die sie seit ihrem 15. Lebensjahr in diverse Kliniken geführt hat. Sie sagt: „Wenn ich nichts zu tun hätte, dann würde ich wieder abrutschen.“

Abrutschen in Selbstverletzung, zielloses Umherwandern, gefährliche Verhaltensweisen wie das Balancieren auf Brückengeländern. Borderline-Patienten können ihre innere Unruhe nicht kontrollieren und entwickeln teils lebensgefährliche Strategien, um die ständigen Spannungen abzubauen. Sabine B. hat viele Therapien hinter sich. Heute lebt sie bei ihrer Mutter im Landkreis und arbeitet regelmäßig im EinLaden der Caritas. Hier hat sie Stabilität gefunden.

Bücher, Deko und eine Prise Alltag: Petra Holzmann leitet den EinLaden der Caritas in Miesbach. Hier arbeiten Menschen, die psychische Probleme haben und dadurch in der Arbeitswelt keinen Platz finden. 

Sabine B. steht in einem kleinen Raum, in Holzregalen stapeln sich Bücher aller Genres. Romane, Krimis, Reiseführer. „Das Buchprojekt ist mir am liebsten“, sagt Sabine B. und lächelt vorsichtig. Sie schreibt selbst Gedichte und Kurzgeschichten – ein weiteres Ventil für ihre innere Unruhe. „Ein großes Wechselbad der Gefühle; erst schwimme ich nur darin, bis Schwimmen nicht mehr ausreicht und ich zu paddeln beginne; der Gefühlswechsel wird immer schlimmer; ich beginne zu rudern, bis ich in meinen Gefühlen ertrinke.“

Die Bücher in den Regalen werden online verkauft – meist springt dabei pro Werk weniger als ein Euro heraus. Erst am Morgen kam eine Spende, ein ganzer VW-Bus voll mit Büchern. Das Projekt gibt es seit rund eineinhalb Jahren und zählt neben dem Wäscheservice sowie den Koch- und Kreativgruppen zum Zuverdienstprojekt der Caritas. „Ich war damals in der Tagesstätte und habe beim Wäscheservice mitgemacht“, erzählt Sabine B.. Das war vor über zehn Jahren. Seither ist viel passiert.

Sabine B. führt durch die Räume des EinLadens, während sie bruchstückhaft von ihrem Leben erzählt. Ein Berufsfindungsjahr als 18-Jährige, die Versuche, sich auf einer Schule zurechtzufinden. Der psychische Druck war zu hoch. Hier in den Räumen der Caritas fühlt sich die junge Frau geborgen. Zwar funktioniert es auch hier nicht komplett ohne Druck – Wäscheaufträge der Kunden müssen schließlich fertig werden. Doch von der wirklichen Arbeitswelt ist man hier weit entfernt. Die Beschäftigten gehen achtsam miteinander um, nehmen auf die besondere Situation Rücksicht. Genau wie die meisten Kunden.

Kisten mit Büchern säumen den Flur, bunte Wäschekörbe mit frisch zusammengelegter Kleidung stehen zum Abholen bereit. An der Wand hängt ein Kummerkasten. „Früher war ich sehr impulshaft in meinen Handlungen“, sagt Sabine B.. „Oft hat das nicht gut geendet.“ Näher darauf eingehen will sie nicht. Heute ist es so, dass sich die 34-Jährige auf die freie Zeit am Wochenende freut. Sie unternimmt Ausflüge nach München, geht gern auf Flohmärkte. Ihr Leben hat jetzt eine Struktur.

Wer im EinLaden arbeitet, hat keineswegs eine 40-Stunden-Woche. Zwischen einer und 13 Stunden sind die Teilnehmer pro Woche hier beschäftigt. Sabine B. hat nach wie vor das Ziel, irgendwann auch woanders zu arbeiten. „Ich könnte mir was im hauswirtschaftlichen Bereich vorstellen.“ Um das zu schaffen, muss sie kleine Schritte machen. Jetzt plötzlich in eine Vollzeitstelle zu springen, könnte vieles wieder kaputt machen, was sie sich mühsam erarbeitet hat.

Heute hat die Kochgruppe für das Caritaszentrum ein veganes Linsen-Chilli zubereitet. Jeden Mittag werden die Mitarbeiter von hier aus versorgt. Sabine B. zeigt die geräumige Küche, zu der eine Tür vom Verkaufsladen führt. Als sie wieder zurück in dem Raum mit den Bücherregalen ist, lächelt Sabine B. bei einem Blick auf den Bildschirm des Computers. Eines der Bücher hat sie online für sieben Euro verkauft. Ein kleiner Erfolg. Ein kleiner Schritt zur Normalität.

nip

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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