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Immer online, immer unterwegs: Geografie-Studentin Veronika Müller aus Rottach-Egern macht sich in ihrer Bachelorarbeit auf die Suche nach den digitalen Nomaden im Landkreis Miesbach.

Geografie-Studentin schreibt Bachelorarbeit über Coworkation

Pionierarbeit: Rottacherin forscht über digitale Nomaden

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Landkreis - Veronika Müller sucht nach den jungen Kreativen, die quasi heimatlos nur mit Laptop und Smartphone von Ort zu Ort ziehen - die digitalen Nomaden im Landkreis Miesbach.

Sie streicheln keine Kamele, sondern die Tastatur ihres Laptops. Sie schlafen nicht in Zelten, sondern in Ferienhäusern oder Jugendherbergen. Und was für sie ein fruchtbares Land ist, entscheidet nicht die Wasserqualität, sondern die Internetgeschwindigkeit. Mit ihren Namensvettern aus der Wüste haben die digitalen Nomaden auf den ersten Blick nicht viel gemein. Und doch arbeiten sie so, wie es ihnen die Hirtenvölker seit Jahrhunderten vormachen. Ohne einen festen Platz, immer und überall. Und sogar im Urlaub.

Coworkation nennt sich dieser Trend in der Arbeitswelt der jungen und kreativen Köpfe. Eine Neuschöpfung aus den englischen Wörtern „Co-Working“ (Zusammenarbeit) und „Vacation“ (Urlaub). Statt daheim alleine vor dem Bildschirm zu brüten, treffen sich die digitalen Nomaden – bevorzugt IT-Spezialisten, Software-Entwickler oder Unternehmensgründer – neuerdings nicht nur in Cafés oder Gemeinschaftsbüros, sondern auch im Urlaub. Ob und wie der Landkreis davon profitieren kann, will Veronika Müller aus Rottach-Egern herausfinden.

Ende Dezember wird die 24-jährige Geografiestudentin an der Ludwig-Maximilians-Universität München ihre Bachelorarbeit zu diesem Thema abgeben. Eine Potenzialanalyse für Coworkation im Landkreis Miesbach – und eine der ersten wissenschaftlichen Abhandlungen überhaupt auf diesem noch weitgehend unerforschten Gebiet. „Ein Stück Pionierarbeit“, sagt Müller schmunzelnd.

Auch Alexander Schmid, Geschäftsführer der Standortmarketinggesellschaft (SMG) Landkreis Miesbach, ist stolz auf das ehrgeizige Projekt seiner Werksstudentin. Er versucht schon länger, die Karawanen der digitalen Nomaden – darunter viele Unternehmensgründer – in die Region zu lenken. 

Und er bescheinigt ihnen ein großes Potenzial: „So sind schon börsennotierte Firmen entstanden“, sagt Schmid. Eine lukrative Zielgruppe Für den Landkreis Miesbach verspricht sich der SMG-Chef nicht nur wirtschaftliche, sondern auch touristische Vorteile. Die Rechnung ist simpel: Wem es beim Coworkation-Aufenthalt am Tegernsee oder Schliersee gefallen hat, der kommt vielleicht später als erfolgreicher Unternehmer oder mit seiner Familie wieder hierher zurück.

Ob Schmids Hoffnung berechtigt ist, will Müller auf gut 40 DIN A4-Seiten klären. Und die wollen erst einmal gefüllt werden. Die Quellen beschränken sich nämlich auf Youtube-Videos oder Internetblogs. Einen Besuch in der Uni-Bibliothek konnte sich die 24-Jährige ohnehin sparen. „Es gibt auf diesem Gebiet noch keine Fachliteratur“, erklärt sie. Dementsprechend hielt sich ihre Begeisterung in Grenzen, als ihr Schmid das Thema vorschlug. Doch auch ihr Professor Jürgen Schmude machte der Rottacherin Mut – und so begab sie sich auf die Suche nach den digitalen Nomaden.

Die sind fast so schwer zu finden wie ihre Namensgeber in der Steppe. Sie schlagen ihre Lager überall auf der Welt auf. Auf Mallorca, Bali oder in Sri Lanka. Sie tagen nicht in Luxushotels, sondern mieten sich in günstigen Strandhäusern oder Bauernhöfen ein. Sie brauchen weder Wellnessbereich noch ein All-Inclusive-Buffet, dafür eine intime und lockere Atmosphäre, innovative und „coole“ Freizeitangebote – und natürlich richtig schnelles WLAN.

Fazit? Für den Landkreis ernüchternd

Auch wenn sie ihre Arbeit noch nicht abgeschlossen hat: Müller zieht ein aus Landkreissicht eher ernüchterndes Fazit in Sachen Coworkation. „Es gibt zu wenig günstige Einzelzimmer“, erklärt die Rottacherin. Auch die Breitbandabdeckung sei ausbaubedürftig. Noch etwas hat die Geografiestudentin bei ihren Gesprächen mit Hotelbetreibern und Eventorganisatoren festgestellt: Von Coworkation und digitalen Nomaden haben bisher nur die wenigsten gehört.

Das wird sich durch Müllers Bachelorarbeit ändern, ist Schmid sicher: „Damit surfen wir ganz vorne auf der Welle.“ Und falls es doch nichts wird mit der digitalen Oase im Landkreis, könne man ja auf den „medialen Detox“ setzen: So nennt die Szene den Entzug von Handy und Computer. Eine Woche auf dem Berg, ohne Strom und Internet. Nomadenleben im ursprünglichsten Sinn.

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