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Die kroatischen sind begeistert dabei. Hoffentlich auch wieder Sonntag.

Kommentar zum WM-Finale

Gerade wegen seines Nationalismus: Kroatien soll Weltmeister werden

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Kroatien soll Weltmeister werden. Nicht trotz, sondern gerade wegen des krassen Nationalismus, der seine Politik und viele Fans erfasst hat.

Eines der unvergesslichsten Gespräche mit meinem Vater hatte ich im Alter von vier oder fünf Jahren. Damals, irgendwann nach der WM 1990, hatte er mir erklärt, was das überhaupt ist, eine Weltmeisterschaft. Ich fragte ihn, wer derzeit Weltmeister sei. Er sagte: „Wir.“ 

Das war ein einfacher, aber besonderer Moment. Es hatte nichts mit Nationalstolz zu tun; eher mit der Dankbarkeit, etwas Großes, Seltenes erleben zu dürfen. An diesen Augenblick denke ich jetzt noch, Jahrzehnte später. 

Auch, wenn ich die Bilder aus Kroatien sehe. Da tragen Väter ihre Kinder auf den Schultern zum Public Viewing, entgegen jeder Bettzeit und Altersbeschränkung. Mütter nähen ihren Töchtern rot-weiß karierte Kleider. Wie mein Vater damals wollen sie ihren Kindern einen Moment ermöglichen, an den sie ihr Leben lang denken; und in dem noch ein wenig von den Eltern mitschwingt, wenn es diese schon nicht mehr gibt. Wenn ich diese Bilder sehe, wünsche ich mir, dass das gelingt und Kroatien das Finale gewinnt. Das ist die eine Seite. 

Erfahren Sie mehr: Das tippt der sympathische kroatische Wirt des Staudenhäusl in Agatharied fürs Finale

Die andere Seite sind Menschen wie Marko Perkovic Thompson. Er ist Kroatiens größter Rockstar – und ein Rechtspopulist. Seine Konzerte beginnt er mit „Za dom – spremni!“ (Für die Heimat – bereit!“), dem kroatischen „Sieg Heil!“. Gehüllt in kroatische Fahnen und im Schein von Bengalo-Feuern sehen Thompsons Zuschauer aus wie die Fußballfans, die mir so ans Herz gewachsen sind. 

Thompson ist nicht alleine. Die Nationalisten stellen in Kroatien die Regierung. Mit den Erfolgen bei der WM versuchen sie, den Nationalstolz weiter zu befeuern. Wenn ich daran denke, wünsche ich mir, dass Sonntag nicht noch ein Sieg dazu kommt, der instrumentalisiert werden kann. 

Diese Erkenntnis hat mir den Spiegel vorgehalten: Ähnliche Probleme gibt es auch in Deutschland. Sie fallen mir nur nicht so stark auf, weil ich mich als Teil der Gruppe „deutsche Fußballfans“ sehe. Deswegen konzentriere ich mich unterbewusst auf das Gute und blende die Hooligans und Nationalisten in den Stadien aus. Bei den Kroaten fällt mir das Schlechte stärker auf, weil ich den Blick von außen habe. Das ist unfair. Dann denke ich womöglich, „wir“ wären besser als „die“. Sind wir aber nicht. 

Am Sonntag feuere ich Kroatien an. Wer weiß, wann die Eltern in einem Land mit nur vier Millionen Einwohner je wieder die Gelegenheit bekommen, einen solchen Moment mit ihren Kindern zu teilen. Hoffentlich bekommen sie ihn, Marko Perkovic Thompson hin oder her. Das ist eine andere Baustelle. Im Idealfall entsteht durch den Erfolg ein selbstbewusster Patriotismus ohne Nationalismus – so wie in Deutschland 2006. Dann braucht es auch keinen Thompson mehr.

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