Lernen in der Gruppe: 20 Führerscheinneulinge nahmen jedes Jahr an der von Fahrlehrer Gerald Wührer organisierten Tour über die Alpenpässe teil.

Das Sudelfeld war nicht genug

Gerald Wührer erinnert sich an Touren mit Führerscheinneulingen

  • Sebastian Grauvogl
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Der tödliche Unfall eines Freundes war der Schlüsselmoment: Motorradlehrer Gerald Wührer beschloss, seine Schüler mit Touren auf Alpenpässen besser vorzubereiten. Ein Rückblick.

Miesbach –Aus Fehlern wird man klug. Ein Ratschlag, auf den Motorradanfänger nur bedingt vertrauen sollten. „Bei einem Unfall kriegt man selten eine zweite Chance“, sagt Gerald Wührer. Der Miesbacher Fahrlehrer weiß, wovon er spricht. Als er als junger Mann mit seinen Freunden auf einer Mopedtour unterwegs war, gehörten unfreiwillige Stunts quasi mit dazu. Nicht alle gingen glimpflich aus. „Von zehn Leuten sind oft nur zwei unversehrt heimgekommen“, berichtet Wührer. Im Juni 1982, kurz nachdem er seine Fahrlehrerausbildung abgeschlossen hatte, verunglückte einer seiner Spezl sogar tödlich. „Das war ein Schlüsselmoment für mich“, sagt der heute 61-Jährige.

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Gerald Wührer erinnert sich an Touren mit Führerscheinneulingen

Der Miesbacher beschloss, die damals „stiefmütterlichen“ Voraussetzungen für den Erwerb des Motorradführerscheins und die damit oft mangelhaften Praxiskenntnisse seiner Schüler nicht mehr länger hinzunehmen. Also rief er 1984 ein fast schon visionäres Angebot ins Leben: eine viertägige Tour gespickt mit Alpenpässen auf Asphalt und Schotter – und mit jeder Menge Kurven. Zusammen mit vier anderen Motorradfreaks führte er die Führerscheinneulinge in fünf Kleingruppen durch die Dolomiten oder in die Schweizer Berge. Durch Nachahmen und Nachdenken, laut Konfuzius die eleganteste und leichteste Form des Lernens, hätten seine Schüler viel über Fahrphysik, Gefahrenwahrnehmung und die richtige Einstellung auf dem Bike mitgenommen.

Er selbst habe als Sohn eines Fahrschulgründers vieles ganz automatisch vermittelt bekommen, sagt Wührer. Die meisten anderen Anfänger seien notgedrungen Strecken wie Sudelfeld oder Kesselberg unermüdlich abgefahren. Rauf und runter, immer wieder. Doch die Sicherheit, die sie dabei bekommen hätten, sei trügerisch. „Du wirst zwar immer schneller, aber darum geht es nicht“, sagt Wührer. Viel wichtiger sei es, in unerwarteten Momenten richtig reagieren zu können – ohne unter oder über die Leitplanke zu fliegen. Und das wiederum lerne man nur auf längeren Touren in unbekanntem Terrain. „Das ist es, worum es beim Motorradfahren geht.“

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Acht Jahre lang führte Wührer jeden Juni eine 20-köpfige Gruppe über ausgedehnte Passstrecken. Auch der obligatorische Abschlussabend auf dem Miesbacher Volksfest war ein fester Programmpunkt. Feiern konnten die Mitfahrer immer, denn von schwereren Unfällen blieben sie immer verschont. Und doch wurde es Wührer langsam aber sicher etwas mulmig zumute. Immer mehr Bekannte wiesen ihn auf die ungeklärte Versicherungsfrage hin. Auch wenn er die Touren unentgeltlich organisiert habe, sei ihm das mögliche Haftungsrisiko irgendwann zu groß geworden, sagt der Fahrlehrer. So kam es, dass er sein Angebot trotz großer Beliebtheit 1992 einstellte.

Heutzutage würde es glücklicherweise eh nicht mehr gebraucht, meint Wührer. Die Fahrschulausbildung decke mittlerweile alle wesentlichen Inhalte in Theorie und Praxis ab. Zudem erhalte jeder Führerscheinneuling ein kostenloses Sicherheitstraining beim ADAC. „Wir raten jedem dringend, da auch mitzumachen“, sagt der Fahrlehrer. Und doch bleibt er auch heute der Meinung: Sicheres Fahren auf Asphalt ist nur die halbe Miete. Das echte Fahrkönnen lernt man am besten auf Schotter. „Da“, sagt Wührer, „ist dann das Popometer gefragt.“

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Bei einem Treffen

am Freitag, 6. März, ab 18.30 Uhr im Irschenberger Sportheim schauen Gerald Wührer und seine Tourenbegleiter auf ihre Ausfahrten von 1984 bis 1992 zurück. Wührer hat Bilder und Videos zusammengetragen, die er an dem Abend vorführt. Alle Teilnehmer und Gruppenführer sind dazu eingeladen.

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