Erst vier Tage im Amt als Leiter des Gesundheits-, Jugend- und Sozialamtes war Severin Eichenseher, als am 5. März 2020 der erste Corona-Fall im Landkreis bekannt wurde. AL
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Erst vier Tage im Amt als Leiter des Gesundheits-, Jugend- und Sozialamtes war Severin Eichenseher, als am 5. März 2020 der erste Corona-Fall im Landkreis bekannt wurde.

INTERVIEW

Gesundheitsamts-Chef spricht über den ersten Corona-Fall im Kreis Miesbach

  • Bettina Stuhlweißenburg
    vonBettina Stuhlweißenburg
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Landkreis Miesbach – Am 5. März 2020 ist der erste Corona-Fall im Landkreis Miesbach bekannt geworden. Über „Patient Null“ und die Folgen für den Landkreis sprachen wir mit Severin Eichenseher, Leiter des Gesundheitsamtes.

  • Anfangs wussten nicht einmal Experten, wie tödlich das Corona-Virus wirklich ist
  • Der Landkreis bereitete sich schon vor Beginn der Pandemie auf das Schlimmste vor
  • Mitarbeiter der Corona-Hotline müssen schlimme Beschimpfungen hinnehmen

Herr Eichenseher, Sie waren erst vier Tage im Amt, als am 5. März der erste Corona-Fall im Landkreis bekannt wurde. Was empfanden Sie damals?

Es hat mich nicht überrascht. In anderen Landkreisen gab es ja bereits Fälle, auch in Österreich hatte sich das Virus ausgebreitet. Insofern wusste ich: Irgendwann kommt es auch zu uns. Als es dann da war, war ich trotzdem betroffen. Ich habe mich gefragt: Wie geht es jetzt weiter? Es war alles sehr unsicher.

Wie haben Sie sich vorbereitet?

Wir hatten schon vor den ersten bestätigten Fällen eine Koordinierungsgruppe gebildet mit Vertretern der niedergelassenen Ärzte, dem Katastrophenschutz und dem Gesundheitsamt. Wir haben uns gefragt: Wie tödlich ist das Virus? Wie gehen wir damit um, wenn wir sehr viele Tote haben? Wie können wir die Versorgung der Menschen sicherstellen, sollte es zu Engpässen kommen? Was tun wir, wenn das Internet zusammenbricht? Es ging um originären Katastrophenschutz.

In Holzkirchen war ein Leichen-Sammelplatz geplant

Durch die Medien gingen in dieser Zeit Bilder von Kühl-Containern für Tote.

Auch wir haben uns darauf vorbereitet, mehr Tote zu haben, als Leichenplätze. Wir haben daher in Holzkirchen eine Leichen-Sammelstelle mit Kühlmöglichkeit eingerichtet. Zum Glück ist es dann nicht so schlimm gekommen, dass wir diese in Betrieb nehmen mussten.

Wie war das für Sie, solche Schreckensszenarien durchzuspielen?

Als es so konkret wurde, hatte ich ein mulmiges Gefühl. Mir hat es aber geholfen, mit Freunden und Kollegen darüber zu sprechen. Dadurch konnte ich es ganz gut wegstecken. Ich bin ohnehin ein gelassener Typ.

Zu Beginn der Pandemie war von einer neuen „Lungenkrankheit“ die Rede, China riegelte Wuhan ab. Hat Ihnen das Angst gemacht?

Ich hatte Respekt, aber keine Angst.

Gab es einen Punkt, an dem Sie aufatmen konnten, weil sie wussten: So schlimm wie etwa die Lombardei wird es uns nicht treffen?

Nein, diese Sicherheit hatten wir nie. Die Entwicklung war von so vielen Faktoren abhängig, unter anderem davon, wie gut die Menschen sich an die Regeln halten.

Fehler im Krisenmanagement können den Job kosten

Hatten Sie je die Sorge, ein Fehler im Krisenmanagement könnten Sie den Job kosten?

Absolut. Mir war klar, dass ich nur zwei Optionen habe. Untergehen oder Schwimmen lernen. Im Krisenmanagement passieren immer Fehler. Man muss aufpassen, dass es nicht zu viele und nicht zu schwere Fehler sind.

Wie gingen Sie mit dieser Herausforderung um?

Ich habe zwei juristische Staatsexamen. Das härtet ab. Denn da lernt man viele Jahre – ohne zu wissen, ob man am Ende besteht. Außerdem habe ich gelernt, mich zu strukturieren, ein hohes Arbeitsaufkommen zu koordinieren. Das ist das A und O: Strukturen zu schaffen.

Welche Fehler sind Ihnen trotzdem passiert?

Wir haben uns beim Aufbau des Testzentrums im September verzettelt und fast die Frist verstreichen lassen, an der das Zentrum geöffnet sein musste. Jeder hatte so viel zu tun und kaum Ressourcen, so ein Großprojekt zu planen. Man wartet ja nicht extra auf so einen Auftrag. Wir wurden dann sehr direkt und unmissverständlich von den Oberbehörden darauf hingewiesen, unverzüglich das Zentrum zu öffnen. Mit einem Kraftakt am Wochenende haben wir es dann innerhalb der knappen Frist geschafft. Hier hätte man die Prioritäten anders setzen und klar festlegen müssen, wer welche Aufgabe hat. Man lernt täglich dazu!

Welche Maßnahmen wurden im weiteren Verlauf getroffen?

Anfangs hat das Gesundheitsamt die Kontakte der Infizierten verfolgt. Die Kollegen machten das nicht zum ersten Mal. Auch bei Tuberkulose werden die Kontakte nachverfolgt. Relativ schnell gab es dann ein separates Contact-Tracing-Team. Es musste sehr schnell sehr viel zusätzliches Personal für das Gesundheitsamt gewonnen und Krisen-Strukturen geschaffen werden.

Hotline-Mitarbeiter werden beschimpft und angefeindet

Sie müssen die Entscheidungen der Ministerien umsetzen. Werden Sie dafür angefeindet?

Ja, immer wieder. Aber ich habe ein gutes Vorzimmer, das diese Anfeindungen abfängt. Richtig schlimm trifft es die Mitarbeiter der Hotline. Die werden teilweise so übel beschimpft und beleidigt, dass ich ihnen gesagt habe, in einem solchen Fall dürfen sie auflegen. Das muss man sich nicht gefallen lassen! Vor allem im Zuge des Verbots von Tagesausflügen in den Landkreis wurden sie massiv beschimpft.

Sie leiten auch das Sozial- und Jugendamt. Haben Sie dafür noch Zeit?

Tatsächlich macht Corona inzwischen 90 Prozent meiner Arbeit aus. Zum Glück habe ich gute Fachbereichsleitungen im Sozial- und Jugendamt, die das selber hinbekommen. Sonst müsste ich mich zerteilen (lacht).

Wann werden wir wieder Normalität haben?

Ich bin zuversichtlich, dass wir Corona bald im Griff haben. Der Dreiklang von Hygienemaßnahmen, Testen und Impfen ist entscheidend und da sind wir im Landkreis auf einem guten Weg.

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