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Großes Nahwärmenetz geplant: Hackschnitzelwärme für halb Miesbach?

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Von: Sebastian Grauvogl

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Nahwärmenetze in Miesbach
Aktuell gibt es zwei größere Nahwärmenetze in Miesbach, wie Michael Brünner (Bild oben r.) und Sebastian Henghuber (l.) auf ihrer Übersichtskarte zeigen: die Anlage an der Waitzinger Wiese (rote Fläche) und das Kraftwerk an der Mittelschule (gelbe Fläche). Die neue Heizzentrale im Westen der Stadt könnte den gesamten blauen Bereich versorgen. © Stefan Schweihofer

Es wäre das dritte und mit Abstand größte Nahwärmenetz in Miesbach. Mit einem Biomassekraftwerk im Westen der Kreisstadt könnten weite Teile Miesbachs beheizt werden.

Miesbach – Einen Schornstein des früheren Papierwerks im Miesbacher Industriegebiet wollte ein Projektant nutzen, um mit einem Altholzkraftwerk die Kreisstadt mit Fernwärme zu versorgen. 15 Jahre ist das her, berichtet Michael Brünner, geschäftsführender Gesellschafter des Ingenieurbüros EST. Realisiert wurde die Idee nie, die vorbereitende Studie von EST landete in der Schublade. Jetzt liegt sie wieder auf dem Tisch. Als Grundlage für ein Nahwärmenetz in Miesbach-West, das die MW Biomasse AG mit Sitz in Irschenberg bauen und auch betreiben würde.

Seit einigen Monaten sind Brünner und MW Biomasse-Vorstand Sebastian Henghuber diesbezüglich mit dem Miesbacher Rathaus in Kontakt. Bei einer nichtöffentlichen Sondersitzung konnten sie das Projekt auch den Stadträten vorstellen. Nun sei es an der Zeit, die Bürger und damit die potenziellen Kunden zu informieren. Das haben die beiden Initiatoren bei einem Pressegespräch getan. Am Donnerstagabend und damit nach Redaktionsschluss stand das Thema dann auch erstmals auf der Tagesordnung der öffentlichen Stadtratssitzung (ausführlicher Bericht folgt).

Was würde wo gebaut werden?

Baulich besteht das Projekt aus zwei Teilen: Heizkraftwerk und Rohrleitungen. Ersteres soll laut Brünner idealerweise am Rand des Miesbacher Stadtwalds entstehen. Nötig wäre ein 600 Quadratmeter großes Grundstück für Hackschnitzelbunker, Verbrennungs- und Filteranlage. EST und MW haben der Stadt bereits mehrere konkrete Standorte vorgelegt. Die Nahwärmeleitungen würden unter den öffentlichen Straßen verlegt. Der Umfang des Netzes könne zwischen drei und zwölf Kilometer betragen, die Leistung des Kraftwerks zwischen fünf und zehn  Megawatt. Brünner und Henghuber rechnen aktuell mit einem Investitionsvolumen von rund zehn Millionen Euro. Die Wärmepreise könnten 120 bis 140 Euro pro Megawattstunde (Vollkosten) beziehungsweise 55 bis 70 Euro pro Megawattstunde (Arbeitspreis) betragen.

Wer könnte versorgt werden?

Hier gibt es zwei mögliche Varianten. Die kleinere Version würde sich auf die Bereiche westlich der Schlierach beschränken. Hier würden die Wohnhäuser an der Von-Vollmar-Straße, das geplante Baugebiet Am Gschwendt, das AWO-Seniorenheim sowie das Berufliche Schulzentrum an der Frauenschulstraße angeschlossen werden. In der größeren Variante würden die Leitungen die Schlierach überqueren und damit auch weite Teile der Innenstadt versorgen. Das von der Stadt bereits begonnene Nahwärmenetz im Karree Rathaus, Beamtenhaus, Stadtbücherei und Feuerwehrhaus würde dabei integriert.

Vorteil laut Brünner: Für die ensemblegeschützten historischen Gebäude sei so eine moderne Heizung ohne größere bauliche Eingriffe möglich. Gleichzeitig sei hier die „Wärmedichte“ hoch. Bedeutet: Mit jedem weiteren Meter Leitungsnetz lassen sich vergleichsweise viele Abnehmer erreichen. In den Gebäuden selbst sei der technische Aufwand überschaubar. Lediglich ein Kasten mit Wärmetauscher und Regelung müsste eingebaut werden, um die Verbindung zwischen dem öffentlichen Netz und den hauseigenen Heizungsleitungen zu schaffen.

Heizkraftwerk Waitzinger Wiese Miesbach
Die bestehende Heizanlage an der Waitzinger Wiese (Foto l.) kommt auf 2,4 Megawatt.  © Thomas Plettenberg

Wer übernimmt Investition und Betrieb?

Die seit 2006 bestehende MW Biomasse AG würde dafür eine eigene Gesellschaft gründen. Beteiligungsmodelle durch Stadt und/oder Landkreis seien möglich. In Betrieb, Überwachung und gegebenenfalls Wartung würden hier ansässige Landwirte sowie bei Bedarf örtliche Heizungsbauer eingebunden. Die Abrechnung mit den angeschlossenen Haushalten würde das MW-Büro im Haus des Maschinenrings im Irschenberger Gewerbegebiet Salzhub übernehmen. „Diese Nähe zu den Kunden ist uns sehr wichtig“, betont Henghuber.

Wieso Hackschnitzel als Brennstoff?

Aus Sicht der Kunden spricht vor allem die – vor allem im Vergleich zu Öl und Gas – hohe Preisstabilität für Hackschnitzel, erklärt Brünner. Anders als bei Solarenergie entstünde im Winter keine Deckungslücke. Da es sich bei der Biomasse nur um bei Durchforstungen oder Wertholzgewinnung anfallende Reste handle, stehe man in keiner Nachfragekonkurrenz und greife auch nicht in die Natur ein. „Kein Baum wird nur für Hackschnitzel gefällt“, betont Henghuber. Gleichzeitig sei das nutzbare Potenzial in der Region groß. Theoretisch würden die im Umkreis von acht Kilometer um den geplanten Standort vorhandenen Ressourcen für die Brennstoffversorgung ausreichen. Da man aber immer dort einkaufe, wo ohnehin gerade Hackschnitzel anfallen, seien Transportwege von bis zu 25 Kilometer möglich. Deutlich weiter aber nicht, versichert Henghuber. „Das wäre nicht mehr wirtschaftlich.“

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Auf was müssten sich die Anwohner einstellen?

Auf im Schnitt eine Lkw-Anfahrt pro Tag, erklärt Brünner. Da die Hackschnitzel nur wenige Tage gelagert werden, würden größere Lieferungen keinen Sinn haben. Ansonsten halten sich die Emissionen stark in Grenzen. Aus dem Kamin komme ausschließlich Wasserdampf, der bei der Verbrennung aus dem Holz gezogen wird. Der anfallende Staub werde zu 99,9 Prozent in Filteranlagen abgeschieden – um ein Vielfaches mehr als bei privaten Anlagen, versichert Brünner. Hörbar wird das Kraftwerk ohnehin kaum sein, ergänzt Henghuber. „Es darf von außer nicht lauter klingen als eine Spülmaschine.“

Was müsste die Stadt tun?

In erster Linie Grundstücke zur Verfügung stellen. Für die Leitungen in den öffentlichen Straßen und fürs Heizkraftwerk selbst. Henghuber schwebt hierbei ein Vertrag im Erbbaurecht vor. Den marktüblichen Baulandpreis werde man aber nicht bezahlen können, erklärt der Vorstand der MW Biomasse AG. „Um wirtschaftlich arbeiten zu können, müssten wir das sonst an unsere Kunden weitergeben.“ Der Preisvorteil gegenüber Öl und Gas wäre da wohl für einige Zeit dahin.

Gibt es einen Plan B?

Sollte sich keine Mehrheit im Stadtrat finden, habe der Landkreis Interesse signalisiert, ein lokales Nahwärmeprojekt für das Berufliche Schulzentrum zu realisieren. Analog zu den Kraftwerken an der Mittelschule und an der Waitzinger Wiese könnten hier auch andere Gebäude im näheren Umfeld mitversorgt werden, im konkreten Fall letztlich der zuvor genannte Bereich westlich der Schlierach. „Das sind die aus wirtschaftlicher Sicht tief hängenden Früchte“, erklärt Brünner. Die Innenstadt wäre dabei allerdings außen vor. Und: Ein späteres Aufstocken der Kapazitäten sei nur sehr eingeschränkt möglich. Das sollte man bei der anstehenden Entscheidung auf jeden Fall bedenken.

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Wie sieht der weitere Zeitplan aus?

Das hängt ganz von Stadt beziehungsweise Stadtrat ab. Sobald man Baurecht bekomme, könne man loslegen. Laut Brünner könnten Vorarbeiten wie Akquise, Fördermittelbeantragung und Ausschreibung schon heuer über die Bühne gehen. 2023 könnte dann der circa acht bis 14 Monate dauernde Bau erfolgen. Laufe alles glatt, könnten die ersten Haushalte pünktlich zum Winter 2023/24 ans Netz gehen. Für Brünner nicht zuletzt ein großer Beitrag zur Energiewende vor Ort. 36 Prozent der CO2-Emissionen in Deutschland würden beim Wohnen entstehen, die Wärme sei für 50 Prozent des Energieverbrauchs verantwortlich. „Hier müssen wir ansetzen, wenn wir vorwärts kommen wollen.“

sg

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