Abgebrüht am Telefon: Bäckereimeister Florian Perkmann entlarvte den falschen Polizisten und überführte ihn mit einer cleveren Strategie.
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Abgebrüht am Telefon: Bäckereimeister Florian Perkmann entlarvte den falschen Polizisten und überführte ihn mit einer cleveren Strategie.

Gericht verhängt mehrjährige Haftstrafe

„Hallo, hier ist die Polizei“: Bäckermeister aus Miesbach überführt Trickbetrüger

  • Sebastian Grauvogl
    vonSebastian Grauvogl
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Ein falscher Polizist wollte Florian Perkmann übers Ohr hauen. Doch der Miesbacher Bäckermeister drehte den Spieß um - und übergab den Trickbetrüger an die echte Polizei.

  • „Hallo, hier ist die Polizei“: So meldete sich ein Telefonbetrüger bei Florian Perkmann.
  • Der Miesbacher Bäckermeister legte nicht auf, sondern spielte mit.
  • Am Ende übergab Perkmann den Täter an die Polizei - und der wurde jetzt verurteilt.

Miesbach – Ja, er habe einiges an Goldschmuck. Eine Menge Bargeld sowieso. Und wegen seiner leichten Behinderung wäre er sehr dankbar, wenn seine Wertsachen schnell abgeholt und in Sicherheit gebracht würden. Florian Perkmann ließ am Telefon nichts aus, um den Trickbetrügern das Gefühl zu geben, den großen Coup gelandet zu haben. „Die haben das echt alles geglaubt“, erzählt der Miesbacher Bäckermeister, fast ein bisschen überrascht von seinem bislang ungekannten schauspielerischen Talent –und von der Naivität der falschen Polizisten. „Totale Vollidioten“, sagt Perkmann. Und ist stolz, zumindest einen von ihnen an die echte Kripo übergeben zu haben.

Am Dienstag, 7. Juli, klingelte in Perkmanns Wohnung das Telefon. „Unbekannte Nummer“, zeigte das Display an. Als Perkmann abhob, zuckte er kurz zusammen. „Hier spricht die Kriminalpolizei“, meldete sich der Anrufer mit leichtem Akzent. In der Nachbarschaft sei es kürzlich zu einigen Einbrüchen gekommen, ein Mitarbeiter der örtlichen Sparkasse stecke mit den Dieben unter einer Decke, erklärte der angebliche Polizist. Und kam dann gleich zur Sache: „Er hat gefragt, ob ich Geld, Schmuck oder Sparbücher im Haus habe“, erinnert sich Perkmann.

Bei ihm war das sprichwörtliche Zehnerl längst gefallen. Also schaltete der Bäckermeister auf Angriff um. Er tischte den Betrügern eine Lügengeschichte auf, dass sich die Balken bogen. „Die sind bei mir an den Falschen geraten“, erzählt Perkmann und lacht. Am Telefon allerdings setzte er alles daran, sich als perfektes Opfer auszugeben.

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Die Täter nämlich wollten durchaus auf Nummer sichergehen. Sie baten Perkmann, seinen Schmuck zu beschreiben und (natürlich nur, um Falschgeld auszuschließen) die Seriennummern seiner 200- und 500 Euro-Scheine vorzulesen. Da war Perkmanns Kreativität gefragt. „Ich hab weder Schmuck, noch so viel Bargeld im Haus“, berichtet er schmunzelnd. Also habe er schnell im Tablet nach Schmuckfotos gegoogelt und die Nummern von seinen Fünf Euro-Scheinen im Geldbeutel vorgetragen. „Auch das haben sie geschluckt.“

Dann machte Perkmann Druck. Er müsse jetzt dann zum Arzt, log er, um eine schnelle „Übergabe“ zu erzwingen. Die Täter willigten ein und setzten – wie der Bäckermeister später festgestellt hatte – einen 30-jährigen Armenier in Grafing ins Taxi. Der Fahrer habe keine Ahnung gehabt, dass er so unfreiwillig zum Chauffeur eines Fluchtautos wird.

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Als der Betrüger schließlich bei den Perkmanns klingelte, war die Polizei bereits auf dem Weg. Zu einer Verhaftung direkt an der Haustür kam es aber nicht. „Er hat dann schon gemerkt, dass da was nicht stimmt“, erinnert sich der Bäckermeister. Der junge Mann habe daraufhin die Flucht ergriffen und sei in Richtung Schützenstraße getürmt. Dort sei er ins Unterholz gerannt – und schließlich über eine Stützmauer in die Schlierach geplumpst. Die mittlerweile mit fünf Streifen und zivilen Kräften in großer Zahl angerückte Polizei habe sich den angeblichen Kollegen schließlich im angrenzenden Waldstück geschnappt, berichtet Perkmann.

Die (echte) Kripo versuchte danach, an die Hintermänner des Boten heranzukommen. Kein leichtes Unterfangen, wie Perkmann erfuhr. „Die Drahtzieher sitzen meist in der Türkei.“ Dennoch ist der Bäckermeister froh, zumindest einen der falschen Polizisten überführt zu haben. „Der zockt keinen mehr ab.“ Am Donnerstag wurde der Täter, ein 30-jähriger Staatenloser, nun vom Amtsgericht München zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt (siehe Kasten).

Wie gefährlich die Täter sind, habe er am selben Tag in seiner eigenen Familie festgestellt. Kurz nach der Festnahme habe in seinem Haus nochmals das Telefon geläutet. Seine Mutter habe ihn gesagt, die Polizei habe angerufen und gefragt, wie die Übergabe gelaufen sei, erzählt Perkmann sichtlich erschüttert. Dass es nochmals die Betrüger waren, sei ihr gar nicht aufgefallen. „Da sieht man, wie leicht man auf so was reinfallen kann.“

sg

Amtsgericht München verhängt Haftstrafe

Am Donnerstag musste sich der 30-jährige Trickbetrüger nun vor dem Münchner Amtsgericht verantworten. Bäckermeister Florian Perkmann war als Zeuge geladen. Der Sachverhalt werde „im Großen und Ganzen eingeräumt“, ließ der Angeklagte gleich zu Beginn der Verhandlung über seinen Verteidiger erklären und gab damit zu, die Hintergründe der gescheiterten Abholung gekannt zu haben. Häufig ist das anders: Die Abholer stellen sich selbst als Opfer der Hintermänner dar und können dann nur wegen Geldwäsche verurteilt werden. Bestritten hat der Angeklagte allerdings, er sei in die mafiösen Strukturen eingebunden gewesen und habe sich eine dauerhafte Einnahmequelle verschaffen wollen. Beides sah das Schöffengericht anders, verurteilte den Mann wegen versuchten gewerbsmäßigen Bandenbetrugs und Amtsanmaßung zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und vier Monaten und schloss sich damit der Forderung der Staatsanwaltschaft an.

Der Abholversuch sei eine „einmalige Sache“ gewesen, betonten Verteidiger und Angeklagter. Dem allerdings widersprach der Ermittlungsleiter der Kriminalpolizei. Auf dem Handy des Angeklagten konnten Chats festgestellt werden, aus denen sich ergibt, dass dieser bereits im Vorfeld mehrfach Kontakt zu einem Bremer Clan hatte, den die Polizei als Drahtzieher hinter den Betrügereien vermutet. „Zum Kaffeetrinken wird man sich wohl nicht verabredet haben“, schmunzelte der Kriminalbeamte.

Zu der Tat habe er sich aus Frust hinreißen lassen, erklärte der 30-jährige Staatenlose. Sein ausländerrechtlicher Status sei ungeklärt, seit er aus Deutschland ausgewiesen sei. Eine Abschiebung scheitere daran, dass „es kein Land gibt, das ihn aufnimmt“, ergänzte sein Anwalt. Als Geduldeter dürfe er nicht arbeiten, solle aber gleichzeitig Schulden in Höhe von 28 000 Euro bezahlen. Diese Perspektivlosigkeit sei zwar strafmildernd zu berücksichtigen, sagte Richter Lauffer bei der Urteilsbegründung, der Angeklagte habe sie sich jedoch selbst zuzuschreiben: Grund für die Ausweisung seien nämlich seine sechs Vorstrafen. Zuletzt wurde er wegen räuberischer Erpressung zu sechs Jahren verurteilt und nach seiner Haftentlassung Ende 2018 unter Führungsaufsicht gestellt. Wer in offener Führungsaufsicht neuerlich Straftaten begehe, sei hart zu bestrafen, so Lauffer weiter. Dies gebiete die „Verteidigung der Rechtsordnung“. Auch wenn der Angeklagte „austauschbar“ gewesen sei, sei ein zuverlässiger Abholer „eines der wichtigsten“ Glieder in der Kette.

Und Perkmann? Er schilderte im Zeugenstand nochmals die Ereignisse am Tattag, die sich über drei Stunden hinzogen. Wie die Betrüger, die es üblicherweise auf ältere Menschen abgesehen haben, gerade auf ihn gekommen sind, konnte er nicht erklären. Deutlich wurde der Miesbacher Bäckermeister, als der Angeklagte sich bei ihm für die Tat zu entschuldigen versuchte: „Ihr zieht alte Leute über den Tisch, die das ganze Leben gearbeitet haben!“

Von Andreas Müller

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