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Ein Landrat im Grünen: Wolfgang Rzehak in der Miesbacher Riviera. Von seinem Büro aus sind es nur wenige Minuten Fußmarsch in den Park.

„Grüner – grüner Landrat – Landrat“

Das hat er noch vor: Landrat Rzehak im Halbzeit-Interview

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Früher war er der Grüne, jetzt ist er nur noch der Landrat, sagt Wolfgang Rzehak zur Halbzeit im Amt. Ein Gespräch mit dem Mann, den die CSU am liebsten ungeschehen machen möchte.

Landkreis – Sein Terminplan ist dicht gedrängt. „Das ist mein Mittagessen“, sagt Wolfgang Rzehak und deutet lachend auf eine Banane auf seinem Schreibtisch. Auch nach dem Interview, das am frühen Nachmittag stattfindet, wird der Landrat nicht zum Essen kommen. Der nächste Besucher wartet schon. Dass der 49-Jährige trotz Termindrucks dennoch seinen Traumjob gefunden hat, verrät er im Interview.

Herr Rzehak, Halbzeit für Sie als Landrat. Wenn an diesem Sonntag Kommunalwahl wäre, warum sollten die Bürger Ihrer Meinung nach für Sie stimmen?

Rzehak: Ich habe in den vergangenen drei Jahren bewiesen, dass ich’s im Kreuz habe, dass auch ein Grüner einen Landkreis regieren kann. Ich habe einen neuen Stil und Transparenz in die Kreispolitik gebracht, binde die Menschen und meine Verwaltung ein. Ich bin jemand, der gern auf Leute zugeht. Das macht mir Spaß. Wenn ich eine Veranstaltung besuche, bleibe ich nicht nur eine halbe Stunde fürs Foto. Brauchtum und Tradition sind für mich nichts Aufgesetztes.

Füllt Sie das Amt zeitlich mehr aus, als Sie erwartet hatten? Und was sagt die Familie dazu?

Rzehak: Die Aufgabe ist zeitlich sehr anspruchsvoll. 60 bis 80 Stunden pro Woche sind normal. Ich versuche aber, jede Woche einen Tag zu finden, an dem ich nur für die Familie da bin. Diesen Abstand zur Politik braucht man auch. Mein Vorteil ist, dass ich keine Ehrenämter und Nebentätigkeiten habe. Ich kann mich also voll auf meine Arbeit konzentrieren. Wenn mir ein Politiker sagt, dass er nicht mal Zeit hat, für eine Woche in Urlaub zu fahren, dann hat er ein Organisationsproblem. Wer unter der Zeit gut arbeitet, hat auch Raum für Freizeit und Familie.

Vieles, was Sie in Ihrer Freizeit tun, kann man auf Facebook nachverfolgen. Sehen wir in den sozialen Medien den Menschen oder den Politiker Rzehak? Und wo verläuft bei dem, was Sie öffentlich machen, die Grenze?

Rzehak: Für viele Bürger ist es schön zu sehen, dass der Landrat ein normaler Mensch ist, der auch mal in eine Wirtschaft geht und sich nicht nur auf Luxusveranstaltungen rumtreibt. Das macht Politik auch nahbar. Wir leben im Jahr 2017. Der Umgang mit sozialen Medien gehört in der heutigen Zeit einfach mit dazu. Man muss damit aber auch richtig umgehen können und darf sich nicht zum Clown machen.

Was würden Sie nach drei Jahren als Ihren größten politischen Erfolg bezeichnen?

Rzehak: Der deutliche Schuldenabbau. In meiner bisherigen Amtszeit haben wir 25 Millionen Euro getilgt und gleichzeitig große und wichtige Projekte wie die Sanierung des Förderzentrums und den Neubau des Landratsamts in Angriff genommen. Nachhaltigkeit heißt auch, einen handlungsfähigen Haushalt zu hinterlassen. Außerdem habe ich im Landkreis ein anderes Klima geschaffen und Ruhe reingebracht. Es ist eine neue Bescheidenheit und eine Normalität, die man nach den Turbulenzen vor drei Jahren nicht für möglich gehalten hätte. Die Bürger sind wieder stolz auf ihren Landkreis.

Ihr größter Misserfolg?

Rzehak: Enttäuschend ist, dass trotz der guten Zusammenarbeit im Kreistag manchmal politische Spielchen gemacht werden. Da war ich in der Vergangenheit vielleicht etwas zu dünnhäutig – aber man lernt ja auch daraus.

Bei vielen wichtigen Themen lassen Sie sich scheinbar das Heft aus der Hand nehmen. Täuscht der Eindruck?

Rzehak: Mir wird ja immer wieder vorgeworfen, dass ich nicht vorangehe, dass ich nicht das Alphatier bin. Das sehe ich anders. Es ist auch eine Generationenfrage. In der heutigen Zeit wird anders geführt. Ich höre mir Argumente an und entscheide dann. Mein Hauptanliegen ist es nicht, mir als Landrat Denkmäler zu setzen, sondern Politik für die Bevölkerung im Landkreis zu machen. Dieses Ziel zu erreichen, ist wichtiger, als sagen zu können, dass es alleine mein Projekt ist.

Zum Beispiel?

Rzehak: Die Öko-Modellregion ist ein schönes Beispiel. Als mir der frühere Landwirtschaftsamtsleiter Stefan Gabler das Projekt damals bei seinem Amtsantritt vorgestellt hat, war ich sofort Feuer und Flamme. Wir sind dann relativ euphorisch und vielleicht etwas naiv in die Bürgermeisterdienstbesprechung gegangen und dort auf wenig Gegenliebe gestoßen. Dann war mir klar: Es geht nicht darum, dass es mein Projekt ist, sondern dass es umgesetzt wird. Daraufhin haben wir mitgeholfen, dass ein Projekt der Bürgermeister daraus wird.

Sie steuern die Dinge also lieber aus dem Hintergrund?

Rzehak: Von der Kommunalpolitik wird nicht erwartet, große Visionen zu entwickeln, sondern seine Arbeit ordentlich zu machen. Manchmal ist Politik auch Symbol. Wenn der Landrat vorangeht und Bioprodukte nutzt, dann ist das bisweilen mehr wert, als wenn man große Projekte startet. Dass wir jetzt keine Pflanzenschutzmittel mehr einsetzen oder den Fuhrpark umstellen, ist für sich alleine genommen vielleicht nicht so viel. Es sind aber kleine Mosaiksteinchen, die sich zu einem stimmigen Gesamtbild fügen.

Dennoch gibt es ja auch große Herausforderungen. Auf was werden Sie Ihr Augenmerk in der zweiten Halbzeit richten?

Rzehak: Auf einen konsequenten Schuldenabbau und die Verkehrssituation. Man kann das Verkehrsproblem nicht lösen, nur verbessern. Wer behauptet, dass er dafür eine realistische und finanzierbare Lösung hat – das wäre eine Lebenslüge! Umgehungsstraßen allein bringen uns nicht weiter. Der Verkehr wird dadurch nicht weniger. Wir müssen versuchen, mit den Mitteln, die wir als Landkreis haben, weiterzukommen.

Welche Möglichkeiten haben Sie denn?

Rzehak: Hierzu gehört der 30-Minuten-Takt für die Oberlandbahn, über den wir mit der Staatsregierung verhandeln. Dazu müssen wir die Infrastruktur entsprechend ertüchtigen und auch überlegen, ob eine Elektrifizierung auf lange Sicht nicht sinnvoller ist als Investitionen in unausgereifte Technologien wie die Wasserstoffloks. Und wir müssen ein Auge darauf haben, welche Verkehrslösungen es für die Zukunft gibt. Der technische Stand beim autonomen Fahren ist mittlerweile sehr weit. Vielleicht sollte man sich mehr Gedanken in diese Richtung machen, als Millionen in Umgehungsstraßen zu investieren.

Letzteres sind aber Dinge, bei denen Industrie und Bundesregierung gefragt sind. Was kann der Landkreis tun?

Rzehak: Natürlich können wir keine Fördermittel für autonome Fahrzeuge bereitstellen. Aber wir können uns aktiv mit diesen Dingen befassen. Wir brauchen auch eine andere Bauleitplanung, um die Ortszentren zu stärken und nicht alle Einrichtungen auf die grüne Wiese zu pflanzen. Wir brauchen ein vernünftiges Radwegekonzept. D en meisten Autoverkehr verursachen wir selbst, nicht die Ausflügler. Ein Allheilmittel für all das gibt es nicht. Und so ehrlich muss man auch mal sein: Wir leben auf dem Land, nicht in der Stadt, wo alle fünf Minuten ein Bus oder eine U-Bahn fährt.

Die CSU mischt bei Themen wie dem 30-Minuten-Takt kräftig mit und hat Ihnen zuletzt eine Abstimmungsniederlage im Kreistag beschert, als es um die Einsetzung einer Arbeitsgruppe zum Thema Landschaftsschutzgebiete ging. Wie gehen Sie damit um?

Rzehak: Ungeachtet kleiner Scharmützel ist die Zusammenarbeit im Großen und Ganzen sehr gut. Wichtige Entscheidungen wie der Haushalt oder das Förderzentrum fielen ja mit großer Mehrheit. Ich denke, persönliche Angriffe oder Schaufensteranträge kommen bei den Bürgern nicht gut an. Wenn überhaupt, dann möchten sie, dass um Sachargumente gestritten wird. Ich lasse mich nicht verbiegen. Wenn jemand meint, er kann mich mit Anträgen unter Druck setzen, dann wird eben abgestimmt. Die Mehrheit entscheidet. Das heißt aber nicht, dass ich mich dann hinter etwas stelle, was meines Erachtens nichts bringt. Ich lasse mich von der CSU nicht unter Druck setzen. Ich habe keine Angst vor der CSU – warum auch?

Bester Beweis ist die „Bräustüberl-Runde“, initiiert vom CSU-Bundestagsabgeordneten Alexander Radwan und Ihnen, die zu Beginn Ihrer Amtszeit bundesweit für Aufsehen gesorgt hat. Gibt’s die noch, oder hat man inzwischen festgestellt, dass die Unterschiede doch größer sind als die Gemeinsamkeiten?

Rzehak: Die Runde ist leider eingeschlafen. Man hat die schwarz-grünen Gedankenspiele von oben offenbar nicht mehr so gerne gesehen. Der Knick kam mit dem Aufflammen des Asylthemas. Da waren die Grünen auf einmal wieder das Feindbild. Im Nachhinein gesehen waren diese Treffen aber richtig und gut, auch wenn Alexander Radwan und mich politisch schon viel trennt. Vielleicht ist er manchmal auch zu sehr Parteipolitiker, wo ich Dinge im Interesse des Landkreises betrachte. Wenn ich heute ins Fernsehen komme, dann nicht, weil ich Parteivorsitzender werden will, sondern weil es offenbar Themen sind, die überregional interessieren. Wenn wir beispielsweise im Landratsamt eine liberale Linie fahren und beim Asylrecht unseren Ermessensspielraum nutzen.

Sie streben also keine Parteikarriere oder ein Amt auf Landes- oder Bundesebene an?

Rzehak: Das unterstellen mir manche immer wieder, aber wenn ich gesund bleibe, werde ich 2020 wieder als Landrat kandidieren. Diese Aufgabe macht mir Freude.

Wie schätzen Sie Ihre Chancen ein?

Rzehak: Es wird nicht daran liegen, wer die Gegenkandidaten sind, sondern wie ich durch meine Arbeit und Nähe zum Bürger überzeugen kann. Ich kandidiere ja nicht gegen jemanden, sondern für einen anderen Politikstil. Ohnehin spielt die Partei auf kommunaler Ebene irgendwann keine Rolle mehr. Anfangs war ich der Grüne, dann der grüne Landrat, jetzt bin ich einfach nur noch der Landrat.

sh

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