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In Hermine Glise nach der Amputation: Nichts mehr so, wie es war.

Mangelware barrierefreie Wohnungen

Hermine Gliese verliert ihr Bein - und dann ihr Zuhause

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Hermine Gliese hat ihr Bein verloren und braucht eine barrierefreie Wohnung in ihrer Heimatstadt Miesbach. Stattdessen landet die 61-Jährige im Altenheim. Ihr Schicksal teilen viele...

Landkreis – Hermine Gliese (61) lebt seit 25 Jahren in Miesbach. Weil sie ein Bein verloren hat, sitzt sie nun im Rollstuhl. In ihre Wohnung im zweiten Stock kann sie nicht zurück – die hat keinen Treppenlift hat, und auch das Badezimmer ist nicht behindertengerecht. Deshalb ist Gliese im Seniorenzentrum am Schwaighof in Tegernsee untergekommen. Ein barrierefreies Zuhause sucht sie seit über zwei Jahren.

Gliese wird nicht immer einen Rollstuhl brauchen, aber zumindest so lange, bis sie gelernt hat, mit einer Prothese zu laufen. Und auch dann wird das Leben für sie genügend Barrieren bieten. Ein Fersenbeinbruch am rechten Fuß hatte sich vor einiger Zeit so schlimm entzündet, dass ihr Bein bis zum Knie abgenommen werden musste. „Bei der Dialyse haben sie mir gesagt, es kann ein halbes Jahr dauern, bis ich mit Prothese laufen kann“, sagt Gliese. Bis es soweit ist, will sie auf keinen Fall im Seniorenheim leben. „Es kann doch nicht sein, dass es für mich keine Wohnung gibt.“

Gliese sucht nicht erst seit ihrer Operation ein neues Heim. Ihr Mann war an Parkinson erkrankt und dadurch ebenfalls eingeschränkt. Vor zwei Jahren ist er gestorben, Gliese suchte für sich selbst weiter. Sie hat Zettel aufgehängt, Anzeigen geschalten und bei Immobilienanbietern wie der Kreissparkasse nachgefragt. Niemand hatte für sie eine Wohnung mit Lift oder im Erdgeschoss zu einem bezahlbaren Preis.

„Die Stadt bemüht sich wirklich“, sagt sie über die Unterstützung seitens der Behörden. Aber wo es keinen barrierefreien Wohnraum gibt, können auch die nichts ausrichten. Karin Priller vom Sozialamt der Stadt Miesbach weiß: „Es gibt wenige barrierefreie Wohnungen.“ Und meist seien sie nicht dann frei, wenn jemand eine bräuchte. Oder eben nicht bezahlbar.

Barrierefreiheit ist im Gesetz verankert

Anton Grafwallner, Behindertenbeauftragter des Landkreises, kennt die Thematik. „Es ist wirklich das größte Problem, eine barrierefreie Bleibe zu finden.“ Nicht nur im Landkreis, in der gesamten Republik. In Bayern ist sogar im Gesetz verankert, dass bei Neubauten je nach Größe und Art ein Teil der Wohnungen barrierefrei sein muss. Grafwallner sagt: „Nur kontrolliert das eben keiner.“ Er habe versucht, sich dafür einzusetzen. Erfolglos.

Permanent bekommt der Gmunder Anrufe von Betroffenen. „In ihrer größten Verzweiflung rufen die Leute dann bei mir an“, sagt er. Nur helfen könne er auch nicht. Er rate, sich an die Gemeinden zu wenden oder die Fördergelder für einen Umbau in Anspruch zu nehmen.

Anfragen zu Umbauten bekommt die Wohnungsbaugenossenschaft in Hausham schon, weiß Geschäftsführer Karlheinz Frank. Das Unternehmen betreut insgesamt rund 800 Wohnungen in Miesbach, Schliersee, Neuhaus, Fischbachau und Bayrischzell – keine davon ist barrierefrei. „In den betreffenden Wohnungen leben ja meist ältere Leute und die müssten bei einem Umbau erst einmal raus.“ Deshalb hat Frank die Erfahrung gemacht, dass Wunsch und tatsächliche Ausführung meist weit auseinander liegen.

Vorsorglich barrierefrei zu gestalten, sieht Frank nur bei Neubauten als Möglichkeit. „Wir würden 50 Prozent barrierefrei planen“ – wenn es Baugrund geben würde. Freilich spielt bei dieser Art von Neubau dann auch der Preisfaktor eine Rolle. „Die Kosten würden bei barrierefreiem Bauen erheblich steigen“, sagt Frank. Damit meint er nicht nur die Erstellung, auch den Unterhalt. „Ein Aufzug zum Beispiel muss ja in Betrieb gehalten werden.“

Aufzüge wird es auch in Weyarn am Klosteranger geben. Die sieben Mehrgenerationenhäuser mit insgesamt 70 Wohnungen, die die Quest AG dort baut, sind aber nur weitestgehend barrierefrei – nicht nach der DIN-Norm. Bauherr Max von Bredow erklärt: „Beispielsweise haben die Treppen nur einen Handlauf und nicht zwei.“ Dafür hätten alle Wohnungen Zugang zum Fahrstuhl. Durch niedrige Schwellen und die Möglichkeit, den Grundriss selbst zu gestalten, können sie zudem rollstuhlgerecht gebaut werden. „Barrierefreiheit ist bei Wohnungen ein Riesenthema“, sagt von Bredow. Die Leute würden schließlich älter.

Bauherren lassen sich vom TÜV überprüfen

Selbst wenn in der Bayerischen Bauordnung die Vorgabe gemacht wird, einen bestimmten Anteil barrierefrei zu bauen, kontrolliert das der Staat nicht. Von Bredow weiß aber: „Rund die Hälfte aller Bauherren lässt sich freiwillig überprüfen.“ Das übernimmt der TÜV Süd, zumindest was das Gemeinschaftseigentum wie Eingang, Treppenhaus, Tiefgarage angeht. Bei Interessenten macht so eine Überprüfung freilich einen guten Eindruck.

Hermine Gliese wird nun mehrere Wochen auf Reha nach Heilbronn fahren. „Ich will laufen lernen, das ist jetzt das Wichtigste.“ Ihr größter Traum wäre, wenn sie wie in den vergangenen Jahren am Stand in Weyarn wieder Erdbeeren verkaufen könnte. Irgendwann. Oberste Priorität aber hat nun die Gesundheit – und die Suche nach einer barrierefreien Bleibe.

nip

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