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Mittendrin statt nur dabei: Eine der Stärken der CSU ist ihre Volksnähe. An Veranstaltungen wie dem Alpenregionstreffen der Gebirgsschützen nehmen Parteivertreter wie Alexander Radwan (r.) oder Josef Bierschneider ganz selbstverständlich in Montur teil. Ihr Problem: Der grüne Landrat tut das auch.

Drei Jahre nach der Kommunalwahl

Hintergrund: Die Kreis-CSU und ihr Kandidaten-Problem 

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Drei Jahre nach dem Verlust des Landratspostens üben sich die Christsozialen in Zusammenhalt und predigen Zuversicht. Über allem schwebt die Frage: Welcher Kandidat tritt 2020 an?

Landkreis – Eine Veranstaltung in Hausham, die Runde löst sich auf. „Ich muss mich noch vom großen Vorsitzenden verabschieden“, sagt Tegernsees Bürgermeister Johannes Hagn (CSU) trocken und grinst. Dann schüttelt er Alexander Radwan die Hand. Großer Vorsitzender? Da zuckt der CSU-Kreischef doch kurz zusammen. „Will da einer noch was werden?“, feixt eine Parteifreundin. Gelächter, Schulterklopfen, hartnäckige Dementis.

Das mit dem großen Vorsitzenden ist – das muss man in diesen Zeiten wohl ausdrücklich betonen – tatsächlich als Spaß gemeint. Aber die kleine Szene offenbart ein wenig, wie es um die CSU im Landkreis bestellt ist. Ein Vorsitzender, der nah ist und irgendwie doch weit weg. Ein Hoffnungsträger, der für höhere Aufgaben erklärtermaßen nicht bereitsteht. Und eine Parteibasis, die sich fragt, wie das werden soll in drei Jahren.

Ein Mann für schwierige Zeiten

„Es gibt jetzt eine gute Geschlossenheit, die Blicke sind nach vorne gerichtet“, sagt Radwan, wenn man ihn darum bittet, eine Einschätzung zum Zustand seines Kreisverbands abzugeben. „Es herrscht der Wille, wieder zum bestimmenden starken Player zu werden.“ Der 52-jährige Rottacher hat in schwierigen Zeiten übernommen. Damals, 2014, ging ein tiefer Riss durch die Partei. Die einen hielten den politischen Rückzug des früheren Landrats Jakob Kreidl angesichts seiner großen Verdienste für den Landkreis für falsch. Die anderen wollten mit einem, der Partei und eben diesen Landkreis mit seinen Verfehlungen in Verruf gebracht hatte, keinesfalls weitermachen. In der CSU blieb damals menschlich viel auf der Strecke. Es gab gegenseitige Verletzungen, Freundschaften zerbrachen.

Das äußere Ergebnis ist hinlänglich bekannt: Der Posten des Landrats ging an einen Grünen, der des Kreisvorsitzenden an den Bundestagsabgeordneten Radwan. Im Kreistag büßte die CSU bei der Kommunalwahl sieben Sitze ein. Plötzlich war sie nicht mehr bestimmende, sondern nur noch mitbestimmende Kraft. Immerhin: „Wir haben derzeit elf sehr gute Bürgermeister – so viele wie noch nie“, stellt Radwan klar.

Elf Bürgermeister und keine Galionsfigur

Elf Bürgermeister. Ein Pfund, mit dem sich gut wuchern lässt. Und doch befindet sich die Kreis-CSU derzeit in einem eigenartigen Schwebezustand. Inhaltlich fehlt ihr die Überzeugungs- und Durchschlagskraft, nach außen hin die Führungsfigur. „Wir müssen inhaltlich stärker unser Profil schärfen“, sagt einer der elf Bürgermeister nicht ohne Selbstkritik. Und eine Person sollte schon bald – „quasi als Galionsfigur“ – voranschreiten: „Er müsste jetzt zeigen, dass er derjenige ist, an dem künftig kein Weg vorbeiführt.“

Müsste? Tatsächlich hat die Kreis-CSU ein Problem damit, ihr Spitzenpersonal zu benennen. Auch wenn man „gute Leute in ausreichender Anzahl“ in den eigenen Reihen habe, wie es ein Kreisrat formuliert. Das Problem der CSU sitzt ausgerechnet dort, wo sie wieder hin will: im Landratsamt.

Der Wertkonservative aus dem Landratsamt

Wolfgang Rzehak (49), vor drei Jahren noch milde belächelt und als Betriebsunfall abgestempelt, der sich garantiert nicht wiederholen werde, hat sich freigeschwommen. Er, dem radikale grüne Ansichten von jeher fremd waren, bezeichnet sich selbst als „wertkonservativ“. Leichtfüßig wirft er seine Angel an dem Teich aus, den gerne die CSU abfischen würde. Die wiederum rauft sich angesichts seiner Wahrnehmung in der Öffentlichkeit verzweifelt die Haare. „Er schwimmt geschickt und fotogen durch den Landkreis und macht dabei Fehler, die in diesem Maße nicht öffentlich werden“, ärgert sich Radwan und meint dabei Themen wie die Verhandlungen zum Halbstundentakt bei der Oberlandbahn. „In vielen Bereichen herrscht Stillstand.“ Bislang gelingt es der CSU aber kaum, den Fisch zu fassen.

„Die Wahl wird kein Selbstläufer“

„Es wird eine große Herausforderung, einem Landrat, der als akzeptabel wahrgenommen wird, einen Kandidaten entgegenzusetzen“, umreißt ein Mitglied des Kreisvorstands das Dilemma. „Die Wahl wird bestimmt kein Selbstläufer.“ Und so hütet sich derzeit jeder davor, als Kandidat aus der Deckung zu kommen. Zu groß ist die Angst, bis 2020 zerschlissen zu werden. „Es geht uns derzeit nicht um Personen“, stellt Radwan klar. Offizielle Linie: „Die Nominierung erfolgt nach der Landtagswahl im Herbst 2018.“ Eineinhalb Jahre bis zur Kommunalwahl – das sollte reichen.

Radwan unter Druck – von oben und unten

Radwan steht bei dem Thema unter Druck – von oben wie von unten. Die Parteiführung in München erwartet vom Kreisvorsitzenden, dass er die Scharte von 2014 auswetzt. Wer sonst als der erfahrene Parlamentarier, den sie als hochintelligent und manche gar als ministrabel bezeichnen, sollte das hinbekommen? Gerade das jedoch ist Radwans Manko. Wo sein politischer Zwilling Ilse Aigner das Herz anspricht, bedient der Jurist das Hirn. Viele an der Basis fremdeln mit seiner Art. Dass er sich in Berlin für die CSU reinhängt, machen sie ihm dabei nicht zum Vorwurf. Über Telefon und Mail sei er zuverlässig erreichbar. Aber: „Es wäre schon wünschenswert, wenn er im Landkreis und Kreistag präsenter wäre“, sagt ein Bürgermeister. „Wenn wir jemanden vor Ort hätten, der genauso gute Arbeit leistet, wäre das sicher schön.“

Radwan selbst kennt die Bedenken. „Ich werde versuchen, nach der Bundestagswahl wieder regelmäßiger an den Sitzungen teilzunehmen“, verspricht er. „Die Verbindung zur Kommunalpolitik ist mir wichtig. Viele Entscheidungen auf Bundesebene haben unmittelbare Auswirkungen vor Ort.“

Der freundliche Herr und die Attacke

Als Speerspitze im Kreistag fungiert derweil Josef Bierschneider. Der 44-Jährige ist CSU-Fraktionssprecher und als Kreuther Rathauschef der einzige Bürgermeister, der 2020 gefahrlos als Landrat kandidieren könnte. Denn in seiner Gemeinde steht zu diesem Zeitpunkt keine Wahl an. Im Kreistag bläst er mitunter zum Angriff auf den Amtsinhaber – und wirkt bei diesen Auftritten manchmal wie dessen Kopie. Das Problem: „Die Attacke nimmt man ihn nicht ab“, urteilt ein Kreisrat. Er, der stets freundliche und höfliche Herr, wirke wie in eine Rolle gedrängt, die er nicht haben wolle. Bierschneider selbst bezeichnet sich als Mensch, „der lösungsorientiert und nicht auf Krawall gebürstet ist“. Er wolle Themen voranbringen. „Meine Vorstellung ist, dass ein Landrat Dinge anstößt und Visionen entwickelt“, sagt der Fraktionssprecher. „Wenn man sich wie der amtierende Landrat auf das Verwalten beschränkt, kommt man nicht vorwärts.“ Ob er antreten werde? „Die Entscheidung, wer ins Rennen geht, wird erst nach der Landtagswahl getroffen.“ Natürlich von der CSU, nicht von ihm allein.

Ein Stufenplan oder gar ein Bündnis?

Führende Parteimitglieder prophezeien für die kommenden Monate intensive Diskussionen. Der Erfolg, den man anstrebt, schweiße zusammen, heißt es. Tatsächlich ist noch lange nicht ausgemacht, wer 2020 in den Ring steigt. Plant man langfristig – also mit einem Kandidaten wie Bierschneider, der übers Jahr 2026 hinaus im Amt bleiben könnte? Plant man in zwei Stufen – also mit einem Kandidaten wie Holzkirchens Bürgermeister Olaf von Löwis, der 2026 aus Altersgründen für einen dann gereiften jüngeren Kandidaten Platz machen würde? Oder schmiedet man taktische Bündnisse – mit den Freien Wählern zum Beispiel, die über Jahre mit Unterstützung der CSU den Landrat gestellt haben und sich jetzt vielleicht revanchieren könnten.

Meister der Kritik an sich selbst

So oder so – inhaltlich und auch argumentativ werde die CSU in der zweiten Hälfte der Amtsperiode auf einen anderen Modus umschalten, kündigt der Kreisvorsitzende an. „Wir als CSU – und da sehe ich Parallelen zum Bund – sind Meister der Kritik an uns selbst“, hat Radwan festgestellt. „Wir sollten uns aber auch mit dem politischen Kontrahenten mit nicht weniger Beißfreude auseinandersetzen.“ Der Wahlkampf beginnt – irgendwann in den kommenden drei Jahren.

sh

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