Im geheimen Corona-Lager des Landkreises Miesbach
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Geheimer Ort: Weil im Zentrallager des Landkreises für Corona-Schutzausrüstung waren im Wert von Millionen Euro lagern, ist sein Ort geheim. Das Landratsamt fürchtet Diebstahl.

Wie Schutzkleidung zum Empfänger gelangt

Im geheimen Corona-Lager des Landkreises Miesbach

  • Christian Masengarb
    vonChristian Masengarb
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In einer Halle irgendwo im Landkreis lagert Corona-Schutzausrüstung im Wert von Millionen Euro. Die Verantwortlichen entscheiden, wer Masken und Co. bekommt - und wer nicht.

Landkreis – Vor einer Halle, irgendwo im Landkreis, entscheidet Andreas Pohl über Waren, in die das Landratsamt Millionen Euro investiert hat und die Hunderte Leben retten sollen. Der Örtliche Einsatzleiter der Unterstützungsgruppe gegen das Coronavirus sitzt in seinem Einsatzleitwagen mit drei Computern, sechs Bildschirmen und dutzenden Ordnern. Er tippt Zahlen in Excel-Tabellen, die bestimmen, welche Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern im Landkreis wie viel Schutzausrüstung erhalten. Und er weiß um seine Verantwortung: „Am Anfang war ich schon nervös.“ Inzwischen ist er die Ruhe selbst.

Einsatzleitung: Andreas Pohl und Christian Pölt vom Krisenstab koordinieren die Vergabe.

In der Halle neben Pohls Lkw stapeln sich Gesichtsmasken und Feldbetten, Schutzkittel und Desinfektionsmittel vier Etagen hoch auf Holzpaletten. Was aussieht wie ein Ikea-Markt, ist das Zentrallager des Landkreises für Corona-Schutzausrüstung. „Disposable Surgical Face Masks“ steht auf einem Karton. Chinesische Schriftzeichen auf einem anderen.

Den Ort des Lagers darf die Öffentlichkeit nicht erfahren. Die Waren sind wertvoll. Wie berichtet, hat der Kreistag kürzlich 2,5 Millionen Euro für Schutzkleidung bereitgestellt. Jetzt fürchtet das Landratsamt Diebe. Und: Es kann es sich nicht leisten, Ausrüstung zu verlieren.

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Die Zuteilung

Obwohl im Lager Tausende Produkte liegen, reichen sie nach wie vor nicht für alle. Knapp 200 Empfänger melden derzeit ihren Bedarf an das Landratsamt, sagt Christian Pölt, Leiter Einsatz beim Krisenstab. „Tendenz steigend.“ Das vom Freistaat bereitgestellte Material decke „nirgendwo den Bedarf“. Gerade die besonders sicheren FFP3-Masken gebe es fast gar nicht. 3000 Masken haben Organisationen aus dem Landkreis angefragt. Vom Freistaat hat Pölt keine einzige bekommen. 100 hat sein Team organisiert, aus Asien und Deutschland, wie viele der Produkte im Lager. Der Rest bleibt offen.

Deswegen muss Pohl priorisieren. Zusammen mit Versorgungsarzt Dr. Florian Meier entscheidet er in einer Excel-Tabelle, wer Ausrüstung bekommt und wer leer ausgeht. Morgens gibt er die Bestellungen in die Tabelle ein. Dann vergibt er Prioritäten von eins bis drei. Die Drei hat Vorrang, die Eins muss warten. „Akutversorgung geht vor Zahnarzt“, sagt Pohl. Private Anfragen haben keine Chance.

Das System ist ein Eigenbau. Alles, was Pohl und seine Kollegen im Lkw und im Lager nebenan tun, ist Neuland. Zwar hatte das Landratsamt Pläne für eine Pandemie, für Pocken und Anthrax, aber für einen flächendeckenden Shutdown fehlte die Vorlage. Auch die Schneekatastrophe im Winter forderte eine andere Vorgehensweise. „Es ist ein wenig Freestyle“, sagt Pohl. Er könne aber mit dem Druck umgehen. So sei das bei allen Einsätzen.

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Das Lager

Die Bestellungen, die Pohl in seinem Lkw zuweist, schickt er ins Lager zu Johannes Kaußler. Der 28-Jährige vom THW leitet es, obwohl der gelernte Veranstaltungstechniker vorher nie etwas mit einem Lager zu tun hatte. „Es war von 0 auf 100“, sagt er. „Das macht den Job spannend. Ein Team zu haben, hilft, mit dem Druck umzugehen.“

Heute bearbeitet er im Lager mit professioneller Warenwirtschaft bis zu 150 Aufträge pro Tag, die oft aus drei, vier Paketen bestehen. Er klebt Schilder an jeden Karton, die dessen Inhalt verraten. Manchmal muss er die chinesischen Lieferpapiere im Internet übersetzen. Zehn THWler teilen sich die Arbeit im Lager, drei sind immer da.

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Die Auslieferung

Kommt eine Bestellung von Pohl, suchen die THWler die Artikel im Lager zusammen und legen sie in ein Regal vor der Halle. Täglich um 13 Uhr fahren dort die Helfer des BRK vor, sammeln sie ein und verteilen sie an die Empfänger im Landkreis. Meist noch am Tag der Bestellung, spätestens am Tag danach erreicht die Schutzkleidung den Empfänger. 5000 Kilometer sind seine Mannen dafür alleine im April gefahren, rechnet Manfred Edenhofer, Leiter des Fahrdienstes, vor. Manchmal waren sie bis spät in den Abend unterwegs.

Lieferung: Die Fahrer des BRK um Manfred Edenhofer (v.r.) bringen die Ausrüstung an den Mann.

Ohnehin: Die Arbeitszeiten zehren an allen hier. Früher arbeiteten die Einsatzkräfte im Drei-Schicht-Betrieb rund um die Uhr. Inzwischen reicht eine Schicht am Tag. Trotzdem: Sein Arbeitstag beginne um 6.15 Uhr mit der Besprechung am Landratsamt, berichtet Pölt. „Manchmal fahren wir um 22 Uhr Waren aus.“ Urlaub hat er seit Beginn der Pandemie nicht genommen. Viele Ehrenamtliche arbeiten nebenbei. Auch Pohl hat Familie, Kinder im Homeschooling. Er merkt die Folgen der Pandemie. Aber er nimmt es mit Humor: „Immerhin durften wir mal raus, als alle anderen unter Quarantäne standen.“

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