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Die 125 Bibel-Exemplare in der Portiunkulakirche erzählen während der Ausstellung viele persönliche Geschichten. Inge Jooß (r.) kennt sie alle, und erzählt sie gerne weiter, wie hier an Pastoralreferentin Kathrin Baumann. 

Bibelausstellung in der Portiunkulakirche

Die Beziehung der Miesbacher zu ihren Bibeln ist eine besondere

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125 Bücher, in denen es um dieselbe Geschichte geht – und doch sind sie alle anders. Die Bibelausstellung in der Portiunkulakirche in Miesbach zeigt, welche Erinnerung die Menschen mit ihrer Bibel verbinden.

Miesbach – Inge Jooß öffnet die schwere Holztür am Eingang der Portiunkulakirche in Miesbach. Die kühle Luft im Inneren wirkt an einem Sommertag wie diesem beinahe wie ein Sprung ins Schwimmbecken. Statt Badespaß wartet in der Kirche aber eine Ausstellung: Auf den Sitzbänken und extra aufgestellten Tischen liegt in verschiedenster Ausfertigung das Wort Gottes, die Heilige Schrift, das sogenannte Buch der Bücher. Die Bibel.

Kulturreferentin Jooß hatte die Miesbacher aufgerufen, ihre Bibeln für eine solche Ausstellung zur Verfügung zu stellen. 125 Exemplare hatte sie erhalten – große, kleine, alte, nachgedruckte, für Kinder und welche in Fremdsprachen. Sie hätte noch mehr bekommen. „Aber wir haben kaum Platz“, sagt die ehemalige Religionslehrerin. Jooß hat die Bibeln alle selbst bei den Besitzern abgeholt und sich die Geschichten angehört, die die Leser mit dem Buch verbinden.

An einem runden Tisch liegen die Lutherbibeln. Jooß hat die Exemplare thematisch sortiert und beschriftet. Ende des 19. Jahrhunderts waren die Lutherbibeln in Massen gedruckt worden – deshalb sehen viele der ausgestellten Bücher ähnlich aus. Was innen drin steht, macht den Unterschied. „Damals bekamen die Leute solche Bibeln zur Hochzeit geschenkt,“ erzählt Jooß. Auf den ersten Seiten finden sich Widmungen oder ganze Familienchroniken. Der Brauch geht bis in die 1930er Jahre. „Das Bibel als Buch ist heute in Familien nicht mehr selbstverständlich“, sagt Jooß. Viele hätten keine mehr zuhause, würden sich Informationen im Internet besorgen. Die meisten der ausgestellten Bücher stammen deshalb von Miesbachern der älteren Generation.

Miesbacher wie Bernhard Bommer vom gleichnamigen Schreibwarengeschäft. Über mehrere Jahre hinweg hat er das Neue Testament handschriftlich abgeschrieben. Genau wie ein Buch voll Psalmen, das nun in einer Glasvitrine in der Portiunkulakirche zu sehen ist. Der Einband aus Leder, darauf grüne Edelsteine. Die Handschrift des Autors so regelmäßig, wie es heute nur Computer können.

Einmerker in den Bibeln, Randnotizen, manchmal gar Einkaufszettel. In einer Taschenbibel stehen am Rand die Orte und Jahreszahlen, wo und wann die Besitzerin die Stelle gelesen hat: Mexico City 2000, Peking 2005. „Ich dachte, ich hole die Bücher bei den Leuten nur ab“, sagt Jooß und lächelt. „Aber es hat sich immer ein langes Gespräch daraus ergeben.“ Zum Beispiel mit einer Dame, die Missionsschwester gewesen war. Als Krankenschwester war sie auf den Philippinen und in Südafrika. Dort lernte sie Pidgin, eine sprachliche Mischung aus Englisch, Französisch, Spanisch und Portugiesisch aus der Kolonialzeit. Und eine Bibel auf dieser Sprache findet sich seither in ihrem Besitz.

Bibeln gibt es in allen Sprachen, in der Ausstellung sind unter anderem welche aus Afrika oder Amerika. Nur: „Die Bibel kann man nicht immer übersetzen“, sagt Jooß. Sie hat viel gelesen und für die Ausstellung Infotafeln fertigen lassen. „Wie sollte man einem Eskimo die Wüste erklären?“ Oder ein Schaf? Jooß lacht. Aus Letzterem sei in den Übersetzungen eben ein Seehund geworden. Die Geschichte, sie bleibt dieselbe. Nur die zwischen den Zeilen ist jedes Mal eine andere.

Die Bibelausstellung ist noch von Donnerstag, 22. Juni bis Sonntag, 25. Juni, und am Donnerstag, 29. Juni, geöffnet. Jeweils von 14 bis 17 Uhr können die Exemplare in der Portiunkulakirche besichtigt werden.

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