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Josef Rauffer

Zum Osterfest

In die Seelsorge: Dieses Quartett hat den Neuanfang gewagt

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Vom Banker zum Seelsorger: Diesen auf den ersten Blick außergewöhnlichen Werdegang haben gleich mehrere Geistliche im Landkreis gewählt. 

Landkreis – Das Wort Neuanfang kommt in vielen Osterpredigten vor. Als zentraler Bestandteil der Botschaft des Auferstehungsfestes bietet es eine gut geeignete Möglichkeit, den Kerngedanken des christlichen Glaubens auch fast 2000 Jahre nach dem Leiden und Sterben Jesus in das praktische Leben der Menschen der heutigen Zeit zu übertragen. Einige Priester im und aus dem Landkreis können dabei auch einfach aus ihrer eigenen Biografie berichten. Denn sie sind nicht direkt zu ihrer Berufung als Seelsorger gekommen, sondern haben zuerst in ganz anderen Bereichen gearbeitet.

Josef Rauffer (30)aus Fischbachau

Schon in seinem ersten Beruf hatte Josef Rauffer aus Fischbachau mit den Lebensgeschichten von Menschen zu tun. Als gelernter Bankkaufmann war seine Beratung vor allem dann gefragt, wenn sich Veränderungen in den Biografien seiner Kunden abzeichneten. Ob Heirat, das erste Kind oder ein Erbe bei einem Todesfall: „Der Schritt zur Seelsorge war da gar nicht mehr so groß“, sagt Rauffer, der seit August 2017 als Kaplan im Stiftsverband Berchtesgaden tätig ist. Für ihn persönlich aber war er umso weitreichender.

Zur Kirche gekommen ist Rauffer über die Musik. Seit er 14 Jahre alt war, spielte er Orgel in Fischbachau, später auch in Birkenstein. Dennoch entschied er sich nach der Hauptschule für eine Lehre bei der Sparkasse. „Pragmatisch, nicht aus Leidenschaft“, sagt er. Die Ausbildung bereitete ihm durchaus Freude, doch der Gedanken, bis zur Rente im Finanzwesen zu arbeiten, machte ihm Angst. Immer öfter stellte er sich die Frage nach dem Sinn seines Lebens. Und er fand er eine Antwort darauf: weg von den Zahlen, hin zu den Menschen – und damit zur Theologie. „Die greift die wirklich großen Fragen auf“, sagt Rauffer.

Was genau den Mut zum Neuanfang in ihm ausgelöst hat, kann der Priester heute nicht mehr genau sagen. „Das war nichts Rationales“, sagt er. „Eher ein übernatürlicher Antrieb.“ Bereut hat er die Wandlung nie, auch wenn ihm die Seelsorge vieles abverlangt. Die Umbrüche in der Kirche seien massiv, und damit auch die Unsicherheit. „Ich habe keine Vorstellung, wie mein Leben in fünf Jahren aussieht“, sagt Rauffer. Sein Glaube gibt ihm Kraft. Die Überzeugung, dass es jemanden gibt, der einen ans Ziel führt. „Das“, sagt Rauffer, „ist die eigentliche Osterbotschaft.“

Manfred Bauer (62)aus Miesbach

Mehr als 30 Jahre bei der Bank „ausgehalten“ hat es Manfred Bauer, heute Diakon im Pfarrverband Gmund-Bad Wiessee. 1971 fing er eine Lehre bei der Dresdner Bank an, später arbeitete er sich bis zum Filialleiter nach oben. „Ich bereue diese Zeit nicht“, sagt der 62-Jährige, der seit 1988 mit seiner Familie in Miesbach lebt. Und doch entfremdete er sich ab Ende der 1990er-Jahre immer mehr von seinem Beruf. Die fast schon „rebellionsmäßige“ Revolution des Bankenwesens, das letztlich in der Finanzkrise gipfeln sollte, wollte Bauer nicht mehr mittragen. Immer mehr Technik, aber immer weiter weg von den Kunden – und damit auch den Menschen: hier fühlte sich Bauer nicht mehr wohl.

Manfred Bauer

Sein neues „Zuhause“ fand er in der Kirche. Ein aus heutiger Sicht eigentlich naheliegender Schritt, findet der Diakon. Seit der Erstkommunion ging er regelmäßig in den Sonntagsgottesdienst, später sang er im gregorianischen Choral. Auf die Idee, sein „Hobby“ zum Beruf zu machen, brachten ihn jedoch seine Frau und seine beiden Zwillingstöchter. Nach einem Gespräch im Erzbischöflichen Ordinariat stand 1999 fest: „Papa studiert Theologie.“ 2005 ließ sich Bauer dann zum Diakon weihen. 13 Jahre später kann der Miesbacher sagen, dass sein Neuanfang auch ein Ankommen war. „In der Kirche kann ich den Dienst an und mit dem Menschen in größter Freude erleben.“

Hans Sinseder (62)aus Schliersee

Die Suche nach der Quelle führte Schliersees Pfarrer Hans Sinseder über mehrere Stationen. Im Alter von 40 Jahren hatte er seine Heimat bei Gott gefunden: 1996 ließ sich der heute 62-Jährige zum Priester weihen. Obwohl die Nähe zur Kirche bei ihm immer vorhanden war – zuerst als Ministrant, dann in der katholischen Landjugend und als Ersatzmesner – schlug Sinseder beruflich zunächst eine ganz andere Richtung ein.

Hans Sinseder

Nach der Mittleren Reife ließ er sich zum Bankkaufmann ausbilden. „Damals hat man sich noch keine großen Gedanken gemacht, was man eigentlich machen will“, erinnert er sich. „Erfüllend war es aber nicht.“ Aus heutiger Sicht noch weniger. Banker sei mittlerweile ein reiner Verkäuferberuf, unpersönlich und mit großem Erfolgsdruck. 1981 entschied sich Sinseder daher zu seinem ersten Neuanfang. Er machte bei den Barmherzigen Brüdern eine Lehre zum Krankenpfleger. „Ich wollte im sozialen Bereich arbeiten“, sagt er.

Den letzten Anstoß zum Wechsel in die Seelsorge erhielt Sinseder bei seinem Missions-Einsatz in Venezuela. Er wechselte an das Priesterseminar in Lantershofen, wo er in sieben Jahren auch ohne Abitur ein intensives Studium absolvierte. In seinem Primizspruch griff Sinseder dann seinen Weg zum Pfarrer nochmals auf: „Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so lechzt meine Seele nach dir, Gott.“

Horst Blüm (57)aus Holzkirchen

Lange Zeit kannte Horst Blüms Karriere nur eine Richtung: steil nach oben. „Das wollte ich damals auch“, sagt der heutige Diakon im Pfarrverband Irschenberg und Seelsorger im Krankenhaus Agatharied. Als Diplom-Ingenieur fasste er im Vertrieb bei Siemens Fuß, kümmerte sich vier Jahre lang um das Auslandsgeschäft in Australien. Was nach einem Traumjob klingt, belastete Blüm immer mehr. „Letztlich ging es nur um Umsatzzahlen und Geld“, sagt der Holzkirchner.

Horst Blüm

Blüm spürte, das ihn das auf Dauer nicht zufriedenstellte. Also wechselte er zuerst in die Personalentwicklung und später in den Bereich Qualifizierung und Training. Hier hatte er nun zwar mit Menschen zu tun, der Ergebnisdruck war aber der gleiche. „Auch die Trainings wurden verkauft“, erzählt Blüm. Spätestens jetzt merkte der heute 57-Jährige, dass er etwas grundsätzliches ändern muss. „Ich habe ein Leben gelebt, das nicht so richtig meins war“, erinnert er sich.

Von heute auf morgen alles hinzuschmeißen, schloss der Familienvater aus. Schließlich hatte er gerade erst ein Haus gekauft. Stattdessen begann er ein Fernstudium in Psychologie, wechselte aber bald in die Theologie. Als er erfuhr, dass die Ausbildung zum Diakon berufsbegleitend möglich ist, hatte er seinen Weg gefunden. 2010 wurde Blüm geweiht.

Immer wieder hat er nun mit Menschen zu tun, die scheinbar in einem Hamsterrad gefangen sind. Er rät ihnen, ihrer Sehnsucht im Herzen zu folgen, die Fühler auszustrecken und etwas auszuprobieren. „Ein Küken muss irgendwann die Eierschale durchbrechen“, sagt Blüm. Der christliche Glaube fordere geradezu dazu auf. „Wir haben eine Religion des Aufbruchs.“ Besonders an Ostern lohne es sich, sich das wieder bewusst zu machen.

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