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Als Erfolgsprojekt von Max Niedermeier (r.) hat sich die PIA-Integrationswerkstatt in der Berufsschule Miesbach erwiesen, das auch durch die Spendenaktion „Leser helfen Lesern“ unterstützt wurde.

Max Niedermeier ist seit fünf Jahren im (Ehren)amt

Integrationsbeauftragter im Interview: „Jetzt fängt die Arbeit erst richtig an“

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Vor fünf Jahren hat Max Niedermeier das Amt des Integrationsbeauftragten des Landkreises übernommen. Hier erklärt er, wie er die Flüchtlingswelle erlebt hat und was uns noch erwartet.

Landkreis – Eigentlich wollte Max Niedermeier nur ein bisschen zuhören. Sich ein paar Tipps holen, wie man die ausländischen Mitbürger besser in den Sportvereinen im Landkreis integrieren kann. Keine große Sache für den pensionierten Betriebsprüfer beim Finanzamt und früheren Zweiten Bürgermeister von Miesbach. Ehrenamtliches Engagement war ihm nie fremd. So ließ er sich 2013 auch zum Integrationsbeauftragten des Landkreises bestellen. Doch ehe er sich einfinden konnte, war er schon mittendrin in der Flüchtlingskrise. Am 1. April ist Niedermeier nun seit fünf Jahren im Amt. Im Interview blickt der 70-Jährige auf eine Zeit zurück, die nicht nur ihn bisweilen an die Grenze der Belastbarkeit gebracht hat. Und er erklärt, warum dies an seiner Hilfsbereitschaft nichts geändert hat – und die Arbeit jetzt erst richtig anfängt.

-Herr Niedermeier, erinnern Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit Flüchtlingen?

Max Niedermeier: Sehr gut sogar. Das war irgendwann im Sommer 2013, kurz nachdem ich mein neues Ehrenamt angetreten hatte. An einem Freitagabend sind zwei Eritreer mit Plastiktüten am Bahnhof gestanden. Sie hatten nichts dabei – und wir hatten alle keine Ahnung. Woher auch: Das Thema Asyl war bis dahin quasi nicht existent im Landkreis. Und auch ich hatte eine ganz andere Vorstellung von dem, was ich als Integrationsbeauftragter bewegen wollte.

-Nämlich?

Max Niedermeier:  Ich wollte mich unserer 12 000 ausländischen Mitbürger im Landkreis annehmen. Da gab es viele kleinere Baustellen, die ich in Angriff nehmen wollte. Wenige Monate später musste ich mich um Menschen kümmern, die nicht mal was zum Anziehen hatten, denen unsere Kultur und Sprache komplett fremd war. Um Schicksale, die wir uns in ihrer Dramatik nicht mal ansatzweise vorstellen können.

-Wie sind Sie also vorgegangen?

Max Niedermeier:  Wir haben einfach angefangen, denn vorbereiten konnten wir uns ja nicht. Rückblickend war das aber vielleicht auch ganz gut, weil wir uns so einfach am Bedarf orientiert haben. Wegweisend war sicher die frühzeitige Gründung des Integrationsbeirats. So ist ein Netzwerk zwischen Helfern, Gemeinden, Bürgermeistern und Ausländerbehörde am Landratsamt entstanden. Davon profitieren wir noch heute. Auch das Spendenlager im alten Miesbacher Kloster und die ersten Sprachkurse stammen aus dieser Zeit. So haben wir aus der Praxis heraus Strukturen geschaffen, um die uns viele andere Landkreise beneiden.

-Das geht aber auch nur, wenn der Rückhalt in der Bevölkerung da ist, oder?

Max Niedermeier:  Absolut. Wir konnten von Anfang an voll auf die Unterstützung von Organisationen wie dem Roten Kreuz, der Caritas, der Diakonie oder aber auch der Kirchen und der Volkshochschulen zählen. Das war wirklich beeindruckend. Genauso wie die vielen ehrenamtlichen Helfer, die sich uns angeschlossen haben. Gerade die Altgedienten, die schon Erfahrungen mit den Russland-Deutschen oder den Zuwanderern im Zuge der Jugoslawien-Krise gemacht haben, waren eine wertvolle Stütze für mich. Auch wenn diese Situationen natürlich in keiner Weise mit dem zu vergleichen waren, was dann ab 2014 über uns hereingebrochen ist.

-Die Flüchtlingswelle von der Balkan-Route.

Max Niedermeier:  Genau. 2015 war ein regelrechter Umbruch in unserer Arbeit zu spüren. Während wir uns im Jahr davor noch um Dinge wie Ausflüge für unsere Flüchtlinge kümmern konnten, damit sie unsere Kultur kennenlernen, ging es jetzt plötzlich darum, die große Zahl an Menschen überhaupt noch unterzubringen. Leider mussten wir da auch auf Massenunterkünfte zurückgreifen. Vor allem mit der Erstaufnahmeeinrichtung in der Miesbacher Berufsschulturnhalle hat uns die Regierung von Oberbayern viel Ärger eingebrockt.

-Warum?

Max Niedermeier:  Das Problem war, dass auf einen Schlag 300 Flüchtlinge mehr in Miesbach waren. Wir als Helfer konnten uns nicht wirklich um sie kümmern, weil wir mit den anderen Flüchtlingen in Miesbach voll ausgelastet waren. Diese Situation hat in wenigen Monaten eine Missstimmung in der Bevölkerung erzeugt, unter der auch alle anderen unserer Asylbewerber gelitten haben. Da ist ein negatives Bild entstanden, das noch heute in den Köpfen herumspukt. Und das, obwohl die meisten der damaligen Hallenbewohner wieder in ihre Heimat zurückgeschickt wurden.

-Wie sehr hat Sie diese Ablehnung auch persönlich getroffen?

Max Niedermeier:  Ich lasse das nicht so sehr an mich heran. Anfeindungen habe ich aber zum Glück kaum erhalten. Was bei Facebook passiert, bekomme ich nicht mit. Ist vielleicht auch besser so. Es liegt einfach in meiner Mentalität, Menschen in Notsituationen zu helfen. Dabei bin ich weder blauäugig, noch ein Gutmensch. Dafür habe ich zu viele schlaflose Nächte verbracht.

-Aus welchem Grund?

Max Niedermeier:  Unterschiedlich. Besonders schlimm war die Unsicherheit über den Versicherungsstatus von Flüchtlingen. Ich habe sie zum Fußballspielen geschickt, damit sie eine Beschäftigung haben. Damit hätte ich mich auch verantwortlich gefühlt, wenn ihnen was passiert wäre. In dieser Zeit hatte ich viele Schweißausbrüche, wusste nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Der Balanceakt, zwischen den Helfern und dem Landratsamt vermitteln zu müssen, hat mir einiges abverlangt – auch heute noch.

-Weil die Behörde nicht kooperiert?

Max Niedermeier:  Nein, das ist es nicht. Ich finde, dass die Zusammenarbeit trotz der großen Herausforderung schon funktioniert. Klar hat es immer wieder Streitpunkte gegeben. Ich bin ein Teamworker und würde die Dinge lieber pragmatisch lösen. Eine Behörde muss dagegen an ihren Strukturen festhalten, weil sie anders nicht arbeiten könnte. Dass ich da mit meinem Herzblut nicht immer durchdringe, musste ich erst lernen. Genauso wie die Tatsache, dass auch dem Landratsamt die Hände gebunden sind – zum Beispiel in der Frage, ob Flüchtlinge arbeiten dürfen.

-Gerade hier gibt es immer wieder heftige Kritik von Helfern.

Max Niedermeier:  Das kann ich durchaus nachvollziehen. Auch ich bin der Meinung, dass Flüchtlinge eine sinnvolle Beschäftigung brauchen. Darum hoffe ich auch, dass wir weitere finanzielle Unterstützung für unsere Integrationswerkstatt im Pakt für Integration und Arbeit bekommen. Eine Prognose traue ich mir aber nicht zu. Wir müssen leider einfach abwarten, was die große Politik entscheidet. Dass das für Frustration unter den Helfern sorgt, wundert mich nicht.

-Überhaupt hat man das Gefühl, dass das Thema Asyl mit dem Abebben des Flüchtlingsstroms nicht mehr so präsent ist in der Öffentlichkeit. Teilen Sie diese Einschätzung?

Max Niedermeier:  Teilweise ja. 2015 hatten wir bis zu 600 Helfer, jetzt sind es noch 300. Der harte Kern ist dabeigeblieben. Zum Glück, denn jetzt geht die eigentliche Integrationsarbeit erst richtig los. Die Flüchtlinge ziehen in Wohnungen, gründen Familien und wollen sich hier etwas aufbauen. Und damit stehen sie zum ersten Mal in potenzieller Konkurrenz zur einheimischen Bevölkerung. Das birgt Konfliktpotenzial.

-Fürchten Sie soziale Unruhen?

Max Niedermeier:  So weit darf es nicht kommen. Wir brauchen Toleranz von beiden Seiten, nur so kann wirkliche Integration gelingen. Wie wir dieses Ziel erreichen können, wollen wir in einer neuen Ethikkommission erarbeiten. Eines muss uns aber klar sein: Die Arbeit wird nicht weniger.

-Hand auf’s Herz: Wie lange wollen Sie sich das noch zumuten?

Max Niedermeier:  Ich habe mir da kein Limit gesetzt. Solange ich noch dazu in der Lage bin und meine Unterstützung noch gefragt ist, mache ich weiter. Man bekommt ja auch viel Dankbarkeit von den Menschen zurück. Eigentlich wollte ich mich ja viel mehr in der Volkshochschule mit dem Studium Generale beschäftigen, das muss ich mir jetzt leider sparen. Als Integrationsbeauftragter lerne ich mit der Praxis.

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