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Intensivstation Agatharied: Weihnachten zwischen Christbaum und Beatmungsmaschinen

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Von: Christian Masengarb

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Immer ansprechbar: Offiziell arbeiten an Heiligabend weder der Leitende Oberarzt der Intensivstation, Dr. Wolfgang Manert (l.), noch deren Pflegerischer Leiter, Michael Ströhla. Wirklich frei hat aber keiner von beiden.
Immer ansprechbar: Offiziell arbeiten an Heiligabend weder der Leitende Oberarzt der Intensivstation, Dr. Wolfgang Manert (l.), noch deren Pflegerischer Leiter, Michael Ströhla. Wirklich frei hat aber keiner von beiden. © Krankenhaus Agatharied

In der Intensivstation des Krankenhauses Agatharied sorgen die Angestellten mit einem Weihnachtskalender und einem Weihnachtsbaum für festliche Stimmung. Corona trübt dort auch am Heiligen Abend die Freude. Doch Ärzte und Pfleger tun ihr Möglichstes für die Patienten – selbst wenn sie offiziell dienstfrei haben.

Agatharied – Wenn Michael Ströhla (45) am Heiligen Abend beim Vorlesen der Weihnachtsgeschichte die Augen seiner beiden Töchter leuchten sehen wird, wird er auch an die Menschen denken, die auf der Intensivstation in Agatharied darum kämpfen, je wieder solche Momente mit ihren Familien zu erleben. Ströhla freut sich seit Wochen auf das Fest bei seinen Eltern in Oberfranken. Weihnachten verbindet seinen Glauben an Gott mit der Liebe zu seiner Familie. Selbst gebackene Kekse, der Duft von Stollen, das Knistern von Geschenkverpackungen. Doch weil Ströhla die über 40 Pflegekräfte der Agatharieder Intensivstation leitet, wird ihn das Krankenhaus auch an diesem Tag beschäftigen. Wenn Pfleger Rat brauchen oder ausfallen, wird sein Telefon klingeln.

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Wirklich frei hat auch an Weihnachten kaum ein Intensiv-Mitarbeiter

Ströhla ist einer der beiden Hauptverantwortlichen, die die Intensivstation auch an Weihnachten am Laufen halten. Der andere ist der Leitende Oberarzt Dr. Wolfgang Manert (65). Er wird den Weihnachtsabend mit seiner Patchwork-Familie in Gmund verbringen. Am 24. Dezember kommen die drei Kinder seiner Frau, am 25. stoßen seine eigenen drei Kinder hinzu. Am 26. fährt er wieder zur Arbeit. An Heiligabend könnte sein Telefon klingeln, wenn die Intensivbetten nicht ausreichen.

Dass das Telefon außerhalb der Arbeitszeit klingelt, gehöre dazu, sagt Manert. Früher habe er aber meist schnell Auskunft geben können. Das Fachliche habe man eben irgendwann drauf. Die Pandemie schaffe neue Probleme, für die oft gute Lösungen fehlen. Braucht ein Patient eine Beatmung, obwohl alle Betten voll sind, muss er unter Zeitdruck Behandlungspläne umwerfen und Entscheidungen abwägen. Passiert das am Weihnachtsabend, frisst es viel Zeit. „Der Druck ist gewachsen.“

Ärzte und Pfleger arbeiten in Agatharied entweder über Weihnachten oder über Neujahr. Manert hat die Weihnachtsschicht erwischt. Den 24. und den 25. haben ihm Kollegen abgenommen. Einige arbeiteten gerne an Heiligabend, weil dieser auch den Patienten viel bedeute. An diesen Tagen können sie Menschen, die um ihr Leben kämpfen, Hoffnung zusprechen. Empathische Leute, wie es viele Pfleger und Ärzte sind, zieht das ins Krankenhaus.

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Weihnachtsstimmung dank Christbaum, Deko und Festessen

Weihnachtliche Stimmung werden sie auch dort genießen. Junge Pfleger basteln jährlich einen Weihnachtskalender, der die Mitarbeiter mit Plätzchen, Chips und Snacks versorgt. Die Pfleger haben einen Weihnachtsbaum organisiert, Spender schicken Deko. Am ersten Weihnachtstag kocht der Oberarzt für alle. Manert: „Die Stimmung ist an Weihnachten auf der Intensivstation ganz angenehm.“ Viel hänge davon ab, wie es den Patienten geht.

Das vorherzusagen, ist durch Corona schwieriger geworden. „Manche Patienten kommen morgens ins Krankenhaus und brauchen abends eine Beatmung.“ Früher sei die Lage berechenbarer gewesen. Manert und Ströhla planen daher über Weihnachten trotz reduziertem OP-Programm volle Schichten. Corona lässt nichts anderes zu.

Ein weiterer Grund dafür: Selbst wenn auf der Agatharieder Intensivstation an Weihnachten nicht mehr Patienten liegen sollten als die Jahre zuvor, werden diese Pfleger und Ärzte deutlich mehr belasten, sagt Ströhla. „Es gibt fast keine leichteren Fälle mehr.“ Verschiebbare Behandlungen hat das Krankenhaus schon vor Wochen verschoben. Wer jetzt in den Intensivbereich verlegt wird, ist schwerstkrank. Krebs, Corona, deutlich mehr beatmete Patienten, die viel Aufmerksamkeit erfordern. Neue Pfleger, die früher mit leichteren Fällen an die Arbeit herangeführt wurden, steigen jetzt mit Patienten ein, die ums Überleben kämpfen. Druck und Risiko wachsen – und somit die Chance, neue Mitarbeiter zu vergraulen. Ströhla: „Sie müssen an die Front und werden überfahren.“ Die Pandemie nage am Personal.

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Omikron trübt die Vorfreude aufs neue Jahr

Noch verfügt die Intensivstation über genügend Angestellte. „Die Leute springen ein, bieten ihren Urlaub an“, sagt Ströhla. „Man kann stolz sein.“ Doch die reinen Zahlen erzählen auch hier nur die halbe Geschichte, sagt Manert. Erfahrenes Personal habe wegen der Corona-Dauerbelastung gekündigt. Nachgerückt seien Pfleger aus dem OP-Saal, Tageskräfte und frisch Ausgebildete. Höhere Anforderungen treffen auf weniger eingespielte Teams. Das erschwere auch den Ärzten die Arbeit.

Die Zäsur Weihnachten verdeutlicht dem Intensivpersonal auch, wie wenig sich die Pandemiesituation im Vergleich zum vergangenen Jahr verbessert hat. „Bis jetzt haben wir jeden Patienten so behandelt, dass wir danach in den Spiegel schauen konnten“, sagt Manert. „Aber gerade so.“ Schon die vierte Corona-Welle treffe die Intensivstation viel stärker als die dritte. Dass im kommenden Jahr Omikron droht, alles noch schlimmer zu machen, könne kein Mitarbeiter der Intensivstation ausblenden. „Auch an Weihnachten nicht.“

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