Mitorganisatoren: Zwei Wochen im März beschäftigt sich Miesbach mit dem Thema Rassismus. Inge Jooß (l.) und Max Niedermeier haben das Programm mitgestaltet. Die Integration laufe zu schleppend, sagt Niedermeier.
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Mitorganisatoren: Zwei Wochen im März beschäftigt sich Miesbach mit dem Thema Rassismus. Inge Jooß (l.) und Max Niedermeier haben das Programm mitgestaltet. Die Integration laufe zu schleppend, sagt Niedermeier.

„Leute, passt’s auf! Rührt’s euch! Sagt’s was!“

Internationale Woche gegen Rassismus: Miesbach erstmals dabei

Miesbach beteiligt sich erstmals an den Internationalen Woche gegen Rassismus. Auch hier sei Rassismus Alltag, sagt Mitorganisator Max Niedermeier. Es müsse sich etwas tun.

Miesbach – Rassismus passiere jeden Tag, auch in Miesbach, sagt Max Niedermeier Integrationsbeauftragter des Landkreises. Deswegen beteiligt sich die Kreisstadt heuer erstmals an den Internationalen Wochen gegen Rassismus, die vom 15. bis 28. März stattfinden. Eine Organisationsgruppe unter Schirmherrschaft von Landrat Olaf von Löwis hat drei Veranstaltungen angesetzt, die Impulse geben sollen „für unser Sprechen, Argumentieren und Handeln“, heißt es in einer Pressemitteilung.

Es gehe um Zivilcourage, nicht um Anklage, betont Niedermeier: „Leute, passt’s auf! Rührt’s euch! Sagt’s was!“ Er organisiert die Woche ebenso mit wie Miesbachs Integrationsbeauftragte Inge Jooß.

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Integrationsprobleme

Bislang laufe die Integration schleppend, sagt Niedermeier, seit 2013 Integrationsbeauftragter des Landkreises: Nur zwei Prozent der rund 500 Geflüchteten im Landkreis seien im Vereinsleben aktiv. „Sie machen Sport, spielen Fußball oder tanzen.“ Bis sie sich wirklich ran trauen an die deutsche und bayerische Vereinskultur – „das dauert einfach“.

Niedermeier hat versucht, das zu ändern. Er hat Geflüchtete zum Beispiel zum Volleyball mitgenommen. Anfangs hätten sich viele beteiligt, dann immer weniger. Der Grund: Für sie sei Volleyball ein Mädchensport. „Die sind da nur mir zur Liebe hingegangen“, sagt Niedermeier und lacht. „Mir war nicht klar, dass Volleyball ein Mädchensport ist. Ich fand immer, es macht einfach Spaß.“

98 Prozent der Geflüchteten bleiben dem Vereinsleben fern. Sie gingen zwar zur Schule, in den Kindergarten und arbeiten mit den Einheimischen Seite an Seite, integrierten sich also auch. Trotzdem könne „das Gefühl aufkommen, der Einheimische steht Außen vor“, sagt Miesbachs Integrationsreferentin Inge Jooß. Die Geflüchteten bleiben weitestgehend unter sich, mischen sich wenig mit Ur-Miesbachern.

Hier sehen Jooß und Niedermeier das Problem: „Wenn Miesbacher und Geflüchtete sich nicht treffen, können keine Vorurteile abgebaut werden. Dann kommt es zu rassistischen Vorfällen.“

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Rassismus im Alltag

Rassistische Vorfälle passierten überall, sagt Jooß. „Angesprochen wird es selten, weil es zur Gewohnheit wird.“ Schlimmer und häufiger als Alltagsrassismus aus der Bevölkerung sei der institutionelle Rassismus: Das Gesetz werde „immer zu Ungunsten der Geflüchteten ausgelegt“, so Jooß. Polizisten würden häufiger schwarze Personen kontrollieren und diese dann härter bestrafen als weiße. „Natürlich gibt es auch gute Polizisten, ich will niemanden über einen Kamm scheren, aber das muss sich wirklich ändern.“

Die Verantwortung für mehr Akzeptanz sieht Jooß bei jedem einzelnen Bürger. Die Geflüchteten müssten nicht leben, wie wir. „Das wäre ja auch langweilig.“ Entscheidend sei, dass sich alle als gleichwertige Menschen wahrgenommen fühlen. Da gelte es selbstkritisch zu sein: „Ein bisschen Rassist steckt in jedem.“

Schlecht sei es aber nicht um Miesbach bestellt, findet Niedermeier: „Wir haben einen ziemlich großen Frieden im Landkreis, und das liegt sicher auch an der Arbeit der ehrenamtlichen Helfer.“

Das Programm

Die Wochen gegen Rassismus sollen für mehr Verständnis und Akzeptanz werben. Mit einem „Gebet der Religionen“ in der katholischen Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt leiten Landrat von Löwis und Bürgermeister Gerhard Braunmiller am Montag, 15. März, um 19 Uhr die Wochen ein. Acht Tage später, am Dienstag, 23. März, findet um 17 Uhr auf dem Rathausplatz die Veranstaltung „Nein zu Rassismus“ statt. Es werden Namen und Vorfälle von rassistischen Straftaten vorgelesen, und jeder Teilnehmer kann sich ein Schild mit einem der Namen umhängen, um seine Solidarität zu bekunden.

Die dritte Aktion läuft über die gesamten Wochen: In der Plakataktion „Miesbacher BürgerInnen gegen Rassismus“ haben sich 15 Personen aus Vereinen, Berufsgruppen, Herkunftsländern und Altersgruppen fotografieren lassen, um zu sagen: Wir sind gegen Rassismus und für 100 Prozent Menschwürde. Die Bilder werden in Schaufenstern, Kirchen und öffentlichen Einrichtungen ausgehängt.

von Moritz Hackl

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