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Arlette Eichhorn hat ihren Miesbacher Buchladen schweren Herzens aufgegeben.

Buchhändlerin blickt auf Zeit in Miesbach zurück

Interview: Warum Eichhorn ihren Buchladen schließt

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Miesbach - Arlette Eichhorn (51) gibt ihren Miesbacher Laden „Das neue Buch“ auf. Mit uns spricht sie über die Gründe und die Beziehung zu den Stammkunden.

Arlette Eichhorn könnte es sich einfach machen. Sie könnte erzählen, dass sich ihr Buchladen in Miesbach nicht gelohnt hat. Weil sich so etwas heutzutage ohnehin nicht mehr trägt. Erst recht nicht in einer Kleinstadt wie Miesbach – von der übermächtigen Online-Konkurrenz ganz zu schweigen. Doch Eichhorn stimmt nicht in die Jammer-Arien mancher Ladenbesitzer ein. Das braucht die 51-jährige Münchnerin auch nicht. Sie hat ihren Laden „Das neue Buch“ samt an der Fraunhoferstraße aus persönlichen Gründen aufgegeben. Weil sie wieder mehr Zeit für ihre beiden Kinder haben möchte, arbeitet sie künftig Teilzeit in einer Buchhandlung in Gauting. Im Interview blickt Eichhorn auf ihre Zeit in der Kreisstadt zurück.

Frau Eichhorn, nach fünf Jahren klappen Sie das Kapitel Miesbach zu. Was werden Sie am meisten vermissen?

Eichhorn: Ganz klar meine vielen Stammkunden. Mit der Zeit baut man da eine richtige Beziehung auf. Ein Buchkauf ist immer etwas sehr persönliches. Egal, ob jemand etwas für sich selbst sucht oder ein Geschenk besorgen will. Die Leute vertrauen einem, und so lernt man sich kennen. Entsprechend emotional war der Abschied. Viele Kunden haben mich umarmt – und ich habe durchaus die eine oder andere Träne vergossen.

Mehr als nur Verpackung und Versand

Das klingt so ganz und gar nicht nach einer Branche, die langsam aber sicher vom Online-Handel abgelöst wird...

Eichhorn: Von diesen düsteren Prognosen halte ich eh nicht viel. Klar darf man die Augen vor dem Internet nicht verschließen. Deshalb habe ich mit meinem Mann parallel zum Laden einen Online-Shop aufgebaut. Da konnten meine Kunden rund um die Uhr durchs Sortiment blättern und sich die Bücher versandkostenfrei zuschicken lassen.

Also doch der Schwenk zum Modell Amazon?

Eichhorn: Nein. Für mich war der Online-Shop stets nur ein zusätzliches Service-Angebot für meine Kunden. Nicht jeder hatte die Zeit, sein bestelltes Buch zu den Ladenöffnungszeiten bei mir abzuholen. Trotzdem sind die Leute in mein Geschäft gekommen. Weil sie wussten, dass sie mehr bekommen als nur Verpackung und Versand.

Nämlich?

Eichhorn: In allererster Linie eine sehr persönliche Beratung. Der Begriff mag etwas abgegriffen klingen, aber er bringt die Sache auf den Punkt. Damit meine ich nicht nur das klassische Kundengespräch, sondern vor allem auch den Einkauf. Eine gute Beratung fängt schon an, bevor der Kunde den Laden betritt.

Inwiefern das?

Eichhorn: Indem man die richtige Vorauswahl trifft. Ich hatte immer circa tausend Bücher im Regal. Das mag nach viel klingen, ist aber tatsächlich nur ein Bruchteil des Angebots. Also habe ich mich bemüht, nur die Bücher zu bestellen, die meinen Kunden gefallen könnten. Am Anfang ist das natürlich vor allem Gefühlssache. Man verlässt sich auf den eigenen Lesegeschmack. Aber je mehr man die Leute kennenlernt, umso leichter wird es.

"Einzig die Reiseführer wollte niemand haben"

Wie lange hat es denn gedauert, bis Sie bei den Miesbachern literarisch ins Schwarze getroffen haben?

Eichhorn: Das kann ich gar nicht so genau sagen, weil das ja immer ein Prozess ist. Ich habe mich aber bemüht, etwas besonderes zu bieten – abseits vom Mainstream der Bestsellerlisten. Trotzdem muss man für möglichst jeden Geschmack etwas vorhalten. Und der war auch bei den Miesbachern sehr individuell. Einzig die Reiseführer wollte niemand haben – obwohl gleich gegenüber ein Reisebüro ist.

Wie würden Sie den typischen Miesbacher Buchfreund beschreiben?

Eichhorn: Den gibt es eigentlich nicht. Zumindest meine Stammkunden waren sehr breit gefächert, auch wenn die Damen ein bisschen in der Überzahl waren. Altersmäßig war ab 30 aufwärts eigentlich alles dabei. Bei den jüngeren kaufen ja eh oft noch die Eltern ein. Und auch vom Vorwissen her gab es eine breite Mischung. Während einige schon genau wussten, was sie wollten, haben sich andere gerne auf meine Tipps verlassen.

Hand aufs Herz: Wie oft sind Sie richtig gelegen?

Eichhorn: (lacht) Mit der Zeit immer öfter. Besonders gerne erinnere ich mich an einen Herrn, für den ich mal das witzig-philosophische Buch „Kann mir bitte jemand das Wasser reichen?“ bestellt habe – ohne dass er davon wusste. Als er dann mal wieder zu mir in den Laden kam, hat er intuitiv zu diesem Buch gegriffen. Gefreut hat es mich aber auch, wenn mir die Leute nach dem Lesen ein Lob ausgesprochen haben – und mir vielleicht selbst wieder einen Titel empfohlen haben. So etwas erlebt man nur in einem Laden vor Ort.

Da dürfte es Ihnen eigentlich nicht schwer fallen, einen Nachfolger zu finden...

Eichhorn: Das habe ich zuerst auch gedacht. In der Tat gibt es einige Interessenten, ein Buchhändler ist aber bislang nicht darunter. Schade eigentlich, denn der Laden ist bis hin zu den Regalen komplett eingerichtet. Und auch meine Stammkunden würden sich bestimmt über die Lese-Tipps eines neuen Bücherwurms freuen.

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