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Viele Menschen begrüßen das Volksbegehren, doch die Landwirte befürchten drastische Einbußen.

Interview mit Kreisbäuerin Marlene Hupfauer zum Volksbegehren „Artenvielfalt - Rettet die Bienen“

„Vieles wird verschlechtert, wenig verbessert“

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Während die Initiatoren des Volksbegehrens „Artenvielfalt – Rettet die Bienen“ mit den ersten Ergebnissen durchaus zufrieden sind, verfolgen viele Landwirte die Aktion mit Zähneknirschen.

Sie befürchten drastische Verschlechterungen für ihren Berufsstand. Wir fragten Kreisbäuerin Marlene Hupfauer aus Warngau, warum auch sie das Volksbegehren kritisiert.

Frau Hupfauer, für etliche Leute ist das Volksbegehren ein wichtiger Schritt hin zur Stärkung der Natur, viele Bauern sind jedoch dagegen. Warum?

Weil aus unserer Sicht nicht viel verbessert, aber viel verschlechtert wird. Gerade im Landkreis Miesbach. Wir haben 90 Prozent Grünland, zehn Prozent Ackerfläche, 600 Hektar Streuwiesen, 160 Hektar Hag- und Feldgehölze und 45 927 Hektar Waldfläche. Außerdem sind zwei Drittel der Landwirte im Kulturlandschaftspflegeprogramm (KULAP) engagiert. Wir tun bereits viel. Aber wenn das Volksbegehren zum Gesetz werden sollte, werden viele Betriebe in ihrer Existenz bedroht.

Warum so drastisch? Der Landkreis hat ja bereits die geforderten 30 Prozent Biolandbau und lebt noch.

Das Problem sind die vielen Vorgaben, die wir jetzt bereits zu großen Teilen umsetzen, für die die Landwirtschaft derzeit aber auch bezahlt wird. Wenn das selbstverständlicher Standard wird, brechen mit großer Wahrscheinlichkeit wichtige Einnahmequellen weg.

Kritiker sagen: Den Bauern geht es nur ums Geld.

Es geht nicht nur ums Geld, es geht ums Überleben. Ohne Zuschüsse kann die Landwirtschaft nicht existieren. Das ist leider so. Die Bauern bekommen Geld, mit dem sie immer mehr im Natur- und Umweltschutz machen. Aber es geht nicht nur darum. Wenn Bio immer mehr zum Standard wird, werden Molkereien und Einzelhandel kaum noch geneigt sein, dafür einen höheren Preis zu zahlen. Das trifft ebenfalls die kleineren Betriebe besonders hart. Und was gar nicht thematisiert wird: Was passiert mit den 70 Prozent, die weiterhin konventionelle Landwirtschaft betreiben? Insgesamt kritisieren wir, dass das Volksbegehren zu einseitig ist.

Inwiefern?

Kreisbäuerin Marlene Hupfauer begründetihr Nein zum Volksbegehrenzur Artenvielfalt.

Lassen wir uns doch nicht von den Bienen täuschen. Es geht beim vorliegenden Entwurf hauptsächlich darum, Verbote und Reglementierungen gegen die Landwirte zu formulieren. Dabei geht es doch eigentlich um Umweltmaßnahmen, und die gehen viele Teile unserer Gesellschaft an, nicht nur eine Gruppe.

Wie sieht es denn beim Einsatz von Pflanzenschutzmitteln aus? Die stehen ja auch im Ruf, viele Kleinlebewesen zu töten.

Auf unseren Landkreis bezogen kann man das Thema vernachlässigen, denke ich – bei 90 Prozent Grünland. Das frühe Mähen ist da eher ein Thema, aber ich wage zu behaupten, dass 90 Prozent unserer Bauern eh schon ein Feldstück zum Ausblühen, also Heu, stehen lassen. Wir sind da vielleicht auch schon ein Stück weiter. Beim Pflanzenschutz ist es aber ähnlich wie bei den oben genannten Punkten: Der Landwirt muss einen Pflanzenschutzausweis führen und Schulungen besuchen, während der Normalbürger sich unkontrolliert im Baumarkt eindecken kann.

Was fehlt Ihnen denn zum Beispiel?

Da gibt es viele Punkte, die dazu beitragen, dass die Lebensräume kleiner werden: Mähroboter, die den Rasen immer auf gleicher Höhe halten und Blumen keine Chance lassen. Monokulturen in Gärten und Parkanlagen. Kies- statt Grünflächen. Und nicht zuletzt die massive Bebauung, die als Flächenfraß in aller Munde ist. Uns geht einfach das Wir ab, wenn es darum geht, mehr für die Umwelt zu tun. Außerdem ist es mit Gesetzen immer so eine Sache, weil sie Dinge starr regeln, auch wenn im Einzelfall eine andere Regelung sinnvoller wäre.

Was wäre Ihnen denn lieber anstelle des Volksbegehrens?

Mir wäre ein Miteinander lieber. Ein Runder Tisch, an dem man überlegt: Was haben wir erreicht? Was können wir noch tun? Und das alles ohne große Umbrüche. Denn das größte Problem ist eigentlich, dass die Landwirtschaft nicht zur Ruhe kommt. Die Regelungen befinden sich in ständiger Veränderung, und die Betriebe müssen sich ständig mitverändern. Das will eigentlich keiner. Ich behaupte, die meisten wollen einfach nur ihrer Arbeit nachgehen. Aber dieses Gesetz rührt alles um. Es fehlt die Sicherheit, die die bäuerlichen Betriebe brauchen.

Die Initiatoren betonen ja, dass sie die Landwirtschaft nicht am Pranger sehen, sondern den Bauern helfen wollen, aus dem wachsenden Existenzdruck rauszukommen. Also einen Gegenentwurf finden zum Leitsatz „wachsen oder weichen“. Überzeugt Sie das?

Das hört sich alles sehr schön an, aber letztlich geht es um die Frage, wie das in der Realität umgesetzt werden kann. Der Verbraucher will Umwelt und Landwirtschaft stützen. Gut. Aber gleichzeitig wird die Wertstellung von Bio verramscht und entwertet. Und der Preiskampf geht auf qualitativ höherem Niveau weiter wie zuvor – ohne Nischen, die jetzt gerade die kleineren Betriebe nutzen können. Ich sage es jetzt mal ganz provokant: Wenn einerseits gefordert wird, dass ein Drittel als Bioanbaufläche genutzt wird, wäre es doch konsequent, dass die Verbraucher auch ein Drittel Bio kaufen müssen, oder? Ökologisch, aus der Region.

Das wird sich im Rahmen der Marktwirtschaft aber nicht steuern lassen.

Richtig. Das liegt auch daran, dass die Lebensmittel genau genommen zu günstig sind im Vergleich dazu, was die Leute bereit sind, für Auto und Urlaub auszugeben. Viele Landwirte würden gerne auf Bio umsteigen, aber die Molkereien nehmen aktuell keine weiteren Betriebe auf, weil die Nachfrage fehlt. An dieser Stelle kann jeder Verbraucher beim Einkaufen bei der Wahl der Lebensmittel seinen Beitrag leisten. Das passiert aber zu wenig.

Warum?

Auch wir hier im Landkreis konkurrieren mit dem Weltmarkt. Und wenn man schaut, was wir als Gesellschaft alles wegwerfen, sind unsere Lebensmittel einfach zu billig. Wir denken auch nicht mehr saisonal, sondern kaufen Erdbeeren auch im Winter. Man kann alles haben, auch billig aus dem Ausland. Damit ein Umbau in der Landwirtschaft aber funktionieren kann, muss der Verbraucher bereit sein, sich umzustellen. Hin zur ökologischen Produktion mit regionaler Herkunft. Das ist der entscheidende Schritt.

ddy


Lesen Sie auch: Auftakt des Volksbegehrens im Landkreis Miesbach

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