Um den Asiatischen Laubholzbockkäfer (ALB) zu stoppen, sollen viele Bäume gefällt werden.
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Um den Asiatischen Laubholzbockkäfer (ALB) zu stoppen, sollen viele Bäume gefällt werden.

Interview zur Klage des Landkreises Miesbach gegen die ALB-Allgemeinverfügungen

„Eine Fällung ist nicht verhältnismäßig“

  • Dieter Dorby
    VonDieter Dorby
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Im Kampf gegen den Asiatischen Laubholzbockkäfer (ALB) klagt der Landkreis gegen die Allgemeinverfügungen, die die Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) und das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) in Holzkirchen Mitte November erlassen haben.

Wir haben Martina Lewald-Brudi, die als Sachverständige für Baumpflege beim Fachlichen Naturschutz die Klage vorbereitet hat, zu den Hintergründen befragt.

Frau Lewald-Brudi, der Landkreis klagt gegen die Allgemeinverfügungen. Haben Sie Zweifel an deren Notwendigkeit?

An der Vorgehensweise zur Bekämpfung des Käfers haben wir grundsätzlich keine Zweifel. Aber nach unserer Kenntnis gibt es nur ausreichende Beweise, die die Fällung und Vernichtung des Holzes von fünf Baumgattungen rechtfertigen.

Die sogenannten Big Five?

Ja, das sind Ahorn, Kastanie, Birke, Pappel und Weide. Der Landkreis hat daher Anfechtungsklage erhoben. Denn die Aufnahme einiger Gattungen in die Liste der spezifizierten Pflanzen ist aus unserer Sicht fehlerhaft und nicht ausreichend fachlich fundiert. Laut Liste sind bei Fällungen 16 Baumgattungen betroffen, die als Wirtspflanzen infrage kommen sollen. Bei Monitoring-Maßnahmen in der Quarantänezone sind es 29.

Hohe Kosten durchs Monitoring

Aus Ihrer Sicht zu viele?

Ja. Die vorbeugende Fällung bestimmter Gattungen aus der Liste, die über die Big Five hinaus gehen, ist zur effektiven Ausrottung des ALB nicht

Martina Lewald-BrudiBaumexpertin vom Landratsamt

erforderlich. Gleichzeitig entstehen unverhältnismäßig hohe wirtschaftliche Schäden – durch Kosten für Fällungen, Entsorgung und Nachkontrolle. Auch ist der ökologische Schaden groß durch den Verlust von Lebensräumen und Arten. Wir sehen es nicht als ausreichend wissenschaftlich erwiesen an, dass der gefährliche Schädling seinen ganzen Entwicklungszyklus auf all diesen Baumarten durchlaufen kann. Eine Fällung ist nicht verhältnismäßig.

Mit der Liste stellen Sie die Rechtsgrundlage auf den Prüfstand.

Ja, wir können bei Zweifeln nur so vorgehen. Die Bekämpfungsmaßnahmen basieren auf dem EU-Durchführungsbeschluss. Das deutsche Julius-Kühn-Institut setzt diese Vorgabe als Bundesbehörde in deutsches Recht um. Daran sind dann LfL und die Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft und das AELF gebunden – sie können gar nicht anders handeln. Deshalb wäre hier ein Feindbild nicht richtig. Wenn die Liste verkleinert wird, verringert das das Ausmaß der Folgen.

Davon profitieren auch private Grundeigner, die selbst keine Ausnahmen beantragen dürfen.

Das wäre eine Folge, aber uns geht es um die fachliche Beurteilung. Die hat sehr weitreichende Auswirkungen.

Die Stadt Miesbach, der Sie die Konzentration auf die Big Five nahe gelegt haben, war über die Klage nicht informiert. Wurde der Austausch eingestellt?

Nein. Wir haben im Oktober im Stadtrat Fakten aufgezeigt, die der Stadt als Argumentation dienen können. Die Folge davon ist der Ausnahmeantrag für den Waitzinger Park, den die Stadt gestellt hat. Parallel dazu haben wir unsere Klage fachlich vorbereitet.

Dem Landkreis gehören viele Gehölze

Erfolgt die Klage aus eigenem Interesse?

Ja. Der Landkreis ist mit einigen eigenen Liegenschaften betroffen – zwar nicht im 100-Meter-Radius der Fällzone, aber innerhalb des 2000-Meter-Radius der Quarantänezone. So haben wir die Gehölzbestände unserer Liegenschaften, unsere Baumnaturdenkmäler wie die Wallenburger Allee mit etwa 200 Bäumen und die Buche im Innenhof des Landratsamts. Zu den Monitoring-Maßnahmen gehört, alle zwei Monate die Gehölze, die auf der Liste der Wirtspflanzen stehen, vom Boden aus auf Befallssymptome zu kontrollieren. Und auch das Verbringen von Holz spezifizierter Pflanzen ist untersagt.

Aufwendige Entsorgung

Aber besagte Bäume stehen ja noch, oder?

Naja, die Quarantänezeit beträgt vier Jahre, in denen einzelne Fällungen erforderlich sein können. Bei der Wallenburger Allee haben wir jetzt drei kranke Eschen, die entfernt werden müssen. Das ist aufwendig: Zuerst müssen wir bei der LfL die Fällung anzeigen, dann kontrollieren Spürhunde den Baum. Im Anschluss wird das Holz nicht verwertet, sondern gehäckselt und entsorgt. Die Mehrkosten dafür trägt der Kreis.

Wie beurteilen Sie Erfolgsaussichten der Klage? Reicht die Zeit, um Fällungen noch zu verhindern?

Wir haben beim Verwaltungsgericht München einen Eilantrag gestellt. Wie der behandelt wird, weiß ich nicht. Wie bei den Erfolgsaussichten gibt es keine Erfahrungswerte. Bislang wurde ja nie aus fachlichen Gründen geklagt, sondern aus formellen. So gesehen ist das jetzt eine Premiere.

ddy

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