Jeder darf reden: Theresa Berwanger will weiterhin den Bürgerstammtisch in Miesbach organisieren.
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Jeder darf reden: Theresa Berwanger will weiterhin den Bürgerstammtisch in Miesbach organisieren.

„Der Redebedarf ist groß“

Jeder soll seine Meinung sagen dürfen: Darum geht es beim Bürgerstammtisch in Miesbach

  • Dieter Dorby
    vonDieter Dorby
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Miesbach – Seit Mitte Februar gibt es den Bürgerstammtisch, der alle zwei Wochen in Miesbach auf der Waitzinger Wiese stattfindet. Was dieser Treffpunkt bewirken soll und wie es dazu kam, haben wir uns von den beiden Versammlungsleiterinnen erklären lassen.

Dienstagabend, 18 Uhr. Theresa Berwanger steht auf der Waitzinger Wiese in Miesbach und bereitet den Bürgerstammtisch vor. Zwei Pavillons werden aufgebaut, drei Tische aufgestellt, das Mikrofon eingestöpselt. Eigentlich würde die 24-Jährige jetzt als Bedienung arbeiten, aber in Zeiten von Corona ist vieles anders geworden. Und so steht die junge Frau aus Weyarn in Miesbach auf der Volksfestwiese und bereitet eine neue Folge des Bürgerstammtisches vor.

Dabei geht es beim Bürgerstammtisch nicht nur um Corona, auch wenn die Pandemie für viele Teilnehmer eine zentrale Rolle einnimmt. Berwanger geht es vor allem darum, dass man wieder sagen kann, was einen bewegt: „Wir wollen eine Plattform bieten, wo man jegliche Meinung äußern kann.“ So wie gemeinhin am Stammtisch, den es in den Wirtschaften wegen des Lockdowns ja nicht mehr gebe. „Deshalb treffen wir uns hier unter freiem Himmel.“

Mehr Platz auf der Waitzinger Wiese

Es ist nun der mittlerweile siebte Bürgerstammtisch seit dem Auftakt Mitte Februar, der alle zwei Wochen stattfindet und über Plakate, online und Mundpropaganda bekannt gegeben wird. Damals hatte sie noch den Marktplatz als Veranstaltungsort gewählt. Aber angesichts der großen Teilnehmerzahl – im Schnitt kommen seitdem jedes Mal zwischen 150 und 200 Leute – zog man auf die Waitzinger Wiese um. Die Corona-Regeln – Abstand und Maske – sind auch hier einzuhalten. Das ist Berwanger als Versammlungsleiterin wichtig. Sonst wäre die Veranstaltung gar nicht möglich.

Die Polizei ist – wie immer bei Versammlungen – auch hier dabei. Stellvertretender Inspektionsleiter Christian Redl kommt rüber. Kurze Begrüßung und gleich ein Lob für die Veranstaltungsleiterin, die auch die Demo am Montag gegen die Testpflicht an Schulen auf dem Rathausplatz organisiert hatte (wir berichteten). Alles sei vorbildlich abgelaufen. Berwanger freut sich – so soll es weitergehen.

Jedes Thema, das bewegt, ist zulässig

Ans Mikrofon treten darf jeder, der mag. Das Thema sei ganz egal: 5G, Finanzpolitik – alles, was die Leute bewegt, ist erlaubt. „Wir sind keine Partei und keine Gruppe“, sagt Andrea Gschrey (50). Die Schlierseerin ist die zweite Veranstalterin, die für eine angemeldete Versammlung nötig ist. Und Querdenker? „Auch das nicht sind wir nicht“, sagt sie. „Aber viele Leute hinterfragen eben, was da gerade passiert.“

„Der Redebedarf ist groß“

Eine Voraussetzung gibt es aber doch: gegenseitiger Respekt – auch wenn man die Meinung, die vorgetragen wird, nicht teilt. „Mir ist klar, dass jeder gerade zu Corona seinen eigenen Standpunkt hat“, sagt Berwanger. „Der eine wünscht sich mehr Schutzmaßnahmen, der andere weniger. Wichtig ist aber, dass man sich nicht beleidigt.“

Deshalb seien auch die Sozialen Medien keine Plattform für einen offenen Meinungsaustausch. „Da wird man schnell niedergemacht. Die Menschen wollen aber reden über das, was sie bewegt. Das merken wir hier ganz deutlich. Der Redebedarf ist groß. Und immer mehr trauen sich hier, über ihre Ängste und Sorgen zu sprechen.“ Deshalb soll es den Bürgerstammtisch weiterhin geben. Zumindest so lange, bis die echten Stammtische wieder besucht werden dürfen.

ddy

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