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Johann Stock ist ältester Miesbacher

Bald 100 und noch fest im Sattel

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32 Jahre Polizeidienst, 40 Jahre Pension: Mit dieser Bilanz kann Johann Stock gut leben. Am 19. April feiert der ehemalige Leiter der Miesbacher Landpolizeiinspektion nun seinen 100. Geburtstag. Statt ans Seniorenheim denkt der älteste Miesbacher lieber an die neue Radlsaison.

Miesbach – Johann Stock sitzt an seinem Esstisch und blättert durch die Klarsichtfolien in einem braunen Ordner. 32 Jahre Polizeidienst reihen sich hier in Form von Personalakten, Prüfungsurkunden und Dienstrangabzeichen aneinander. Um die per Schreibmaschine verfassten Anmerkungen neben den Marken entziffern zu können, braucht Stock eine Lupe. Vor einem Jahr haben plötzlich seine Augen nachgelassen, erzählt der ehemalige Leiter der Landpolizeiinspektion Miesbach. „So leistungsfähig wie mit 80 bin ich leider nicht mehr.“ Dafür feiert der Miesbacher bald einen ganz besonderen Geburtstag: Am 19. April wird er 100 Jahre alt. „Wenn mir nichts dazwischenkommt“, meint er schmunzelnd.

Nimmt man seinen bisherigen Lebensweg, dürfte der Feier eigentlich nichts im Wege stehen. Stock ist fitter als es so manchem 80-Jährigen vergönnt ist. Auch 20 Jahre nach dem Tod seiner Frau Irma lebt er noch alleine in seiner Wohnung in der Haidmühl. Ans Seniorenheim verschwendet er keinen Gedanken. Kleinere Besorgungen erledigt der 99-Jährige zu Fuß oder mit dem Elektrorad. Einmal pro Woche fährt ihn sein Adoptivsohn Richard (56) mit dem Auto zum Großeinkauf im Supermarkt. Stock selbst hat sich mit 97 zum letzten Mal hinters Steuer gesetzt. „Bis auf meine Augen fühle ich mich gut“, sagt er. Trotzdem muss er kaum zur Lupe greifen, um die vielen Stationen seines Lebens aufzuzählen. Der 99-Jährige hat sie alle lückenlos im Kopf.

Stock wächst als Drittältester von vier Brüdern in Augsburg auf. Nach der Realschule wird er 1936 zum Arbeitsdienst eingezogen. In Pfaffenhofen an der Ilm schuftet er beim Ausbau des Flussbetts. Dort lernt er bei einem Rad-Ausflug im Biergarten des Kloster Scheyern seine spätere Frau Irma kennen. Obwohl Stock nur ein Jahr danach in die Wehrmacht eintreten muss, verlieren sich die beiden nicht aus den Augen. Während eines Heimaturlaubs 1942 geben sie sich das Ja-Wort.

Einweihung: Johann Stock (M.) bei der Eröffnung der Taubensteinbahn mit dem damaligen Schlierseer Bürgermeister Ludwig Bachhofer (l.) und Verkehrsbeamtem Erich Moos.

Den Zweiten Weltkrieg übersteht Stock trotz seiner Beteiligung am Frankreich- und Russlandfeldzug unbeschadet. Als Mitglied der Luftnachrichten-Einheit kümmert er sich um die Fernmeldetechnik für die Kampfflugzeuge. „Wir waren zum Glück nur in der zweiten Reihe“, erzählt Stock. Dennoch steht er bei seiner Entlassung im Juni 1945 vor dem Nichts – bis ihm ein früherer Arbeitsdienst-Kollege von einer Stelle bei der Polizei berichtet. „Das war ein Glücksfall“, sagt der heute 99-Jährige. Und der Beginn einer 32-jährigen Karriere in Uniform.

Vom einfachen Streifenpolizisten in Pfaffenhofen arbeitet sich Stock bis in den gehobenen Dienst hoch. 1964 wechselt er vom Verkehrszug der Landpolizei München als neuer Inspektionsleiter nach Bad Tölz. Am 15. Dezember 1969 wird Stock zum Chef der Landpolizeiinspektion Miesbach ernannt und ist fortan für den gesamten Landkreis zuständig.

Ein überraschender Sicherheitseinsatz ereilt ihn am 6. Juli 1974. Mit Außenminister Hans-Dietrich Genscher und dessen amerikanischem Kollegen Henry Kissinger fliegen zwei absolute Top-Politiker per Hubschrauber zu einem Kurzbesuch auf Gut Voglsang bei Miesbach ein. „Der Besitzer war mit Genscher befreundet“, erinnert sich Stock. Was heutzutage in einem Ausnahmezustand für die gesamte Kreisstadt münden würde, ging damals relativ geräuschlos über die Bühne. „Verstärkung von außerhalb haben wir nicht gebraucht“, erzählt Stock.

Am 8. Juni 1975 hätte er sich die umso mehr gewünscht. Als er an jenem Sonntagnachmittag zum Eisenbahnunglück in Warngau gerufen wird, steht ihm der schlimmste Tag seiner langen Dienstzeit bevor. 41 Menschen verloren bei dem verheerenden Frontalzusammenstoß zweier Züge ihr Leben, 122 wurden verletzt. „Da hat sich der Personalmangel bei der Polizei bemerkbar gemacht“, berichtet Stock.

Staatsbesuch: Johann Stock (r.) bewacht 1974 den Besuch von US-Außenmi nister Henry Kissinger und Deutschlands Außenminister Hans-Dietrich Genscher (2.v.l.).

Als ihn der damalige Landrat Wolfgang Gröbl 1977 in den Ruhestand verabschiedet, geht auch für Stocks Frau eine aufreibende Zeit zu Ende. „Eine Polizistenfrau hat kein einfaches Leben“, sagt der 99-Jährige. Unzählige Male habe seine Irma das Essen auf dem Herd hin und her geschoben, bis er endlich zuhause die Uniform ablegen konnte. Umso mehr genossen die beiden ihre gemeinsamen 20 Jahre nach seiner Pensionierung.

Dass ihm danach noch mehr als 20 Jahre als Witwer bevorstehen sollten, das kann der 99-Jährige manchmal selbst kaum glauben. Doch er nutzte das Geschenk seines mittlerweile 40-jährigen Rentnerdaseins. So wanderte er oft in den heimischen Bergen und zog regelmäßig im Miesbacher Warmfreibad seine Bahnen. Auch das Reisen entdeckte er für sich. Neben Flusskreuzfahrten auf Donau und Rhein wagte er mit einer Bekannten sogar noch eine Flugreise nach Florida.

Abschied: Der damalige Landrat Wolfgang Gröbl (r.) dankt Johann Stock 1977 für seinen knapp achtjährigen Dienst als Leiter der Landpolizeiinspektion Miesbach.

Und doch habe sein hohes Alter auch seine Schattenseiten, meint Stock. „Je weiter man aufsteigt, desto weniger Freunde sind noch da.“ Dank seinem Sohn und seiner Schwiegertochter sowie seiner Enkelin und seinem Urenkel fühlt sich der 99-Jährige trotzdem nicht einsam. 30 Gäste hat er zu seiner ganz besonderen Geburtstagsfeier im Bayerischen Hof in Miesbach eingeladen. Beim Seniorennachmittag auf dem Volksfest darf er sich dann als ältester Miesbacher in noch größerer Runde hochleben lassen. Einen Vorgeschmack darauf hat Stock im vergangenen Jahr schon bekommen, sagt er und lacht: „Da war ich als Reserve da.“

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