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Könner der alten Zunft: Reiner Kröhnert.

Kabarettist Reiner Kröhnert im Waitzinger Keller

Das Dilemma der fehlenden Kanten

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Reiner Kröhnert hat sich im politischen Kabarett über vier Jahrzehnte einen Namen gemacht. Nun trat der akribische Parodist in Miesbach auf.

Politisches Kabarett ist im Vergleich zur lauten Comedy mittlerweile als feines Handwerk zu verstehen, dessen Meister angesichts des industrialisierten Selbstdarsteller-Booms überschaubar werden. Reiner Kröhnert ist so ein Könner dieser alten Zunft, der am Freitagabend im Waitzinger Keller in Miesbach mit seinem Programm „Kröhnert XXL“ – sein mittlerweile elftes – auftrat. Nicht allein, quasi, denn der vielfach ausgezeichnete Parodist brachte gewissermaßen 19 Politiker und Prominente mit auf die Bühne. Aber leider gilt auch hier: Gutes Personal ist schwer zu finden.

Der 59-jährige Baden-Württemberger, der seit 40 Jahren Kabarett macht, quer durch die Republik ausgezeichnet wurde und es wie nur wenige versteht, seine Protagonisten in Gestik, Mimik, Intonation und Eigenart zu spiegeln und ihnen brillant den Reichtum der deutschen Sprache in den Mund legt, hat ein Problem: Ihm gehen die Opfer aus.

Was waren das noch für Zeiten, die mit einem Norbert Blüm oder einer Rita Süßmuth, einem Daniel Cohn-Bendit oder Otto Graf Lambsdorff, einem Helmut Kohl, Helmut Schmidt, Willy Brandt und Franz Josef Strauß aufwarten konnten. Und heute?

Es ist das Dilemma der Wähler wie der Kabarettisten, dass die aktuelle Politiker-Generation so farblos ist, so glatt, so beliebig, so nichtsagend, so falten- und kantenfrei, so langweilig. Keine Typen mehr. Sie bieten kaum Vorlagen für einen, der genau imitiert, eins wird mit seinen Charakteren – bis hin zum Zucken im Mundwinkel, wie bei Angela Merkel. Körperlich ist der schlanke, große Kröhnert reichlich ungeeignet, Mutti zu spielen, aber: der Kopf mit Perücke, das Gesicht, dazu das unschuldig-unbeteiligte Geschau, die gleichmütig-kecke Stimme – ja, das ist Angie.

Hinzu kommt, dass Kröhnert seine Protagonisten auch inhaltlich unter dem Mikroskop analysiert und als Superkonzentrat auf die Bühne bringt. Wenn sie steche, verrät er als Kanzlerin, sei sie wie eine Killerbiene. Aber noch tödlicher seien ihre Umarmungen: Die SPD habe sie in der Koalition ab 2005 auf 23 Prozent runtergeherzt, und die FDP ab 2009 von 16 auf vier Prozent geschrumpft und ins politische Machtexil geschickt. Und jetzt Jamaika: „Da kann ich gleich zwei Partner auf ein Mal umarmen.“ Und gesteht: „Ich würde nicht mit mir koalieren.“

Für den Kabarettisten stellt sich nun dieselbe Frage wie für den Wähler: Was bleibt denn noch außer Mutti? Sicher, Wolfgang Schäuble, der TTIP und die Vorzüge von Chlorhühnle und Wachtumshormönle preist, ist ebenso witzig wie Martin Schulz, der die SPD unter der Vier-Prozent-Hürde vor Avancen der Linken schützen will. Dazu Donald Trump und dessen omnipräsente fake news. Winfried Kretschmann und Edmund Stoiber im vertraulichen Austausch über Devotionalien sowie Boris Becker, den Kröhnert von Anfang an im Repertoire hat. Und sonst?

Der Künstler greift zum einfachen und nicht neuen Trick: Er lässt die dankbar kantigen Altvorderen über deren aktuelle Erben philosophieren. So streiten Hitler und Honecker in der Hölle, wer ein würdigerer Nachfolger ist: Kim Jong-un oder Erdogan? Dazu Klaus Kinski und Werner Herzog, Gerhard Schröder und Franz Beckenbauer. Schöne, gute alte Zeit.

Dass er auch aktuelle Figuren beherscht, demonstriert Kröhnert eindrucksvoll als Daniela Katzenberger, die mit Michel Friedman über Gänsehaut um die Nippel und Silikon im Kopf philosophiert: „Ihr seid geile alte Säcke, aber isch hab euch trotzdem lieb.“

Nach zwei Stunden und einer kleinen Zugabe, bei der er kurz die Eigenheiten fremder Stimmen verrät, verlässt Kröhnert bescheiden die Bühne. Der Auftritt hätte auf jeden Fall einen üppigeren Nachschlag verdient, doch wie will man den einfordern, wenn im Publikum – bedauerlicher- wie bezeichnenderweise – gerade mal 25 Leute sitzen?

ddy

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