+
Das Sternengrab auf dem Miesbacher Friedhof zeigt die Namen der Kinder, die vor oder kurz nach der Geburt gestorben sind. Hier hängt auch ein Stern für Malin, die Tochter von Karin Ringel.

„Ich habe mein Mäuerchen immer dabei“

Miesbach: Karin Ringel schreibt ein Buch, um den Tod ihrer Tochter zu verarbeiten

Miesbach: Karin Ringels verlor ihr Kind während der Schwangerschaft. In einem Buch verarbeitet sie das Erlebte und erklärt, was Müttern in dieser schwierigen Zeit hilft.

Miesbach – Von Spagaten spricht Karin Ringel viel. Immer wieder muss die 45-Jährige in ihrem Leben Gegensätze überbrücken: Tiefe Trauer, Funktionieren-Müssen im Alltag. Sie hat gelernt, mit dieser Spannung umzugehen. Ihr Händedruck ist kräftig. In ihrem Blick sieht man, dass sie kämpfen musste. Irgendwann, sagt sie zurückblickend, habe sie auch eine innere Mauer aufgebaut, um mit allem fertig zu werden.

Ringel ist Mutter eines Sternenkindes. Die Bayrischzellerin war im vierten Monat schwanger, als das Herz der kleinen Malin zu schlagen aufhörte. Tochter Lotta (heute 5) saß auf ihrem Schoß, als Ringel zur Routineuntersuchung beim Frauenarzt war, der große Bruder Tom (11) war in der Schule. Per Ultraschall wollte der Arzt einen Blick auf das ungeborene Kind werfen. Die werdende Mutter freute sich. Dann die Diagnose: Malin lebt nicht mehr. „Ich war in keinster Weise vorbereitet“, erinnert sich Ringel heute, gut zweieinhalb Jahre danach. „Man ahnt ja nichts.“ Wie sie damals nach Hause gekommen ist, weiß sie nicht mehr.

Alle Geschichten zu unserer Spendenaktion Leser helfen Lesern 2019 finden Sie auf unserer Themenseite.

Für die Trauer blieb kaum Zeit

Damals Ringels größtes Problem: Sie steckte sofort in einer Maschinerie fest. Direkt nach der Diagnose bekam sie die Überweisung zur sogenannten Ausschabung (Abrasio). „Es ging nur noch darum, schnell ins Krankenhaus zu kommen.“

Auch Bianca Steinbauer weiß um diesen schwierigen Moment. Sie leitet die Bethanien Sternenkinder Miesbach-Otterfing, eine Beratungsstelle für Frauen, die ein Kind vor oder kurz nach der Geburt verloren haben. „Die Sprache ändert sich schlagartig. Gerade will man sein Kind anschauen, dann geht es plötzlich nur noch um die operative Entfernung des Schwangerschaftsmaterials“, sagt die Therapeutin. Das mache vielen Frauen zu schaffen.

Von ihrer Hebamme erfuhr Ringel, dass sie Malin auch auf natürliche Weise zur Welt bringen kann. In ihrem Fall bedeutete das: Warten. Wieder so ein Spagat: „Du hast ein totes Kind in dir, stehst aber am Herd und kochst Kartoffeln.“ Dennoch war es ihr wichtig, die Wahl für die natürliche Geburt zuhause gehabt zu haben. „Ich hatte kostbare Zeit, um mich zu entscheiden und letztlich Abschied zu nehmen“, so die 45-Jährige. Mit ihrem Mann Peter habe sie viel gesprochen.

Er war es auch, der ein kleines Kästchen zimmerte. Direkt nach der Geburt legte die Familie Malin hinein. Die Geschwister Tom und Lotta durften von Anfang an mit trauern. „Es ist das schönste Geschenk für mich“, erzählt Ringel, „dass die beiden heute ganz normal von ihrer Schwester sprechen.“

Mehr zum Thema: „Die Sehnsucht frisst einen auf“: Stephanie Bayarri Toledo hat ihr Kind verloren

Am schlimmsten ist das Schweigen

Wichtig für den Trauerprozess sei auch das Wissen gewesen, dass andere Frauen eine ähnliche Erfahrung gemacht haben. Mit ihrer Freundin Tina, die an der Nordsee lebt, hatte Ringel in der Zeit nach der stillen Geburt, wie Fachleute das Gebären von Sternenkindern nennen, viel Kontakt. „Die hat mich verstanden“, sagt sie.

Es gab aber auch andere Kommentare. „Du hast ja schon zwei Kinder“ oder „Wer weiß, was gewesen wäre“ waren Sätze, die sie sehr getroffen haben, sagt Ringel. Die größte Schwierigkeit aber habe sie, wenn gar nicht mehr über das Sternenkind gesprochen werde. „Mit dem Schweigen tust du weh“, sagt die 45-Jährige. Es sei, als würde Malin jedes Mal wieder sterben.

„Auch Sternenkinder haben Eltern, Geschwister und Großeltern. Zusammen sind sie eine Familie.“ Auch das ist ein Spagat. „Ihr dürft trauern, lasst euch das nicht nehmen“, sagt Ringel an alle Frauen, die die Erfahrung mit einem Sternenkind machen.

Leser helfen Lesern 2019: Alle Infos zur Spendenaktion und zum Spendenkonto gibt es hier

Sie verarbeitet das Erlebte in einem Buch

Aufklärung sei nötig, am besten schon beim Frauenarzt. Aufklärung über Möglichkeiten und Ansprechpartner. Und darüber, dass die Mütter nicht alleine sind. Vielleicht hilft ja auch das Buch, das sie derzeit schreibt. „Ob es mal in den Regalen steht, weiß ich noch nicht“, sagt sie. Aber sie möchte sich und allen anderen Frauen, denen es ähnlich ergeht, eine Stimme geben.

Karin Ringels Stimme bleibt kräftig, auch am Grab. Einen langen Moment bleibt sie ruhig stehen, in sich gekehrt. Dann spricht die Bayrischzellerin darüber, dass sie und ihre Familie am errechneten Geburtstermin der kleinen Malin Luftballons steigen ließen. Und dass die Trauer zwar leichter wird, aber nie ganz verschwindet. Sie sei kein Friedhofsmensch, sagt Karin Ringel. Der Ort für Tränen ist meist ein anderer. „Mein Mäuerchen habe ich doch immer dabei.“

von Andreas Wolkenstein

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Video-Duell der Landratskandidaten - Wer hat Sie überzeugt? Stimmen Sie ab!
So viele Kandidaten wie noch nie wollen Landrat werden. Auf der Podiumsdiskussion unserer Zeitung treten die acht Neuen und Amtsinhaber Rzehak gegeneinander an.
Video-Duell der Landratskandidaten - Wer hat Sie überzeugt? Stimmen Sie ab!
Kommunalwahl 2020 im Landkreis Miesbach: Alle Bürgermeisterkandidaten aktuell im Überblick
Am 15. März 2020 ist Kommunalwahl im Landkreis Miesbach. Bei den Bürgermeistern ist vieles offen. Hier bieten wir Ihnen einen Überblick über alle Kandidaten.
Kommunalwahl 2020 im Landkreis Miesbach: Alle Bürgermeisterkandidaten aktuell im Überblick
Orkan im Raum Miesbach: „Bianca“ lässt Bäume umstürzen - Feuerwehren stark gefordert
„Bianca“ hat den Raum Miesbach ordentlich durchgeschüttelt. In der Nacht auf Freitag sind durch den Orkan zahlreiche Bäume umgestürzt. Die Feuerwehren waren im …
Orkan im Raum Miesbach: „Bianca“ lässt Bäume umstürzen - Feuerwehren stark gefordert
Nach zwei Jahren Leerstand: Romolo übernimmt Waitzinger Bräu
Es zieht wieder ein Wirt ins Waitzinger Bräu am Miesbacher Stadtplatz. Der Italiener Romolo Marchetti, bekannt durch sein Lokal in Schaftlach, wird dort ein Ristorante …
Nach zwei Jahren Leerstand: Romolo übernimmt Waitzinger Bräu

Kommentare