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Den Traum vom Gemeinschaftswohnen wollen sich (v.r.) Katharina Rummel, Marille Röhrmoser und Sigi Cordes in der „Oase Thalham“ bei Bruckmühl erfüllen.

„Anders wachsen – Alternativen für das Oberland“

Öko-Oasen: Mitstreiter gesucht

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Miesbach - Ökologie und Klimaschutz zählen zu den Anliegen dieses Zusammenschlusses. 15 Nachhaltigkeits-Projekte und sieben Künstler stellen sich bei „Anders wachsen“ im Waitzinger Keller in Miesbach vor.

Eigentlich macht Sigi Cordes nichts anderes, als die Bayerische Verfassung zu befolgen. Bei Paragraph 151 heißt es da: „Alle Wirtschaft dient dem Gemeinwohl.“ So hat der Informatiker und Inhaber einer Verfahrenstechnik-Firma aus Weyarn nicht nur sein Gehalt zugunsten seiner beiden Mitarbeiter gedeckelt. Sondern er hat auch seine eigenen Projekte zurückgestellt, um einen erkrankten Mitbewerber bei einer Konferenz zu vertreten. Als Freund, nicht als Konkurrent. In Zeiten des knallharten Kapitalismus mag das ziemlich verklärt klingen. Doch Cordes ist nicht allein. Zwölf Unternehmen haben sich der ursprünglich in Österreich entstandenen Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung angeschlossen.

Bei der Konferenz „Anders wachsen – Alternativen für das Oberland“ haben die Spurwechsel-Initiative des Vereins Kulturvision, das Kulturamt der Stadt Miesbach und weitere Partner wie das Grüne Zentrum in Holzkirchen oder die Energiewende Oberland in den Waitzinger Keller in Miesbach eingeladen. Dort streckt die Gemeinwohl-Ökonomie vom Mangfalltal her ihre Fühler in Richtung Landkreis aus. Gut 15 Aussteller aus den Bereichen nachhaltiges Leben und Wirtschaften, Ökologie und Klimaschutz präsentierten am Freitag auf dem „Markt der Möglichkeiten“ ihre Projekte. „Es ist gut, dass Sie Ihr Gedankengut an andere weitergeben“, lobt Miesbachs Bürgermeisterin und Schirmherrin Ingrid Pongratz. „Wir verschwenden sonst unsere wertvollen Ressourcen.“ Höchste Zeit, dass sich jeder an die eigene Nase fasse.

Für die Torte gibt es einmal Rasenmähen

Cordes hat das längst getan. Nicht nur mit seiner Firma, sondern auch privat. Er wird im Herbst 2017 in eine der zehn Wohnungen in der „Oase Thalham“ bei Bruckmühl einziehen. Eine Genossenschaft, die sich nicht nur Waschmaschine und Küche teilt, sondern auch eigenes Obst und Gemüse anbaut. Mit der Miete soll das Darlehen für den Neubau zurückgezahlt werden. „Wir machen keinen Gewinn“, sagt Marille Röhrmoser, die das Wohnprojekt mit ihrer Schwester Josefine Schneider angestoßen hat. Das Prinzip: Die Gemeinschaft ist für jeden da, aber niemand ist zur Gemeinschaft gezwungen. „Alle haben ihre eigene Wohnung“, erklärt Röhrmoser.

Am Stand nebenan wirbt Rainer Marquardt für das Holzkirchner Netzwerk Tauschzeit. 90 Teilnehmer helfen sich hier mit Dienstleistungen aus – kostenlos. Ob Babysitten, Bügeln oder Kuchenbacken: Wer Unterstützung sucht, schlägt einfach die orangefarbene Tauschzeitung auf und wählt den passenden Anbieter aus. Die Bezahlung erfolgt mit Zeit. Zum Beispiel, indem der junge Single-Mann der Senioren für ihre Torte den Rasen mäht. Dieser „Tausch“ könne aber auch über mehrere Ecken erfolgen, erklärt Marquardt. Das Ziel: „Wir wollen der Lebenszeit, die man für die Gemeinschaft aufbringt, einen Wert verleihen.“

Sieben Künstler verarbeiten scheinbar wertlose Fundstücke zu wertvollen Kunststücken, die Kulturvision-Mitgründerin Monika Ziegler im Foyer des Waitzinger Keller vorstellt. „Upcycling“ nennt sich dieser Trend, aus Abfall Skulpturen, Bilder und sogar Kleidung herzustellen. Da wird aus einer Anzughose ein Cocktailkleid mit einem Autogurt als Schleife, aus Joghurtbechern eine Wiese mit Feuerlilien und aus Kaffeepulverkapseln ein glitzernder Sternenhimmel.

So schön die Kunstwerke auch sind: Am liebsten wäre es den Teilnehmern von „Anders wachsen“, wenn der Müll gar nicht erst anfallen würde. An ökologischen und vor allem regionalen Alternativen mangelte es auf dem „Markt der Möglichkeiten“ jedenfalls nicht.

Bei einer Radtour am Tegernsee an diesem Samstag können die Teilnehmer bei einem Bauernhof in Gmund, bei der Fischerei in Bad Wiessee, bei der Naturkäserei in Kreuth und in den Tegernsee Arkaden regionale Erzeugnisse entdecken. Abfahrt ist um 9 Uhr am Bahnhof Gmund.

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