Die Arbeitsgruppe „Barrierefrei“ mit (v.l.) Gisela Hölscher (Behindertenbeauftragte Waakirchen), Markus Ertl (Inklusionsbotschafter Lenggries), Anton Grafwallner (Behindertenbeauftragter Miesbach), Rudolf Probst (Anwohner) und Ralph Seifert (Behindertenbeauftragter Bad Tölz-Wolfratshausen) vor dem Bahnhof Gmund.
+
Fordert einen Austausch der Lint-Züge: Die Arbeitsgruppe „Barrierefrei“ mit (v.l.) Gisela Hölscher (Behindertenbeauftragte Waakirchen), Markus Ertl (Inklusionsbotschafter Lenggries), Anton Grafwallner (Behindertenbeauftragter Miesbach), Rudolf Probst (Anwohner) und Ralph Seifert (Behindertenbeauftragter Bad Tölz-Wolfratshausen).

Heftige Vorwürfe bei Pressegespräch der Arbeitsgruppe „Barrierefrei“

„Die BRB steht für Diskriminierung“

  • vonJonas Napiletzki
    schließen

Der Bayerischen Regiobahn schlägt weiterhin massiver Protest gegen die neuen Lint-Züge entgegen. Jetzt ziehen Lärm-Gegner und die Arbeitsgruppe „Barrierefrei“ an einem Strang.

Landkreis – Die Arbeitsgruppe „Barrierefrei“ intensiviert ihren Protest gegen die neuen Lint-Züge der Bayerischen Regiobahn (BRB). Unterstützung erfahren die Menschen mit Behinderung jetzt auch von den Lärm-Gegnern. Mehrfach hatten beide Gruppen zuletzt ihren Unmut geäußert (wir berichteten). Ein Ortstermin zeigt: Die Einigung mit der BRB war noch nie weiter entfernt.

Die Arbeitsgruppe ist vorbereitet, Gisela Hölscher in ihrem Element. Zahlreiche Fotos, Briefe und eine 39-seitige Protestnote liegen an einem Informationsstand aus. Das Szenario spielt sich auf dem Bahnhofsvorplatz in Gmund ab – und bleibt nicht lange unentdeckt. Passanten werfen neugierige Blicke auf das Geschehen. Medienvertreter warten geduldig auf den Start der anberaumten Pressekonferenz. Lange muss freilich niemand warten – Hölscher brennt darauf, mit der BRB abzurechnen.

Als Senioren- und Behindertenbeauftragte der Gemeinde Waakirchen hatte sie sich federführend für die Erstellung der Protestnote eingesetzt. Für das Werk scheute die FW-Gemeinde- und Kreisrätin keine Kosten („Tickets gibt es nicht geschenkt“) und Mühen („Nehmt euch selbst einen Zollstock mit – ich habe nachgemessen.“)

Protestnote soll Missstände aufdecken

Herausgekommen sind Fotos, O-Töne von Anwohnern und zahlreiche recherchierte Ergebnisse, die ebenso zahlreich Missstände der neuen Lint-Züge aufdecken sollen. Missstände, die die BRB dementiert. Dennoch hat die Arbeitsgruppe das Papier an Politiker, Parteien, Touristiker und Interessierte geschickt.

„Man muss dranbleiben“, betont Hölscher und spricht dabei vor allem ihre Mitstreiter an. Die Protestnote weist Anton Grafwallner, Behindertenbeauftragter des Landkreises Miesbach, als einen von ihnen aus. Außerdem dazu gehören Ralph Seifert, Behindertenbeauftragter des Landkreises Bad Tölz-Wolfratshausen, Markus Ertl, Inklusionsbotschafter aus Lenggries, und Rudolf Probst, „ein Vertreter der Lärmgeschädigten“, wie er in der Protestnote genannt wird.

Hölscher stellt zu Beginn klar: „Die BRB steht für Diskriminierung.“ Von Barrierefreiheit, einem Quantensprung oder einem deutlichen Qualitätsschritt könne bei den neuen Lint-Zügen keine Rede sein – entgegen der vorab gegebenen Versprechungen. Denn: Die Züge entsprechen der Waakirchnerin zufolge nicht den erforderlichen TSI-PRM-Vorschriften, also der EU-Verordnung.

Hölscher wirft BRB fehlende Menschlichkeit vor

Die aus Sicht von Hölscher wesentlich besseren, alten Integral- und Talent-Züge würden nun auf anderen Bahnstrecken in Deutschland eingesetzt. Die neuen Fahrzeuge seien geleast und rein aufgrund ökonomischer Entscheidungen angeschafft worden. Hölscher: „Die Menschen, besonders die Schwächeren, sind eine lästige Nebensache.“

Grafwallner wandte sich mit einem Brief an Bayerns Verkehrsministerin Kerstin Schreyer (CSU). Den Inhalt teilte er mit seinen Zuhörern am Gmunder Bahnhof: „Der Spalt von der Bahnsteigkante zum Fahrzeug ist mit 35 Zentimetern zu breit, die Tiefendifferenz zwischen Bahnsteig und Schiebetritt mit 25 Zentimetern zu groß.“ Die Rampe zu den Rollstuhlplätzen sei mit zwölf Prozent Steigung zu steil.

Differenzen ergeben sich durch unterschiedliche Messtechniken

Tatsächlich erlaubt die TSI-Norm bei Rampen bis zu 84 Zentimetern Länge in einstöckigen Fahrzeugen zwölf Prozent Steigung. Grafwallner sieht das als zu steil an, die Grenze sei bereits bei sechs Prozent erreicht. Der Eingang zur Toilette wiederum liege mit vier Zentimetern zu hoch – die BRB spricht von eineinhalb Zentimetern. Die Messdifferenz zwischen BRB und Grafwallner lässt sich damit erklären, dass er – als praxiserprobter Rollstuhlfahrer – die zwei hintereinander liegenden Schwellen aufaddiert, während die BRB die jeweils maximale Schwellenhöhe einzeln misst.

Darüber hinaus kritisiert die Arbeitsgruppe den schlecht gewählten Rollstuhl-Platz vor der Zugtoilette. Die Begleitperson muss Hölscher zufolge die Füße auf der Rampe im Mittelgang abstellen.

Lärm lässt sich Probst zufolge mit neuen Achslagern mindern

Probst ergänzte im Rahmen der Pressekonferenz seine Bedenken beim Thema Lärm, über den sich zuvor viele Bürger beschwert hatten. „Ein Professor der TU Berlin, Markus Hecht, hat mir einen Lösungsvorschlag zugesendet.“ Demzufolge könne man mit neuen Achslagern das Kreischen der Gleise minimieren. „Damit hat man auch die Südostbahn in der Schweiz und Flirt-Züge der Schweizerischen Bundesbahnen erfolgreich nachgerüstet.“ Mit der BRB konnte Probst darüber bisher nicht sprechen, will das aber zeitnah tun. „In jedem Fall“, so betont Hölscher, „fordern wir einen umgehenden Austausch der Züge.“ Für dieses Ziel setzt sich die Arbeitsgruppe „Barrierefrei" ein (wir berichteten).

Lesen Sie auch, wie die BRB auf die Vorwürfe reagiert.

Auch interessant

Kommentare