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Traumberuf: Toni Lettenbichler stammt aus einer Milchfahrer-Dynastie. Er wollte schon immer in die Fußstapfen des Vaters und des Großvaters treten.

Zehn bis zwölf Stunden pro Tag

Toni Lettenbichler ist Milchfahrer aus Leidenschaft

Toni Lettenbichler sammelt sieben Tage die Woche Milch von Bauern und bringt sie zur Molkerei. Für ihn ist es ein Traumjob, für die Milchbauern überlebenswichtig.

Landkreis Halb zehn an einem Bauernhof kurz vor Irschenberg. Für die meisten fängt der Arbeitstag erst an. Toni Lettenbichler (30) ist fast fertig mit seiner ersten Runde durch den Landkreis. Mit einem geübten Blick schlägt der Irschenberger das Lenkrad seines Milchsammelwagens ein und kommt einen Meter neben der Seitenmauer des Hofs zum Stehen. Noch bevor der Bauer ihn grüßt, ist er mit dem Ankuppeln des Milchschlauchs fertig.

Lettenbichler ist Milchfahrer aus Leidenschaft. „Ich hätte nie etwas anderes werden wollen“, sagt er. Sogar seine Freundin habe er beim Milchsammeln kennengelernt. Seit vier Uhr fährt er heute durch das Miesbacher Land, auf Wegerln, nicht breiter als ein Kleinwagen. Kein Problem für Lettenbichler „Ich bin die Strecken ja schon als Kind mitgefahren.“

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Landkreis Miesbach: Toni Lettenbichler ist Milchfahrer aus Leidenschaft

Lettenbichler stammt aus einer Milchfahrer-Dynastie. Schon sein Urgroßvater hat in den 30er-Jahren Milchkannen der umliegenden Bauern zum Miesbacher Milchhof gebracht. Damals noch mit dem Pferdekarren. Heute gibt es keine Molkerei mehr in Miesbach. Lettenbichler liefert an Unser Land, die Molkerei Gropper, an die Bergader Privatkäserei und an die Naturkäserei TegernseerLand. Statt eines Karren hat er zwei Milchsammelwägen.

Seit 2007 holt Lettenbichler im Landkreis Milch. Pro Tag heißt das etwa 60 Betriebe und zehn bis zwölf Stunden Arbeit – sieben Tage die Woche. Freie Tage oder Ferien? „Ja, manchmal hab ich schon einen Tag frei“, sagt er. „Man muss das aus vollem Herzen machen.“ Außerdem unterstützt ihn die Familie. Sein Vater und seine beiden Brüder fahren im Nebenberuf Milch für den Betrieb.

Manchmal müssen dennoch Aushilfen einspringen. Denn Arbeit hat Lettenbichler genug – und es wird mehr: Im Januar kommt das dritte Milchfahrzeug. Seine Augen leuchten: „Es wird automatisch Bio und Konventionell trennen können.“ Bis jetzt mussten die Touren für Bio- und konventionelle Milch immer mit verschiedenen Tankwägen oder einem Reinigungsstopp dazwischen bewältigt werden.

Wichtige Proben: Lettenbichlers Wagen prüft automatisch die Qualität der geladenen Milch.

Lettenbichler ist am nächsten Bauernhof angekommen. Er springt aus dem Wagen. An der Seite des Tanks öffnet er eine Rollklappe. Dahinter: Rohre, Zapfhähne, Displays und ein dicker, blauer Schlauch, der an den Milchtank angeschlossen wird. Weniger als drei Minuten dauert das Aufsammeln. Wie ein riesiger Staubsauger pumpt der Schlauch die Milch in den Tank. Lettenbichler überprüft die Temperatur auf dem Display. Vier bis fünf Grad soll die Milch haben. „Wir kühlen nicht nach. Der Sammelwagen ist gut isoliert, der wird sogar im heißesten Sommer nicht warm.“

Der Tank ist in drei Bereiche geteilt, jeder fasst rund 5000 Liter. Tragisch also, sollte etwas mit der Milch nicht stimmen. „Wir müssten die gesamte Tankladung wegschütten.“ Das kam bisher aber selten vor. Damit das weiterhin so bleibt, nimmt der Wagen automatisch Proben. Auf einem der Höfe hat der Landwirt eine separate Probe vorbereitet. „Damit sehen wir, ob die Milch von vormals kranken Kühen wieder für die Produktion verwendet werden darf.“

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Ein wichtiger Test, denn jeder der über 200 Höfe in Lettenbichlers Einzugsgebiet produziert und lagert seine Milch anders. „Wir sammeln Milch von Betrieben mit zwei Kühen und von Betrieben mit 100 Kühen.“

Diese Vielfalt zeigt auch der nächste Stopp. Zwei runde Milchtanks auf Rädern stehen an der Einfahrt zum Hof – ein kleinerer Betrieb. Lettenbichler muss die Milch selbst aus den kannenartigen Behältern aufsaugen. Der Bauer kommt zum Plausch. „Das ist für mich eigentlich das Schönste an dem Beruf“, sagt der Milchfahrer. „Man ist ständig mit den Landwirten in Kontakt.“ Probleme, Sorgen und Freuden, alle werden mit Lettenbichler geteilt. „Man muss auch ein bisschen verschwiegen sein in dem Beruf“, schmunzelt er.

Durch den Austausch mit den Bauern erlebt der Irschenberger den Strukturwandel aus nächster Nähe. „Viele kleine Betriebe hören auf. Andere Höfe müssen sich stark vergrößern, um wirtschaftlich zu bleiben“, sagt er. Das liege auch an der fehlenden Wertschätzung der Verbraucher, findet der Milchfahrer. Deshalb freut es ihn, wenn die Bauern Selbstvermarktung betreiben. Drei Milchtankstellen gibt es mittlerweile im Landkreis. Hier können sich Kunden die Milch direkt vom Bauern holen. Eine Konkurrenz ist das für den Milchfahrer nicht. „So viel können die Kunden gar nicht trinken“, lacht er.

Überall unterwegs: Manche von Lettenbichlers Kunden haben nur zwei Kühe. Andere haben mehr als 100.

Welche Milch er selbst trinkt? „Frischmilch – direkt von der Arbeit.“ Von welchem Hof sie stammt, ist ihm egal. Den Unterschied zwischen konventioneller, Bio- und Heumilch erschmeckt er nicht. „So lange es Milch aus unserer Gegend ist, bin ich zufrieden.“

Lettenbichler muss wieder los. Ihm steht noch ein langer Tag bevor. Bis 17 Uhr schätzt er, wird er heute Milch zur Molkerei bringen.

Zu dieser Serie

Von Erntedank (6. Oktober) bis Kirchweih (20. Oktober) beleuchten wir in mehreren Folgen die Bedeutung von Lebensmitteln und deren Entstehung. Als Beispiele dienen Betriebe der ÖkoModellregion im Landkreis.

von Marion Thaler

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