Rüdiger Obermaier, Werner Schmid, Aktionsbündnis Zivilcourage
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Wollen wachrütteln: Rüdiger Obermaier (r.) und Werner Schmid vom Aktionsbündnis Zivilcourage. 

Aktion für kleinbäuerliche Landwirtschaft

„Miesbacher Weg“ als Vorbild: Zivilcourage startet Aufklärungskampagne

  • Sebastian Grauvogl
    vonSebastian Grauvogl
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Kleinbäuerliche Landwirtschaft ist dem Aktionsbündnis Zivilcourage seit Langem ein Anliegen. Jetzt starten die Initiatoren eine Aufklärungskampagne.

Landkreis – Bei Skandalen ist der gesellschaftliche Aufschrei groß. Doch an der Fleischtheke oder am Kühlregal im Supermarkt greifen viele Verbraucher am Ende doch wieder zur Massenware – und unterstützen damit die Industrialisierung in der Landwirtschaft mit all ihren negativen Folgen, ökologisch wie gesellschaftlich. Diese sind auch im Landkreis zu spüren. Doch es gibt auch Bauern, die sich dem ständigen Vergrößerungsdruck entziehen. Mit guten Ideen und viel Engagement.

Diese Alternativen zum nur scheinbar unausweichlichen Strukturwandel möchte das Aktionsbündnis Zivilcourage künftig mehr publik machen – und so eine Aufklärungskampagne für eine nachhaltige Landwirtschaft starten. Die Initiatoren hoffen, dass so auch viele andere Höfe, Verbraucher und vor allem auch Politiker den „Miesbacher Weg“ mitgehen.

Dass es ohne politische Unterstützung nicht geht, haben die Initiatoren Werner Schmid, Rüdiger Obermaier und Anneliese Blüml in der Vergangenheit immer wieder gemerkt. Eigentlich seien die Fakten längst bekannt und wissenschaftlich erwiesen. Dennoch bestünde die Gefahr, dass bei der Verlängerung der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der Europäischen Union (EU) von 2020 bis 2027 wichtige Reformen für ein neues und für Kleinbauern gerechteres Fördersystem erneut ausbleiben. „Der Einfluss der Lobbyisten ist ungebrochen“, sagt Obermaier. Sollte es bei den jetzigen Rahmenbedingungen bleiben, würde das Korsett für Kleinbauern immer enger, ergänzt Schmid. Mit der Folge, dass kleine Höfe kaum mehr von ihren Erzeugnissen leben könnten. „Dann hören die Bauern auf oder finden keine Nachfolge mehr.“

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Dass sich von oben etwas ändert, daran glaubt die Zivilcourage kaum mehr. „Der Druck muss aus der Gesellschaft heraus entstehen“, sagt Schmid. Die Corona-Krise habe vielen bewusst gemacht, dass die Lebensmittel nicht „vom Himmel fallen“, sondern vor Ort erzeugt würden. Je mehr, desto unabhängiger sei man von Lieferungen aus dem Ausland. „Jedes Land braucht eine Ernährungssouveränität“, erklärt Obermaier. „Und damit meine ich keine Abschottung.“ Denn Handel trage auch zur Völkerverständigung bei. Er dürfe aber nicht zu einseitigen Abhängigkeiten bis hin zur Ausbeutung von Natur und Bevölkerung führen.

Der Zivilcourage ist bewusst, dass der Landkreis Miesbach im bundesweiten Vergleich strukturell noch sehr gut aufgestellt ist. Doch auch hier gebe es besorgniserregende Entwicklungen. „Den Vorgaben kann sich keiner entziehen“, sagt Obermaier. Um die Bevölkerung über die Folgen zu informieren und so eine Lobby aus Unterstützern für eine gesunde, nachhaltige und kleinbäuerliche Landwirtschaft zu formen, plant das Aktionsbündnis in den kommenden Wochen mehrere Besuche auf Höfen, aber auch bei verarbeitenden Betrieben wie Molkereien oder Fleischereien. Sie alle sollen ihre Erfolgsmodelle vorstellen, aber auch ihre Nöte anbringen können.

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Basis der Gesprächsreihe sind die neun Thesen, die die Zivilcourage in einem Positionspapier an die Agrarpolitik formuliert hat: Abkehr von der extremen Exportorientierung in der Landwirtschaft, gesetzliche Festschreibung einer Flächenbindung in der Tierhaltung, Ausrichtung der Unterstützungszahlungen an einer ökologischen und ressourcenschonenden Bewirtschaftung, Garantie einer gentechnikfreien Lebens- und Futtermittelerzeugung, Reduzierung von Futtermittelimporten sowie insgesamt faire Handelsbestimmungen für landwirtschaftliche Produkte.

Auch wenn sich die Ziele ähneln: Eine Konkurrenz zur Öko-Modellregion will die Zivilcourage mit ihrer Initiative übrigens nicht schaffen, betonen Obermaier und Schmid. Vielmehr stimme man das Vorgehen gemeinsam ab. Je mehr Brücken man zwischen Landwirten und Verbrauchern baue, desto größer sei die Chance für eine gesellschaftliche Bewegung – und nicht nur für einen kurzen Aufschrei bei einem neuen Lebensmittelskandal.

sg

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