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Fast voll besetzt: die Villa Zugvögel, das Obdachlosenheim der Stadt Miesbach. 

Leer gefegter Wohnungsmarkt in Miesbach

Die frustrierenden Erfahrungen der Flüchtlingshelfer - und was sie dagegen tun wollen

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Die Helfer tun sich schwer, Unterkünfte für anerkannte Flüchtlinge zu finden. Um Ängste bei Vermietern abzubauen, sollen nun Flyer verteilt werden. Aber auch Einheimische haben Probleme, am leer gefegten Wohnungsmarkt etwas zu finden.

Miesbach – „Leider schon vergeben.“ Wie oft sie diesen Satz schon gehört hat, kann Inge Jooß nicht mehr sagen. Mitgezählt hat die Integrationsbeauftragte der Stadt Miesbach ganz bewusst nicht. Es wäre zu frustrierend geworden. Dafür kann Jooß sehr genau steuern, wann die gefürchteten Worte über die Lippen der Vermieter kommen. Sie braucht nur zu erwähnen, dass sie die Wohnung nicht für sich selbst, sondern für eine Migrantenfamilie sucht. „Dann ist es meistens direkt aus“, sagt sie. Vor allem, wenn die Interessenten eine dunkle Hautfarbe hätten. Auch junge Männer und kinderreiche Familien hätten es schwer.

Offen ausgesprochen werden die Vorurteile von den meisten nicht, hat Jooß beobachtet. Viele Vermieter würden sich in Ausreden flüchten. Ein beliebtes Beispiel: „Meine Nachbarn wollen das nicht.“ Dass sie sich solche Einstellungen leisten können, liegt für Jooß am leer gefegten Wohnungsmarkt. Die wenigen Unterkünfte, die in der Kreisstadt noch zu haben seien, würden meist zu völlig überzogenen Mietpreisen angeboten. „Man kriegt einfach nichts mehr.“

Das geht manchen Miesbachern nicht anders. Rund 70 Wohnungen seien in den vergangenen zehn Jahren aus der Sozialbindung gefallen, berichtet Zweiter Bürgermeister Paul Fertl auf Nachfrage. Bis 2025 werde es weitere 40 Wohneinheiten erwischen. Für die Bewohner meist keine guten Nachrichten. In vielen Fällen hätten die Eigentümer die Mieten erhöht, sagt Fertl. Manchmal so sehr, dass die Bewohner sie sich trotz staatlicher Unterstützung nicht mehr leisten konnten. „Es gibt verstärkt Räumungen“, hat Fertl vom Sozialamt erfahren.

Auch bei Leuten, die ihr Leben lang gearbeitet haben. Als Beispiel nennt der Zweite Bürgermeister eine Friseurin, die nach 45 Jahren Berufsleben von 750 Euro Rente im Monat leben muss. „Das ist dramatisch“, sagt Fertl. Ebenso die Folgen: Die 22 Wohneinheiten in der Villa Zugvögel, dem Obdachlosenheim der Stadt Miesbach, seien bis auf ein Zimmer „rappelvoll“.

Für Fertl gibt es nur eine Möglichkeit, die Situation zu verbessern: kommunaler Wohnungsbau. Nicht nur auf Sozialwohnungsstandard, sondern auch für Normalverdiener, die sich auf dem Mietwohnungsmarkt schwertun. Viele Optionen gibt es dafür in Miesbach jedoch nicht. Für machbar hält der Zweite Bürgermeister aber ein Projekt auf der Fläche nördlich des Friedhofs.

Jooß bleibt derweil nichts anderes übrig, als weiterzusuchen. Um die Ängste bei Vermietern vor Flüchtlingen aus anderen Kulturkreisen abzubauen, hat sie zusammen mit dem Helferkreis den bunten Flyer „Wohnen für alle“ aufgelegt. Dieser soll auch an alle anderen Asylhelfer im Landkreis verteilt werden. „Liebe Vermieter – gebt unseren Flüchtlingen eine Chance!“, lautet die Bitte. Wohnen sei ein Grundbedürfnis und ein Grundrecht für alle Bürger Bayerns – egal ob deutsch oder ausländisch, heißt es in der Broschüre.

Flankiert wird dieser Auszug aus der bayerischen Verfassung mit Infos zur Herkunft und den Schicksalen der Geflüchteten. Sie alle hätten eine Aufenthaltserlaubnis, viele einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz. Auch Kontaktpersonen der Helferkreise und Ansprechpartner der in der Migrations- und Integrationsberatung tätigen Organisationen sind aufgeführt. Weder die Mieter noch die Vermieter würden bei Problemen allein gelassen.

Leichter haben es Jooß und ihre Mitstreiter bei professionellen Vermietern wie dem Katholischen Siedlungswerk, das Wohnungen am Windfeld besitzt. „Da läuft es bürokratischer und weniger emotional ab“, sagt die Integrationsbeauftragte. Und das heißt bei diesem Thema vor allem eines: ohne Vorurteile.

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