Will Hilfe: Markus Schäffner, Landkreis-Vorsitzender des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands, kritisiert Lehrermangel und fehlender Vorbereitung auf die zweite Welle. Foto: Thomas Plettenberg
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Will Hilfe: Markus Schäffner, Landkreis-Vorsitzender des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands, kritisiert Lehrermangel und fehlender Vorbereitung auf die zweite Welle.

Mehr Unterstützung gefordert

Lehrer trotzen Corona-Risiken, sagen aber: “Das ist kein normaler Unterricht“

  • Christian Masengarb
    VonChristian Masengarb
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Viele Lehrer nehmen über 100 soziale Kontakte pro Tag auf sich, um Schüler weiter in den Klassen zu unterrichten. Dafür fordern sie mehr Unterstützung von der Politik.

Landkreis – In einer Pandemie, in der Menschen Kontakte reduzieren sollen, nehmen viele Lehrer über 100 soziale Kontakte pro Tag auf sich, um Schüler weiter in den Klassen zu unterrichten. Fast alle gerne und aus Überzeugung, sagt Markus Schäffner, Landkreis-Vorsitzender des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands. Er schätzt, selbst von den Lehrern, die sich als Hochrisikogruppe hätten freistellen lassen können, stehen 99 Prozent täglich vor Schülern. „Das zeigt, wie wichtig es ihnen ist.“ Trotzdem wünscht sich Schäffner, die Politik hätte ihnen die Aufgabe erleichtert. „Niemand soll denken, derzeit laufe normaler Unterricht.“

Lehrerverband

Gründe für den Berufsethos der Lehrer nennt Schäffner viele. Die sozialen Kontakte seien wichtig für die Entwicklung der Kinder. Der Lockdown im Frühjahr habe gezeigt, dass im Heimunterricht schwächere Schüler „unter dem Radar wegtauchen“. Bei Online-Unterricht ginge ein Drittel für technische Probleme verloren. Klappt der Ton, steht das Bild? Das frisst Zeit. Lieber treten Lehrer täglich vor volle Klassenzimmer.

Alleine gelassen fühlen sie sich damit dennoch, sagt Schäffner. Dass Lehrer im Kampf gegen das Virus keine Unterstützung von Filteranlagen erhalten, dass zu wenig gegen den Lehrermangel getan werde, dass Förderlehrer, die gerade jetzt schwächeren Schülern helfen müssten, stattdessen Kollegen in Quarantäne vertreten sollen – „das liegt einigen schwer im Magen“. Natürlich wolle jeder Pädagoge seine Schüler unterrichten. Aber je nach eigenem Risiko und Risiko der Angehörigen müssten sie auch andere Dinge bedenken. „Wir sind für die Schüler da. Aber dafür müssen wir einiges aushalten.“

Auch die Schüler leiden unter der Situation, sagt Schäffner. „Wir müssen aufpassen, dass es uns nicht irgendwann geht wie Berliner Schulen, wo die Hälfte der Lehrer Dinge unterrichtet, für die sie nicht ausgebildet sind.“ Noch sei der Landkreis davon weit entfernt, aber wenn Studenten voll unterrichten, Techniklehrer Deutsch geben und unausgebildete Teamlehrer die Klassenlehrer vertreten, „dann das ist kein normaler Unterricht. Das muss jedem klar sein.“ Die Krise habe bestehende Probleme verstärkt und offengelegt.

Schäffner wünscht sich langfristige Strategien von Land und Landkreis. „Wie bekomme ich kleinere Klassen? Wie statte ich Schulen mit Filteranlagen aus? Was kann ich baulich verändern?“ Maßnahmen, die aus seiner Sicht auch nach der Pandemie helfen. „Dann fällt bei Grippewellen nicht ein Drittel des Kollegiums aus.“

Realschule Gmund

Auch Tobias Schreiner, Schulleiter der Realschule Tegernseer Tal in Gmund, sieht das Dilemma der Lehrer. Sie wüssten, wie wichtig ihrer Arbeit ist. Gleichzeitig sage ihnen aber die Politik, es grassiere ein gefährliches Virus, sie sollen Kontakte vermeiden. Eine Familie aus einem Lehrerehepaar und zwei schulpflichtigen Kindern komme auf 200 bis 300 Sozialkontakte täglich. „Da ist es schwer ruhig zu bleiben.“

Im Gegensatz zu Schäffner sieht Schreiner in Distanzunterricht eine Alternative: „Ich glaube, da werden die Möglichkeiten unterschätzt.“ Die öffentliche Diskussion und die Politik setzten Lernen am Laptop vielfach noch mit Schulausfall und überlasteten Eltern gleich. Das sei im Frühjahr in einigen Fällen so gewesen. „Seitdem waren aber acht Monate Zeit.“

An seiner Schule funktioniere der Distanzunterricht, sagt Schreiner. Klassen, die wegen eines positiven Tests eines Schülers zuletzt in Quarantäne mussten, habe seine Schule im regulären Stundenplan weiterunterrichtet. Das habe funktioniert. Weitergebildete Lehrer, klare Strukturen für Schüler – „dann klappt Online-Unterricht ab der sechsten oder siebten Klasse“.

Grund-/Mittelschulen

Die Grund- und Mittelschulen im Landkreis leiden derweil unter den Lehrerausfällen durch Corona. Zwar habe sich auch hier nur ein Lehrer mit einem Coronabedingten Attest freistellen lassen, berichtet Schulamtsleiter Jürgen Heiß. Weil den Grund- und Mittelschulen aber seit Jahren Lehrer besonders fehlen, 34 Lehrer seit Jahresbeginn in Quarantäne waren und die derzeit besonders vielen Schwangeren nicht im Präsenzunterricht eingesetzt werden, sei die Lage angespannt. Die Regierung von Oberbayern helfe durch die Genehmigung von Nachrückerverträgen und Stundenaufstockungen einzelner Lehrer.

Die Schüler

Was den Lehrern die Lage erleichtert: Schüler hielten die Hygieneregeln gut ein, sagt Schäffner. Manchmal müssten Lehrer erinnern, bei Größeren auch mal argumentieren. Schwere Probleme wie Schulbesuche trotzt Symptomen sind ihm aber nicht bekannt. „Es heißt oft, die Jüngeren nehmen es nicht so ernst. Das entspricht nicht meiner Erfahrung.“

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