Kind, Hand, Gewalt, Missbrauch
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Kindesmissbrauch ist nur ein Thema, mit dem sich die Ehrenamtlichen des Weißen Rings befassen.

Tag der Kriminalitätsopfer

Leiter des Weißen Ring Miesbach im Interview: „Missbrauch ein sehr schwieriges Thema“

Stalking, Enkeltrick, Gewalt: Seit 1976 hilft der Weiße Ring Menschen, die Opfer von Straftätern geworden sind. Im interview erzählt der Leiter der Außenstelle Miesbach von seiner Arbeit.

Landkreis – Stalking, Enkeltrick, Gewalt: Seit 1976 hilft der Weiße Ring Menschen, die Opfer von Straftätern geworden sind – egal, um welches Delikt es sich handelt. Ziel des 46 000 Mitglieder zählenden Vereins ist, das seelische Trauma der Betroffenen zu mildern. Mit verschiedenen Kampagnen ermutigt er sie, Unterstützung zu suchen – zum Beispiel Männer, die 60 Prozent der Opfer einer Straftat ausmachen, aber kaum Hilfe suchen. Außerdem leistet der Verein Präventionsarbeit, etwa gegen Cybermobbing. Anlässlich des heutigen Tags der Kriminalitätsopfer sprachen wir mit Rudolf Haberl (63), dem Leiter der Miesbacher Außenstelle des Weißen Rings.

Herr Haberl, Sie warnen vor einer Verrohung der Gesellschaft. Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?

Rudolf Haberl: Das zeigen der Mord an Walter Lübcke sowie die Anschläge in Halle und Hanau. Das Bundeskriminalamt verzeichnet für 2019 insgesamt 8585 Fälle politisch motivierter Hasskriminalität. Viele Fälle von Hass und Hetze vor allem im Internet werden aber erst gar nicht erfasst, weil Betroffene sie nicht anzeigen.

Woher kommt dieser Hass auf Menschen, die anders aussehen oder denken?

Rudolf Haberl: Ich vermute, die neuen Medien spielen dabei eine Rolle. Sie geben die Möglichkeit, sich anonym auszulassen. Die Anonymität ist ein wichtiger Punkt bei Hass und Hetze, weil man sich dahinter verstecken kann. Hinzu kommt die Dynamik im Netz: Einer lässt was raus, der nächste setzt einen drauf – bis eine Wolke voll Hass entsteht. Besonders schlimm für die Opfer ist, dass sie sich gegen anonyme Personen nicht wehren können.

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Sind Hass und Hetze im Internet strafbar?

Rudolf Haberl: Viele wehren sich nicht, weil ihnen die Rechtslage unklar erscheint. Dabei können Hass und Hetze durchaus verschiedene Tatbestände darstellen. Etwa einen Verstoß gegen das Antidiskriminierungsgesetz. Es ist Aufgabe der Staatsanwaltschaft und der Rechtsanwälte, das zu beurteilen. Unsere Aufgabe ist es, den Opfern zu helfen. Deshalb wollen wir allen Betroffenen Mut machen, sich Unterstützung zu holen.

Mit welchen Anliegen wenden sich Opfer an den Weißen Ring in Miesbach?

Rudolf Haberl: Meist sind es Fälle von sexuellem Missbrauch. Das ist ein sehr schwieriges Thema, vor allem bei uns auf dem Land. Da darf nichts nach außen dringen. Häufig läuft es so ab, dass eine Frau anruft und fragt: „Wenn ich angegriffen werden würde, könnte ich mich dann an Sie wenden?“ Man merkt, da ist etwas, aber es wird nicht ausgesprochen. Es bedarf oft vieler Gespräche, bis sich Betroffene öffnen.

Rudolf Haberl vom Weißen Ring Miesbach.

Wie viele Menschen suchen bei Ihnen Hilfe?

Rudolf Haberl: Derzeit befassen wir uns mit 30 Fällen. Im vergangenen Jahr hatten wir 90 bis 100 Anrufe, darunter auch Ratsuchende.

Welcher Fall hat Sie besonders bewegt?

Rudolf Haberl: Das war ein Fall von Kindesmissbrauch, den die Mutter bemerkt hat, der aber nicht nachweisbar war. Die Polizei stand damals vor der Problematik der Beweislast. Inzwischen sind die Kinder geschützt, aber das war ein langer Prozess.

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Bemerken Sie einen Anstieg häuslicher Gewalt während des Lockdowns?

Rudolf Haberl: Nein. Allerdings erschwert die Pandemie unsere Arbeit. Ein Beispiel: Wir helfen beim Ausfüllen von Anträgen nach dem Opferentschädigungsgesetz. Vor der Pandemie haben wir uns mit den Antragstellern zusammengesetzt und genau erklärt, wo sie was eintragen müssen. Das müssen wir jetzt telefonisch und per E-Mail machen. Bis der Antrag korrekt ausgefüllt ist, muss er oft etliche Male hin- und hergeschickt werden.

Wie helfen Sie außerdem?

Rudolf Haberl: Wir hören zu und spenden Trost. Wir begleiten Opfer zur Polizei und zu Gericht, wenn sie das möchten. Wichtig ist aber auch: Wir gehen nicht sofort zur Polizei! Wir erzwingen keine Anzeige, sondern raten den Opfern zu entsprechenden Vorgehensweisen. Wir vermitteln anwaltliche und psychotraumatologische Beratung. Wir leisten auch finanzielle Hilfe, wenn Bedarf besteht.

Wie viele Mitarbeiter haben Sie in Miesbach?

Rudolf Haberl: Wir sind zu fünft – und über jede Unterstützung dankbar. Schließlich arbeiten wir alle ehrenamtlich. Wir sind keine Spezialisten wie Therapeuten oder Ärzte. Aber doch für unsere Tätigkeit ausgebildet. Wer sich für ein Engagement interessiert, dem bietet der Weiße Ring gute Seminare. Etwa zu Gesprächsführung, zu Besuchen bei der Polizei oder zum Ausfüllen von Anträgen. Bevor man selbst einen Fall übernimmt, muss man einen erfahrenen Kollegen bei drei Fällen begleitet haben.

Wie kamen Sie persönlich zu diesem Ehrenamt?

Rudolf Haberl: Ich habe mich schon als Jugendlicher für das Thema interessiert. Ein ausschlaggebender Punkt war die Sendung „Aktenzeichen XY...ungelöst“, die ich gern geschaut habe. Die Idee ist, dass jeder bei der Verbrechensbekämpfung und der Klärung ungelöster Kriminalfälle mithelfen kann. Entwickelt hat das Format Eduard Zimmermann – und der hat ja auch den Weißen Ring gegründet. Seit ich in Teilrente bin, habe ich endlich die Zeit, mich für die Opfer von Straftaten einzusetzen.

bst

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