Leiterin Christine Newin über die Corona-Fälle im Vitanas Senioren Centrum
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Hat es geschafft: Christine Newin, Leiterin des Vitanas Senioren Centrum in Miesbach, überwand nach der Corona-Diagnose in ihrem Heim Druck, Ängste und Selbstzweifel, um die Bewohner zu schützen.

„Es war eine emotionale Herausforderung“

Leiterin Christine Newin über die Corona-Fälle im Vitanas Senioren Centrum

  • Christian Masengarb
    vonChristian Masengarb
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In unserem Gespräch erzählt Leiterin Christine Newin, wie sie auf die Schock-Nachricht Corona im  Vitanas Senioren Centrum in Miesbach reagiert hat und wie es den Bewohnern geht.

Miesbach – Im Vitanas Senioren Centrum Schlierachwinkl in Miesbach waren sechs Bewohner, sechs Mitarbeiter und drei Angehörige der Mitarbeiter an Corona erkrankt (wir berichteten). Zwei Bewohner sind im Zusammenhang mit dem Virus gestorben. Das Landratsamt lobt das Krisenmanagement des inzwischen Corona-freien Heims als vorbildlich. In unserem Gespräch erzählt Leiterin Christine Newin (56), wie sie auf die Schock-Nachricht Corona reagiert hat und wie es den Bewohnern geht.

Mehr zum Thema Seniorenheime: Corona: Seniorenheime legen Schutz-Regeln unterschiedlich stark aus

Leiterin Christine Newin über die Corona-Fälle im Vitanas Senioren Centrum

Frau Newin, als Sie vom ersten Corona-Fall in Ihrem Heim hörten, was haben Sie gedacht?

Ich war sehr schockiert. Ich habe um 16 Uhr die Nachricht erhalten und sofort mit der Führungsmannschaft einen Krisenplan aufgestellt. Es musste schnell gehen. Jede Stunde könnte sich jemand anstecken. Zum Glück hatte ich vorher mit unserer Pflegedienstleitung und Qualitätsbeauftragten besprochen, was wir im Falle eines Falles tun. Das müssen Sie vorher machen, weil Sie in dieser Situation unmöglich an alles denken können.

Welche Maßnahmen haben Sie ergriffen?

Wir haben die positiv getesteten Bewohner sofort in einem Bereich isoliert. Dort wurden sie nur von einem Mitarbeiter pro Schicht versorgt. Die anderen Senioren blieben zwei Wochen in den Zimmern. Die positiv getesteten Mitarbeiter gingen in Quarantäne. So haben wir es geschafft, in Rekordzeit Corona-frei zu werden. Bereits beim zweiten Test waren alle Bewohner und Mitarbeiter negativ.

Wie haben Sie den Ausbruch persönlich erlebt?

Für mich war die Zeit eine emotionale Herausforderung. Ich habe mir viele Gedanken gemacht: Was habe ich falsch gemacht? Habe ich etwas übersehen? Aber wir hatten einige Zeit vor dem positiven Befund eine Mannschaft vom Gesundheitsamt und vom Katastrophenschutz bei uns in der Einrichtung, die unsere Hygienemaßnahmen überprüft hat. Sie haben gesagt, sie seien ausgezeichnet. Wir wären diesbezüglich eine vorbildliche Einrichtung.

Welche Schutzmaßnahmen hatten Sie ergriffen?

Wir haben mit dem Shutdown das Heim zugemacht. Unsere Bewohner durften sich frei bewegen, die Mitarbeiter trugen Masken. Wir haben Personal, das auch im Krankenhaus oder anderen Einrichtungen arbeitet, nicht mehr eingesetzt. Wir wollten verhindern, dass das Virus von draußen reinkommt. Wir haben die Mitarbeiter jede Woche geschult. Ich bin überzeugt, dass wir deswegen so schnell und kompetent reagieren konnten. Aber wir leben nun einmal in einem Hotspot – absolute Sicherheit gibt es da nicht.

Wie haben die Maßnahmen die Bewohner beeinflusst? Haben sie unter der Isolation gelitten?

Für unsere Bewohner war es eine große Belastung. Die geistig fitten unter ihnen haben versucht, sich zu beschäftigen. Aber die Senioren mit Demenz haben sich eher zurückgezogen. Da muss man sehr gut aufpassen, dass nichts passiert.

Was meinen Sie damit?

Bei einem Bewohner hatten wir besonders Angst, dass er sich etwas antut. Wir sind deswegen oft zu ihm gegangen, haben viel mit ihm geredet. Andere Bewohner konnten mit unseren Tablets per Skype Kontakt zu Angehörigen halten. Eine Familie hat ihrer Oma zum 80. Geburtstag vor unserem Haus ein Herz hochgehalten, Ballons aufsteigen lassen und gewunken. Sie stand am Fenster. Es war eine harte Zeit für die Senioren. Das wissen wir.

Es gab ja schon vor dem ersten Corona-Fall ein Besuchsverbot.

Ja. Im Alter zählen die materiellen Dinge nichts mehr. Es geht um Beziehungen und freundschaftliche Kontakte. Viele Angehörige haben ihre Eltern zu uns geholt, um öfter vorbeikommen zu können. Das ging plötzlich alles nicht mehr. Einige Bewohner kamen deswegen an die Rezeption und haben gesagt: „Das geht so nicht. Ich will die Chefin sprechen! Ich will wieder raus!“ Ich habe dann erklärt, dass das nicht von mir kommt. Einige waren damit zufrieden. Andere waren wütend. Aber so ist das nun mal: Wir sind eine große Familie und müssen miteinander auskommen.

Was tun Sie derzeit gegen die Einsamkeit?

Wir reden weiter viel mit den Senioren. Außerdem machen wir zusammen Musik. Das erreicht auch Menschen mit Demenz. Sie spüren die Melodie und summen mit. Schließlich gehen unsere Mitarbeiter mit den Senioren im Freien auf dem Gelände spazieren. Es ist uns wichtig, dass sie raus können. Außerdem haben wir in unserem hellen Atrium eine Besuchs-Area eingerichtet. Die Besuchszeit ist von 14 bis 16 Uhr, jeder Bewohner hat 30 Minuten. Ein Betreuer bringt sie an einen Tisch, hinter einer durchsichtigen Trennwand sitzen die Angehörigen.

Umarmen dürfen sie sich also noch nicht?

Nein. Es ist noch nicht wie früher. Aber die Menschen können sich wieder sehen. Wie geht es meiner Mutter, meiner Tochter? Das sind wichtige Eindrücke, die ein Telefonat nicht ersetzen kann. Gerade bei Menschen, die schlecht hören.

Was sagen Sie zu Menschen, die schnellere Lockerungen fordern?

Ich kann sie verstehen. Aber wir haben es hier mit der Hochrisikogruppe zu tun, und ich muss es verantworten. Ich werde es nicht von heute auf morgen machen wie früher. Dazu ist die Sache zu ernst. Das Schlimmste wäre, wenn ein Bewohner wegen Corona stirbt.

Zwei Ihrer Bewohner sind bereits im Zusammenhang mit Corona gestorben.

Das war sehr traurig. Ich muss aber auch sagen: Eine demente Frau befand sich schon länger im Sterbeprozess. Sie hat seit Februar immer weniger gegessen und getrunken. Eine andere musste reanimiert werden, was scheiterte. Ob alleine Corona dafür verantwortlich war, wissen wir nicht. Die Frau hatte früher jeden Tag Besuch von ihrem Sohn. Plötzlich war er nicht mehr da. Das war wohl auch ein Faktor.

Lage in Seniorenresidenz Schliersee entspannt sich

Der Betrieb der Seniorenresidenz Schliersee läuft laut Landratsamt auch zehn Tage nach dem Abzug der Bundeswehr stabil. Der Betreiber könne das Heim derzeit vollständig selbst und ohne Unterstützung der Behörden führen. Die letzte Reihentestung habe nur noch einen positiven Befund für einen Bewohner ergeben. 

Lesen Sie auch: Landratsamt: Heimaufsicht schuldlos an Problemen in Seniorenresidenz

Wie berichtet, waren in der Seniorenresidenz nach mehreren Corona-Erkrankungen bei Bewohnern und Pflegern schwere Probleme aufgefallen. Die Bundeswehr musste aushelfen, die Behörden ermitteln wegen Körperverletzung. Derzeit stellt das Landratsamt der Einrichtung zahlreiche Auflagen, die den Betrieb stetig verbessern sollen. Alle davon will die Behörde nicht benennen. Sie verrät aber, dass für das Heim weiter ein Aufnahmestopp gilt. Der Betreiber solle sich auf die vorhandenen Senioren konzentrieren, bevor er neue aufnimmt. Außerdem werde die Fachkräftequote eng kontrolliert. 

Ausgestanden ist die Situation nicht. Das Landratsamt betont: Sollte sich die positive Tendenz nicht verfestigen, behält sich die Behörde weitere Schritte vor – bis hin zur Schließung des Heims.

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