+
Ein Treffen, das auch heute noch von Nutzen ist: Im April 2016 arrangierte Ludwig Mailinger (l.) ein Gespräch zwischen dem Bundesabgeordneten Hans-Peter Uhl (2.v.l.), Landtagsabgeordnetem Gerhard Hopp (r.) und dem damaligen US-Senator Jeff Sessions. Letzterer ist mittlerweile Justizminister im Kabinett von Donald Trump.

Ludwig Mailinger im Porträt

Ein Miesbacher, der Jahrzehnte Weltpolitik betrieben hat

  • schließen

Er selbst bezeichnet sich als einen Mann der zweiten Reihe. Doch als Leiter der Verbindungsstellen der Hanns-Seidel-Stiftung hatte Ludwig Mailinger aus Miesbach einen direkten Draht in die Weltpolitik.

Miesbach – Ludwig Mailinger ist elf Jahre alt, als die Kubakrise vor seiner Haustür ankommt. Schwere Kampfpanzer eines amerikanischen Bataillons rollen 1962 bei einer Manöverübung durch sein kleines Heimatdorf bei Weißenburg in Mittelfranken. Eine Vorbereitung auf den Ernstfall – den Dritten Weltkrieg. „Das waren dramatische Stunden“, erinnert sich Mailinger. Schon als Bub erfährt er, wie fragil der Frieden auf der Welt ist – und wie unmittelbar der Einfluss der internationalen Politik auf das Leben jedes Einzelnen.

Den für ihn bedeutendsten russischen Politiker holte Mailinger 2011 vom Münchner Flughafen ab (Bild links): Michail Gorbatschow.

Mehr als ein halbes Jahrhundert später weiß Mailinger, dass ihn dieser Eindruck nicht getäuscht hat. In seinen 13 Jahren als Leiter der Verbindungsstellen der Hanns-Seidel-Stiftung in Washington, Moskau, Brüssel und Athen organisierte der gebürtige Haushamer unzählige Treffen von bayerischen Politikern mit Abgeordneten in Europa, USA, Kanada und Russland. Am 1. Mai geht der 65-Jährige, der seit 1992 in Miesbach wohnt, in den Ruhestand. Reich an Erfahrungen aus den Hinterzimmern der Weltpolitik, die den meisten ein Leben lang verschossen bleiben.

Mailinger kennt die Zutaten, die es braucht, um die Interessen Bayerns und Deutschlands im Ausland möglichst effektiv zu vertreten: offene, aber vertrauliche Gespräche. Frei von diplomatischen Zwängen, aber voll Respekt für das Gegenüber. Unter Einhaltung der für Stiftungen verpflichtenden Distanz zur Parteiarbeit, aber nicht im Widerspruch zu den christlich-sozialen Grundwerten. Mit Politikern, die nicht an der Spitze stehen, aber Einfluss haben. „Und von ihrem Chef ab und zu um Rat gefragt werden“, erklärt Mailinger schmunzelnd.

Wenn er in diesem Zusammenhang von der „zweiten Reihe“ spricht, dann meint er das in keiner Weise abwertend. Gerade das große Fachwissen der Parlamentarier sei der ideale Türöffner zu den Büros von US-Senatoren und russischen Duma-Vertretern. „Wenn man da nicht mit kompetenten Gesprächspartnern auftritt, bekommt man keinen Termin mehr“, erklärt Mailinger. Genauso unabdingbar: eine exzellente Vorbereitung auf die zu besprechenden Themen. Vor jeder Reise stellte Mailinger mit seinem fünfköpfigen Team in München eine Info-Mappe für die Politiker zusammen. „Spätestens im Flugzeug haben sie die auch durchgeblättert“, sagt er.

Schon früh lernte der studierte Politikwissenschaftler, die tägliche Informationsflut zu kanalisieren. Ab 1981 arbeitete er in der CSU-Landesleitung beim damaligen Generalsekretär Edmund Stoiber und kümmerte sich parallel um das Büro von Franz-Josef Strauß. Nach dessen Tod holte ihn der neue CSU-Parteivorsitzende Theo Waigel 1989 als Büroleiter nach Bonn. Hier erlebte Mailinger die wohl stressigsten Jahre seiner Karriere. Er beantwortete unzählige Briefe, feilte an politischen Konzepten – und schrieb Reden.

Vor allem letzteres war bisweilen ein echter Drahtseilakt. „Wenn sich die Nachrichtenlage geändert hat, musste ich alles wieder umschreiben“, erzählt Mailinger. Politiker wie Stoiber, Strauß oder Waigel hätten ihr Manuskript aber ohnehin nur als Skelett betrachtet. „Sie haben mehr auf ihr Publikum geachtet.“ Umso wichtiger war der rettende Blick aufs Papier, wenn der Redefluss dann doch plötzlich stockte.

Das, sagt Mailinger, kam auch bei den Terminen der Hanns-Seidel-Stiftung vor. Bis zu sechs Gespräche pro Tag – und das mit einem meist schlaflosen Überseeflug im Nacken. Da konnte auch ein erfahrener Abgeordneter kurz den Faden verlieren. Nur einer war immer hellwach: Ludwig Mailinger. Er verfolgte hoch konzentriert das Gespräch und schritt bei Bedarf mit einer – selbstverständlich fachlich fundierten – Frage ein. Bei sprachlichen Hürden zwischen den Abgeordneten war der stets anwesende Simultan-Dolmetscher am Zug.

Die Atmosphäre bei den Treffen sei vor allem in den USA entspannt bis freundschaftlich gewesen, erzählt Mailinger. „Die Amerikaner haben die Deutschen immer als einer ihrer wichtigsten Partner gesehen.“ Daran habe sich durch Präsident Donald Trump nichts geändert. Das Auftreten russischer Abgeordneter beschreibt der ehemalige Verbindungsstellenleiter hingegen als „ernst und wuchtig“. Dies habe er aber stets als Respekt vor den deutschen Gästen aufgefasst.

Den für ihn bedeutendsten russischen Politiker holte Mailinger 2011 mit einer Delegation vom Münchner Flughafen ab: den ehemaligen Staatspräsidenten der Sowjetunion, Michail Gorbatschow. Ein selbst für einen erfahrenen Mann wie Mailinger beeindruckendestes Treffen. „Ihm haben wir nicht nur die deutsche Einheit, sondern auch die Auflösung des Ost-West-Konflikts zu verdanken“, sagt der Miesbacher. Jener Konfrontation also, die ihn seit seiner Kindheit nicht mehr losgelassen hat.

sg

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

A bissl Radlweg geht immer 
Der neue Geh- und Radweg an der B 472 in Schwaig bei Irschenberg stößt auf Unverständnis bei den Radlern. Kein Wunder, endet er doch in beiden Richtungen im …
A bissl Radlweg geht immer 
Unwetter: Bäume blockieren Bahnstrecke und Straßen
Das Unwetter von Freitag hat im Landkreis Miesbach seinen Tribut gefordert. Etliche Bäume sind umgeknickt. Viele Straßen, die Autobahn sowie Bahnstrecken waren betroffen.
Unwetter: Bäume blockieren Bahnstrecke und Straßen
Technischer Defekt löst Großeinsatz aus
47 Feuerwehrleute, dazu Polizei: Auch abseits des Unwettergeschehens hatten die Einsatzkräfte in der Nacht zum Samstag zu tun. 
Technischer Defekt löst Großeinsatz aus
Angeklagter (40) rammt betrunken auf der A8 einen Streifenwagen
Zwei Polizisten werden bei dem Aufprall leicht verletzt, als ein 40-Jähriger auf der A8 bei Irschenberg hinten auf ihren Streifenwagen fährt. Der Mann flüchtete - und …
Angeklagter (40) rammt betrunken auf der A8 einen Streifenwagen

Kommentare