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Ludwig Thoma: Was brachte den Dichter zum Antisemitismus? Wissenschaftler liefert Erklärungsversuche

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Von: Jonas Napiletzki

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Professor Reinhard Wittmann bei seinem Vortrag zu Ludwig Thoma.
Professor Reinhard Wittmann bei seinem Vortrag zu Ludwig Thoma. © Thomas Plettenberg

Der Dichter Ludwig Thoma schrieb in den letzten Jahren vor seinem Tod judenfeindliche Hetzartikel für den Miesbacher Anzeiger. Wissenschaftler versuchen sich nun an Erklärungen.

Miesbach – An den Kulturabend zum 100. Todestag von Ludwig Thoma knüpfte gestern ein Symposium mit Fachvorträgen im Waitzinger Keller an. Neben weiteren Referenten hatte Initiator Franz-Josef Rigo Literaturwissenschaftler Professor Reinhard Wittmann eingeladen, um Thomas Hetzschriften im Miesbacher Anzeiger zu beleuchten. Der Fischbachauer stuft die Artikel als „Ventil für wachsende innere Unruhe“ ein – mit vielschichtigen Ursachen.

Thoma sei verbittert und verstört wegen der politischen Misere nach dem Krieg und der krisengeschüttelten Anfänge der Demokratie gewesen. Und auch wegen seiner privaten Lebenssituation.

Wissenschaftler Reinhard Wittmann: Thoma hatte eine „zutiefst gespaltene und verstörte Persönlichkeit“

Kurz vor dem Erscheinen der ersten Schriften im Miesbacher Anzeiger im Sommer 1920 habe Thoma zwei Bücher angefangen – und wieder abgebrochen. Wittmann: „Zweimal gescheitert – beunruhigend.“ Der Wissenschaftler erkennt in Thoma eine „zutiefst gespaltene und verstörte Persönlichkeit“. Viele der biografischen Stationen des Dichters würden von Kränkung, Demütigung und Scheitern zeugen. „Die ärmliche Kindheit, schulisches Versagen, der Ausschluss aus dem Studentencorps, der nicht ganz einwandfreie Doktortitel“ – und der soziale Aufstieg als „intellektueller Außenseiter“.

Neben Patriotismus im Krieg seien Thoma wohl auch erotische Probleme zum Verhängnis geworden. „Seine Frau Marion hatte er ihrem Gatten quasi abgekauft – die Ehe scheiterte.“ Auch Maidi von Liebermann – seine letzte und jüdische Geliebte – sei gesellschaftlich über ihm angesiedelt gewesen. Ihr habe Thoma geschrieben: „Ich bin wirklich kein Antisemit“ – ein Widerspruch, den der Dichter selbst erkannte.

Wittmann resümiert: „Thoma repräsentiert eine ungute Mischung aus Auftrumpfen und unstillbaren Minderwertigkeitskomplexen.“ Die stolz-sentimentale, auch großmäulige Heimatliebe treffe auf die Angst vor allem Fremden. „Bei Thoma vermengten sich politische Depressionen und Verzweiflung, überlagert durch sein Wissen um die eigene Schuld.“

Dr. Klaus Wolf: Politische Haltung des Dichters im ausgehenden 19. Jahrhundert stehen geblieben

Literaturwissenschaftler Dr. Klaus Wolf meint: „Man versteht Thoma – ohne die Ausfälle entschuldigen zu wollen – am ehesten, wenn man seine Bewunderung für Friedrich den Großen ernst nimmt.“ Die politische Haltung des Dichters sei im ausgehenden 19. Jahrhundert stehen geblieben, urteilt der Augsburger Wissenschaftler. Thoma ist für Wolf „eine politisch denkende Gestalt voller Ambivalenzen, die zu früh starb, um im Untergehen des Alten die Chancen des Neuen zu erkennen.“ Thoma habe Antisemitismus schon früh artikuliert, was sich nicht durch provinzielles Denken erklären lasse. „Thoma reiste sogar durch Nordafrika.“

Doch trotz der „rhetorisch perfiden“ antisemitischen Hetze und Kaltblütigkeit gelte: „Wegen der Popularität, die Thoma auch heute hat, ist die Einordnung nötig.“

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Letzterem stimmt auch Professor Bernhard Gajek zu. Der Regensburger Literaturwissenschaftler betont: „Die Umbenennung von Straßen ist Unsinn.“ Gajek plädiert stattdessen für Aufarbeitung und kritische Auseinandersetzung. Frühen Antisemitismus erkennt Gajek bei Thoma jedoch nicht – der Dichter habe in seiner Lyrik nie antisemitisch geschrieben.

Welche Einflüsse Thoma bewegten, können die Wissenschaftler nur erahnen. Ob der Dichter gar der bis zu seinem Tod unbeantworteten Beitrittsanfrage der NSDAP gefolgt wäre? „Das übersteigt meine Fantasie“, schließt Wittmann.

Der 100. Todestag von Ludwig Thoma am Donnerstag war für den Waitzinger Keller in Miesbach Anlass, auf an den Heimatdichter zu erinnern. Am Mittwoch mit einem Kulturabend.

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