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Fast 14 Jahre unschuldig im Gefängnis? „Die Jahre sind einfach weg“

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Von: Carina Zimniok

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Manfred Genditzki
Ein Opfer der Justiz? Manfred Genditzki am Tegernsee. Er habe mit dem Tod der Seniorin nichts zu tun, sagen er und seine Anwältin. Das hätten Gutachten gezeigt. Wird er im neuen Prozess freigesprochen, stehen ihm 75 Euro Entschädigung pro Tag zu – insgesamt also 368 400 Euro. © THOMAS PLETTENBERG

Manfred Genditzki ist wegen Mordes verurteilt. Neue Gutachten mehren die Zweifel an seiner Schuld. Nun ist er frei – aber noch nicht freigesprochen. Ein Gespräch über verlorene Zeit und gewonnene Hoffnung.

Bad Wiessee – Manfred Genditzki, 62, kommt mit seiner Frau Maria zum Interview. Er nennt sie „Mascha“, und wenn die beiden in Bad Wiessee am Tegernsee entlangspazieren, halten sie sich fest an den Händen. Genditzki saß 13 Jahre, 23 Wochen und sechs Tage im Gefängnis. Der frühere Hausmeister war 2010 in einem Indizienprozess wegen Mordes an der 87-jährigen Lieselotte Kortüm aus Rottach-Egern zu lebenslanger Haft verurteilt worden. An seiner Schuld gab es stets Zweifel. Am 12. August ordnete das Landgericht München I die Wiederaufnahme des Verfahrens an. Genditzki ist seitdem auf freiem Fuß – und muss warten, was das neue Verfahren bringt.

Herr Genditzki, was haben Sie seit Ihrer Freilassung alles gemacht?

Ich habe mich um Arbeit gekümmert und sehr viel Zeit mit meiner Frau, meinen Kindern und Enkelkindern verbracht. Die haben natürlich viele Wünsche, was sie mit mir machen wollen. Wir haben einiges nachzuholen. Mit meiner Tochter war ich zum Beispiel auf dem Oktoberfest. Das haben wir noch nie gemacht.

Sie haben sich also ins Leben gestürzt.

Ja. Am zweiten oder dritten Tag habe ich mich ins Auto meiner Schwester gesetzt und bin nach München gefahren. Das wollte ich einfach –mal sehen, wie ich klar komme in der Großstadt.

Und?

Es war schön. Ich muss ehrlich sagen, wenn ich in einen großen Laden gehe, das erschlägt mich. Aber beim Autofahren ging es mir gut.

Woran merken Sie in Ihrem Alltag, dass das Leben 13 Jahre ohne Sie weitergegangen ist?

Die ganze Technik. Allein das Handy! Mein Smartphone müssen mir meine Tochter und meine Frau erklären, ich komme immer noch nicht damit zurecht.

Manfred Genditzki
Sie hält zu ihm: Maria Genditzki (39) mit ihrem Manfred. Sie haben zwei Kinder, 16 und 13 Jahre alt. Aus erster Ehe hat Genditzki eine Tochter. Seine Enkel sind zwei und sechs. © THOMAS PLETTENBERG

Wie erklären Sie Ihren Kindern, Enkelkindern, dass Sie so lange nicht da waren?

Gar nicht. Meine Kinder sind damit aufgewachsen, meine Tochter kam zur Welt, da war ich schon im Gefängnis. Meine Enkelkinder sollen jetzt noch nichts darüber erfahren, die sind erst zwei und sechs. Wenn die mal größer sind und meine Tochter sie darüber aufklären möchte, ist das okay.

Sind Sie in der Freiheit angekommen?

Nein. Das wird auch in einem Jahr nicht so sein. Das wühlt mich immer wieder auf, kommt immer wieder hoch – meistens nachts.

Träumen Sie vom Gefängnis?

Ja, das lässt mich nicht los. Manchmal träume ich, ich bin noch in Haft, dann wache ich auf und bin unglaublich froh, dass ich daheim in meinem Bett liege.

Bekommen Sie und Ihre Familie psychologische Hilfe?

Wenn Sie im Gefängnis sitzen und kein Geständiger sind, kriegen Sie gar nichts. Jetzt könnte ich alles haben. Aber ich will das im Moment nicht. Meine Therapie sind meine Frau, meine Kinder. Ich versuche es jetzt mal so.

Wie wurden Sie damals eigentlich verhaftet?

Es klingelte an der Tür, die Polizei. Ich wollte sie raufbitten, aber es hieß, ich soll noch mal mit nach Miesbach kommen, die Ermittler hätten noch ein paar Fragen. Ich bin ins Auto gestiegen, dann gingen die Türen zu, ich konnte nicht mehr raus – und der Polizist gab mir den Haftbefehl. Das war feige.

Als Sie in Haft kamen, was ging da in Ihnen vor?

Ich dachte, ich bin im falschen Film. Am ersten Tag beim Hofgang, das werde ich nie vergessen, da hatte ich das Gefühl, mit einem Bein in ein Loch zu treten. Solche Gleichgewichtsstörungen hatte ich. Das war die erste Zeit. Ich dachte natürlich nie, dass ich so lange eingesperrt bleibe.

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Mord oder tödlicher Unfall? Der Fall Lieselotte Kortüm

Manfred Genditzki wurde im Mai 2010 vom Landgericht München II zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt, weil er im Oktober 2008 die Seniorin Lieselotte Kortüm (87) in der Badewanne ihrer Wohnung in Rottach-Egern (Kreis Miesbach) ertränkt haben soll. Genditzki, der als Hausmeister in der Anlage arbeitete, habe Geld der alten Dame unterschlagen und das mit der Tat vertuschen wollen, lautete das Motiv zunächst. Noch während des Prozesses stellte sich aber heraus, dass gar kein Geld aus dem Vermögen der Toten fehlte. Die Anklage ging dann von einem Streit aus. Genditzki habe die Frau geschlagen und dann ertränkt, um die Kopfverletzungen zu vertuschen. Genditzki beteuerte stets seine Unschuld, die Verteidigung geht von einem tödlichen Sturz durch einen Schwächeanfall der Seniorin aus. Nach langem Kampf wird der Fall nun tatsächlich neu aufgerollt. Aufgrund neuer Sachverständigengutachten ordnete das Landgericht München I am 12. August die sofortige Freilassung und eine Wiederaufnahme des Verfahrens an. So konnte ein Experte erstmals die Wassertemperatur beim Auffinden der Leiche ungefähr errechnen. Der Todeszeitpunkt, so das Landgericht, liege demnach erheblich außerhalb des damals vom Gericht angenommenen Zeitfensters. Außerdem liege inzwischen eine neue computergestützte biomechanische Simulation vor, wonach auch ein tödlicher Sturz der Seniorin infrage komme. Ein Zeitpunkt für die neue Hauptverhandlung steht noch nicht fest.

Wie war Ihr Alltag im Gefängnis?

Ich bin um 4.30 Uhr aufgestanden, um 5.30 Uhr ging meine Arbeit in der Wäscherei los, ich habe vor allem Privatwäsche gewaschen. Die Arbeit war toll, eine gute Ablenkung. Um halb vier war Feierabend. Dann war eine Stunde Einschluss, dann konnte ich eine Stunde auf den Hof, dann noch mal eineinhalb Stunden freie Zeit. Dann war die Zellentür zu.

Wie haben Sie sich die freie Zeit vertrieben?

Ich hatte keinen einzigen Tag Ausgang. Ich durfte nicht in die Turnhalle oder auf den Sportplatz. Durch meine Arbeit hatte ich aber ein wenig Geld und konnte mir einen Fernseher mieten. Ich habe mit einigen Leuten Schach oder Tischtennis gespielt. Und auf der Zelle hatte ich Gewichte zum Trainieren. Ich bin mit 81 Kilo rein und mit 81 Kilo raus, also habe ich mich ganz gut gehalten.

Hatten Sie auch Freunde im Gefängnis?

Freunde würde ich nicht sagen, richtige Freunde habe ich draußen. Eine Handvoll. Ich hatte Arbeitskollegen, Kontakte. Ich werde zu einem Insassen auch Kontakt halten, wenn er entlassen wird. Der steht zu dem, was er getan hat, das imponiert mir. Und er hat auch Frau und Kinder, denen hat er Geld geschickt wie ich meiner Familie.

Wie viel haben Sie denn verdient?

Nur 1,99 Euro in der Stunde. Aber ich wollte, dass die Kinder wissen, der Papa ist da und gibt ein bisschen was.

Haben Sie auch schlimme Dinge erlebt?

Ja, schon. Ich habe einige Selbstmorde mitbekommen. Und ich habe die Zelle eines Häftlings gereinigt, der sich die Halsschlagader aufgeschnitten hat. Den Geruch von warmem Blut, den werden Sie nie wieder los. Ich hätte es vermutlich nicht machen müssen, aber der Beamte, der mich gefragt hatte, war nett. Aber all das waren Dinge, die mir fremd waren. Ich kannte so was nicht.

Ich wollte auch nicht zerbrechen. Ich wusste, irgendwann wird sich das alles aufklären.

Manfred Genditzki

Wie liefen die Gefängnisbesuche ab? Wie nahe konnten Sie Ihrer Familie sein?

Vor Corona hatten wir in Landsberg zwei Mal im Monat zwei Stunden. Das war ganz okay. Wir konnten zusammen am Tisch sitzen, eine Cola trinken, ich konnte die Kinder umarmen. Das war natürlich immer schön. Aber es war auch ein Wechselbad der Gefühle. Wenn sie kommen, freut man sich. Wenn sie wieder gehen, ist man traurig. Das zehrt Kraft. Mir ging es danach immer schlecht. Und meine Familie war für einen Besuch neun Stunden unterwegs. Mit Corona haben wir es dann gelassen – da haben wir lieber telefoniert. Hinter der Glasscheibe zu sitzen, wäre für die Kinder auch schlimm gewesen.

Hat Ihre Familie nie an Ihnen gezweifelt?

Nein, niemals. Das hat mir geholfen, das alles zu überstehen. Es haben so viele Menschen an mich geglaubt, auch von außerhalb. Viele haben gespendet, sodass wir zum Beispiel Gutachten finanzieren konnten. Das hat mir immer wieder Kraft gegeben. Und ich wollte auch nicht zerbrechen. Ich wusste, irgendwann wird sich das aufklären. Ich habe immer zu meiner Anwältin gesagt, ich habe nichts getan und das werden die Gutachten auch zeigen. Ich habe mich nie damit abgefunden.

Gab es Tage, an denen es besonders schwer war, ohne Ihre Familie zu sein? Geburtstag, Weihnachten…

Ich habe das nicht an mich herangelassen. Weihnachten war für mich kein Feiertag, an Silvester habe ich nicht aus dem Fenster geschaut. Niemand wusste, wann ich Geburtstag habe, ich habe das nicht gefeiert. Mein Geburtstag ist der 12. August, der Tag meiner Entlassung. Das Datum ist sogar auf meinem Auto-Kennzeichen.

Wie lief Ihre Entlassung ab?

Ich habe in der Wäscherei gearbeitet, wie immer. Dann rief mich eine JVA-Mitarbeiterin an und sagte: „Das ist mir in 20 Jahren nicht passiert, aber Sie können packen, Sie dürfen jetzt nach Hause. Jetzt.“ Ich habe meine Sachen in einen kleinen Koffer und zwei Tüten gepackt und meine Anwältin hat mich an der Pforte abgeholt.

Und wie war das Heimkommen?

Es war ganz ähnlich wie damals, als ich ins Gefängnis gekommen bin. Ich dachte wieder, ich habe Gleichgewichtsstörungen. Man hat mich von Landsberg zur damaligen Arbeitsstelle meiner Frau am Tegernsee gefahren. Als ich ins Tal reingekommen bin, kam es mir so vor, als ob alles stillsteht. Die Blätter, die Bäume, nichts hat sich bewegt. Erst nach und nach ging es. Aber ich will nicht jammern. Ich bin so froh, wieder hier zu sein. Es ist wunderschön, ich will hier nie wieder weg.

Manfred Genditzki
Die Anwältin: Regina Rick (53) kämpft seit zehn Jahren um Genditzkis Freilassung. Die Juristin vertrat auch die wegen Mordes verurteilte Familie eines Neuburger Landwirts, die den Bauern zerstückelt und Hunden zum Fraß vorgeworfen haben soll. Letztlich tauchte das Skelett des Mannes unversehrt in der Donau auf. © Achim Frank Schmidt

Sie hatten Gerichtskosten von 84 000 Euro am Hals. Was ist damit?

Ich habe Privatinsolvenz angemeldet. Vorher ging es mir nicht gut. Stellen Sie sich vor, Sie werden einfach so eingesperrt und dann kriegen Sie auch noch eine Rechnung über 84 000 Euro. Ich habe knapp 17 000 Euro eingezahlt und dann einen Restschuldenerlass bekommen, das ist jetzt abgeschlossen.

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Wenn Sie freigesprochen werden, haben Sie die Chance auf eine nicht ganz kleine Entschädigung. Was haben Sie damit vor, sollte es so kommen?

Meine Tochter, meine Schwester haben viel für mich gemacht, sie haben Kredite aufgenommen. Die sollen alle was kriegen. Ich habe 33 Jahre gearbeitet vor dem Gefängnis, ich muss meine Rente nachzahlen, das ist mir natürlich schon wichtig. Aber sonst ist mir Geld total egal. Die Jahre sind einfach weg, die bringt mir kein Geld der Welt zurück.

Haben Sie Kontakt zur Familie von Frau Kortüm?

Nein, da gibt es nicht viele Angehörige. Ein paar waren vor Gericht, haben aber nicht schlecht ausgesagt über mich. Frau Kortüm war eine von 44 Bewohnern. In meinem Hausmeistervertrag stand drin, ich soll für die Belange der Bewohner da sein. Und das habe ich gemacht. Wenn zum Beispiel ein älterer Bewohner zum Arzt musste oder zum Flughafen, dann bin ich halt gefahren. Viele können sich nicht vorstellen, dass ich denen gerne geholfen habe. Und ich habe ja auch davon gelebt. Aber dann wurde mir einfach vorgeworfen, ich hätte der Dame Geld gestohlen.

Das war das zentrale Motiv der Staatsanwaltschaft, das bald entkräftet wurde.

Ja, ich konnte nachweisen, dass ich das Geld nicht genommen habe. Das hatte ich nicht nötig. Ich habe in meinem ganzen Leben noch keinen Pfennig geklaut.

Sie arbeiten wieder. War es schwer, Arbeit zu finden?

Nein, überhaupt nicht. Ich kenne meinen jetzigen Chef von früher. Er hat mir in der Haft ausrichten lassen, wenn ich einen Job brauche, gibt er mir einen. Jetzt bin ich als Ausfahrer angestellt. Ich freue mich sehr.

Wie reagieren die Menschen hier im Tegernseer Tal auf Sie?

Ich kannte vorher auch schon viele Leute, an der Tankstelle, im Gasthaus oder im Supermarkt. Alle, die ich jetzt treffe, reagieren positiv. Aber auch wenn jemand eine andere Meinung hätte, dann soll er die haben. Ich kann nur eines sagen: Was ich durchgemacht habe, wünsche ich niemandem.

Wie stark belastet Sie, dass Sie noch mal vor Gericht müssen, wenn nächstes Jahr eine neue Hauptverhandlung ansteht?

Ich sage meinen Kindern und meiner Frau immer, ich genieße jeden Tag. Ich traue der Justiz noch nicht recht über den Weg. Immerhin hatte ich bei der Kammer, die nun über die Wiederaufnahme entschieden hat, das Gefühl, die wollen die Wahrheit rausfinden.

Wie haben die 13 Jahre Gefängnis Sie verändert?

Ich bin stärker und härter geworden. Mich schockt nichts mehr, ich habe vor nichts mehr Angst. Denen, die unschuldig im Gefängnis sitzen, sage ich: Hört nicht auf zu kämpfen.

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