Entschloss sich pandemiebedingt zur Hausgeburt: Franziska Eham (l.) mit ihrer drei Monate alten Franziska und Hebamme Kick van Walbeek.
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Entschloss sich pandemiebedingt zur Hausgeburt: Franziska Eham (l.) mit ihrer drei Monate alten Franziska und Hebamme Kick van Walbeek.

Pandemie

Mehr Hausgeburten wegen Corona

  • Bettina Stuhlweißenburg
    vonBettina Stuhlweißenburg
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In der Corona-Krise steigt die Zahl der Hausgeburten. Vor allem wegen der Kontaktlimits im Krankenhaus suchen werdende Mütter nach außerklinischen Alternativen. Nicht die einzige Folge der Pandemie für die Geburtshilfe.

Agatharied – Franziska Eham hat es nicht weit ins Krankenhaus Agatharied. Genau genommen liegen keine 800 Meter zwischen dem Hof ihrer Familie und der Geburtsstation. Trotzdem beschloss die 24-Jährige, ihr erstes Kind zuhause zu gebären. „Im Januar waren die Infektionszahlen sehr hoch. Immer wieder war zu hören, wenn das so bleibt, dürfen die Väter nicht in den Kreißsaal“, erzählt Eham. „Ich wollte aber auf keinen Fall allein sein.“ Eham beschloss, sich von der unklaren Entwicklung der Pandemie und den immer wieder neuen Maßnahmen, die das Kabinett zu ihrer Eindämmung beschloss, nicht länger verunsichern lassen – und suchte Alternativen.

Hausgeburt nach 13 Stunden Wehen

Am 24. Januar kam nach 13 Stunden Wehen Franziska zur Welt – im Hause Eham. „Beruhigend für mich war, dass ich die Option hatte, die Geburt ins Krankenhaus zu verlegen, sollte ich kein gutes Gefühl mehr haben“, sagt Eham. „Aber das war nicht der Fall. Im Gegenteil, es war ein wunderschönes Erlebnis. Wir sind sehr froh, dass wir uns für eine Hausgeburt entschieden haben.“

Pandemie-Effekt zeigt sich in der Statistik

Eham ist nicht einzige, die in der Pandemie zuhause geboren hat: Lag der Anteil der außerklinischen Geburten an der Gesamtzahl der Geburten in Deutschland in den zehn Jahren vor der Pandemie zwischen 1,3 und 1,6 Prozent, sprang er im Corona-Jahr 2020 auf fast zwei Prozent. Das geht aus der Statistik der Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe (Quag) hervor.

Ein Trend, der auch im Kreis Miesbach spürbar ist. „Die Frauen wollen das Wochenbett nicht getrennt von der Familie erleben“, sagt Kick van Walbeek – eine von zwei Hebammen, die im Kreis Miesbach Hausgeburten begleiten. Insgesamt 48 gab es im Jahr 2020 in ihrem Zuständigkeitsbereich – elf mehr als im Vorjahr. „Vor allem im Januar, Februar und März 2021 war der Pandemie-Effekt zu spüren“, sagt van Walbeek. In diesem Zeitraum gab es 15 Hausgeburten. Darunter waren drei Paare, deren Entschluss zur außerklinischen Geburt explizit auch aus den Kontaktbeschränkungen im Krankenhaus entstanden ist. „Die Mehrheit der Paare entscheidet sich aber nicht aus Angst vor der Klinik für eine Hausgeburt, sondern weil für sie die Vorteile daheim überwiegen“, sagt van Walbeek. Vor allem schätzten die Frauen die 1:1-Betreuung durch eine Hebamme, die ihnen vertraut sei.

Kein Boom

Von einem Boom der Hausgeburt kam man freilich nicht sprechen: „Betrachtet man den prozentualen Anteil, wird klar, dass die Hausgeburt noch immer eine Nische ist“, sagt Walbeeks Kollegin Ute Hickman. Trotzdem ist sie bis Jahresende ausgebucht.

Geburt in der Klinik

Laut Pressesprecherin Melanie Speicher gab es im Krankenhaus Agatharied im Pandemiejahr 2020 insgesamt 1344 Geburten. Im Vorjahr zählte die Klinik 1315 Geburten, 2018 waren es 1372. Besonders seit 2017 die Geburtsstation in Bad Tölz geschlossen wurde, steigen in Agatharied die Zahlen. „Durch eine Erweiterung unserer Räumlichkeiten sowie eine Aufstockung der Ausstattung haben wir uns an die steigenden Zahlen angepasst“, sagt Speicher. „Und natürlich haben wir zusätzliche Hebammen, Pflegekräfte und Ärzte für die Geburtshilfe eingestellt.“ In den fünf Kreißsälen arbeiten 18 Hebammen in Voll- und Teilzeit.

Das Krankenhaus versucht, die Auswirkungen der Pandemie gering zu halten: „Nach dem Prinzip: Es gibt Momente im Leben, die wichtiger sind als Corona, konnte der geburtshilfliche Prozess trotz aller Sicherheitsmaßnahmen in gewohnter Form beibehalten werden“, sagt Speicher. Dazu zähle, dass Väter während der Geburt dabei sein dürfen. Laut Speicher besteht im Rahmen der Hygienevorschriften FFP2-Maskenpflicht für Gebärende. Es gebe aber Fälle, in denen das Tragen der Maske aufgrund der medizinischen Konstitution der Frau nicht möglich sei.

Besuchsverbot auf der Wochenstation

Außerdem besteht ein Besuchsverbot: Aktuell dürfen Väter nur am Tag nach der Geburt auf die Wochenstation. Geschwister dürfen gar nicht kommen. „Es steht außer Frage, dass einzelne Maßnahmen belastend sind. Auch wir hoffen, dass die Impfungen bald greifen und im Zuge sinkender Inzidenzwerte Lockerungen möglich machen“, sagt Speicher.

Klinikaufenthalt der Wöchnerinnen in der Pandemie kürzer

Einige Frauen wollen wegen des Besuchsverbots früher entlassen werden. „Die meisten gehen nach zwei bis drei Tagen nach Hause. Die Verweildauer ist damit etwas geringer als vor der Pandemie.“

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