Vorstandswechsel: Michael Lechner (l.) wird nach 27 Jahren Amtszeit als WBV-Chef von Alexander Mayr abgelöst. Einen Kurswechsel strebt der 51-Jährige nicht an – trotzdem will er eigene Wege beschreiten.
+
Vorstandswechsel: Michael Lechner (l.) wird nach 27 Jahren Amtszeit als WBV-Chef von Alexander Mayr abgelöst. Einen Kurswechsel strebt der 51-Jährige nicht an – trotzdem will er eigene Wege beschreiten.

„Ich werde nicht jeden Baum umarmen“

Michael Lechner und Alexander Mayr im Gespräch zum Vorsitzwechsel in der WBV

  • Sebastian Grauvogl
    VonSebastian Grauvogl
    schließen

27 Jahre leitete Michael Lechner die Waldbesitzervereinigung Holzkirchen (WBV). Nun übernimmt Alexander Mayr aus Waakirchen das Amt. Wir haben mit beiden gesprochen.

Miesbach/Holzkirchen – Seit 72 Jahren gibt es die Waldbesitzervereinigung Holzkirchen (WBV) – und 27 Jahre leitete Michael Lechner deren Geschicke. Jetzt haben die gut 2200 Mitglieder einen neuen Vorsitzenden: Der 51-jährige Waakirchner Alexander Mayr wurde in der Jahresversammlung zum Nachfolger Lechners bestimmt (wir berichteten). Im Gespräch blickt der 67-jährige Miesbacher auf seine Amtszeit zurück. Mayr erklärt, wie der Kurs der WBV jetzt aussieht.

Herr Lechner, Sie waren über ein Vierteljahrhundert im Amt. Warum hören Sie gerade jetzt auf?

Lechner: Ich glaube, es ist der richtige Zeitpunkt, das interessante Amt abzugeben. Es gilt die ungeschriebene Regel, den Hof nicht schlechter zu übergeben, als man ihn selbst übernommen hat. Dieser Regel folge ich auch bei der WBV – und momentan ist der Verein gut aufgestellt. Grundsätzlich ist mein Abgang aber auch mit dem Alter gerechtfertigt. Und das Glück, gute Nachfolger in den Reihen der WBV zu wissen, hat die Entscheidung gestärkt.

Wie geht’s weiter für Sie?

Lechner: Ich engagiere mich weiter in der Kommunalpolitik, im Jagdbeirat und im Naturschutzbeirat. Und im eigenen Wald gibt es immer genug zu tun (lacht). Auch bin ich dankbar für die neu gewonnene Zeit, in denen ich mit meinen Enkeln oder alleine einfach in den Wald gehen kann.

Sie gehen also Waldbaden?

Lechner: Ich werde nicht jeden Baum umarmen – aber den Gedanken, Kraft und Entspannung im Wald zu finden, halte ich für richtig. Auch das gehört zu einer sinnvollen Nutzung.

Freizeit und Forst – eigentlich ein Konfliktfeld...

Mayr: Heute nennt man es Waldbaden, früher war es Spazierengehen. Aber auch meine Kindheit baute – fernab sozialer Medien – auf der Schönheit der Wälder. Das ist auch richtig so. Spaziergänger die sich an waldarbeitbedingte Absperrungen halten sind kein Problem. Radfahrer und Reiter solange nicht, wie sie sich an geeignete Wege halten und ebenfalls Sperrungen akzeptieren. Dass das freie Betretungsrecht nicht automatisch freies Befahrungsrecht ist – das wissen nur wenige. Heute geht leider manchmal der Respekt vor fremdem Eigentum verloren. Der Wald ist oftmals nur noch Kulisse vieler Sportarten.

Lechner: Da kann man noch so viel absperren – eine Teilschuld bekommen Waldbesitzer leider oft zugewiesen.

Ist das ein Bereich, den Sie als neuer Vorsitzender angehen wollen?

Mayr: Wir versuchen Unternehmer und Waldbesitzer auf solche neuen Gegebenheiten zu ihrem eigenen Schutz hinzuweisen und zu Wegabsperrungen Aufklärungsarbeit leisten. Es ist nicht immer leicht, Schutz-, Erholungs- und Nutzfaktor unter einen Hut zu bringen – aber die Aufgabe bleibt.

Im Sinne des Schutzfaktors gibt es auch mal Kritik an den schweren Maschinen.

Mayr: Wir achten beim Maschineneinsatz immer auf Qualität. Deshalb arbeiten wir mit bewährten örtlichen Unternehmern zusammen, die dafür bürgen. Es ist naiv zu glauben, die benötigte Menge des klimafreundlichen Rohstoffs Holz könne per Hand und Pferd geerntet werden.

Lechner: Auch darf man nicht vergessen, dass die Branche unfallträchtig ist. Die Maschinen senken das Risiko von Verletzungen und Todesfällen – von denen es immer noch zu viele gibt.

Auch unbewirtschaftete Flächen sind von der WBV ungern gesehen. Warum?

Mayr: Waldflächen zersplittern sich immer mehr – meist aufgrund von Erbteilungen. Die Besitzer haben teils keinen Bezug mehr zum Forst und wohnen nicht mehr vor Ort. Ein Wald ohne Pflege gefährdet aber auch die Nachbarflächen. Die WBV wird hier weiter auf Waldpflegeverträge setzen – das ist ein guter Weg, insbesondere bei Kalamitäten wie Borkenkäfer und Windwurf.

Ist die Zersplitterung auch ein Grund für die Marktmacht der Sägewerke?

Mayr: Nur bedingt – eine gewisse Marktmacht hat es immer schon gegeben, aber sie verstärkt sich im Moment, da es einen Konzentrationsprozess in der Sägewerkslandschaft gab. Aber: Mit der Mengensammlung, die die WBV schafft, versuchen wir den Sägewerken schon etwas entgegenzusetzen und Mitgliedern zu helfen. Künftig will ich aber noch mehr auf regionale Sägewerke und die verstärkte Zusammenarbeit mit den Zimmerei- und Holzbaubetrieben setzen, um die Abhängigkeit über Landesgrenzen etwas zu lindern.

Wird die Bewirtschaftung vor Ort wegen des Klimawandels schwieriger?

Lechner: Die Extreme nehmen zu. Auch wenn viele sagen, Unwetter gab es schon immer – die Abstände der Schadereignisse treffen den Wald mittlerweile in sichtbar kürzeren Abständen.

Mayr: Ich würde auch sagen, dass der Klimawandel sehr viel schneller voran schreitet, als gedacht. Wir müssen den Wald klimafest machen. Hier setzen wir vor allem auf die Naturverjüngung, insbesondere der Tanne als Schlüsselbaumart. Sie soll sich ohne Zäune und Plastikverbiss-Schutz, der Müll im Wald darstellt, entwickeln.

Der Verbiss-Schutz zielt in Richtung Jagd?

Mayr: Ja. Viele Wege führen nach Rom – ich möchte keinem Jäger vorschreiben, auf welchem Weg er die Ziele erfüllt. Aber das Ergebnis muss stimmen. Letztlich ermöglicht eine Jagd mit genug nachwachsenden Bäumen neben einem stabilen Mischwald auch hervorragende Lebensverhältnisse fürs Wild.

Wollen Sie einen anderen Weg einschlagen, als Herr Lechner, der bekannt für klare Positionen ist?

Mayr: Die Positionen und die Grundlinie bleiben. Ich versuche, Bewährtes fortsetzen, aber auf meinen eigenen Wegen. Das heißt für mich, eventuell auf einzelne Verbände offen zuzugehen. Das Ziel des WBV bleibt aber, dass alle heimischen Baumarten ohne künstliche Hilfsmittel aufwachsen können.

Ein Ziel, das Sie stets verfolgt haben, Herr Lechner.

Lechner: Es ist richtig, dass ich mir bei Auseinandersetzungen mit den traditionellen Jagdfunktionären Abneigung eingehandelt habe. Mancher wird froh sein, dass ich weg bin – aber wer mich kennt, weiß, dass ich nicht verstummen werde.

Mayr: Vielleicht sogar ein Vorteil, wenn Du jetzt noch freier reden kannst (lacht).

Hat sich der Einsatz gelohnt?

Lechner: Erreicht habe ich beispielsweise einen Termin im Wald mit dem früheren Landwirtschaftsminister Helmut Brunner. Der stand da, hat geschaut – und gefragt: Wo kommen die ganzen Tannen her? Mir war die Zukunft des Nadelholzes wichtig – anders als die Fichte steht die Tanne auch nach einem Sturm, hält Trockenheit stand. In der Sache Wild ist es wichtig, eine konsequente Position zu beziehen und durchzuhalten. Der dringend notwendige Waldumbau kann nur mit angepassten Wildbeständen und dem Grundsatz Wald vor Wild erreicht werden.

Ein Vorschlag, den Sie annehmen, Herr Mayr?

Mayr: Ja. Die Waldbesitzer haben mit der Wahl ihrer Jagdpächter selbst in der Hand, ob die Jagd mit ihren Vorstellungen übereinstimmt. Auf die Verbände zugehen, zuhören, Missverständnisse in Gesprächen klären, vielleicht hilft auch das. Konkret habe ich mich in dieser Woche mit einem Bundestagskandidaten und einem Landtagsabgeordneten getroffen, die vielleicht im Interesse der WBV etwas bewegen können.

Gibt es noch etwas, das Sie konkret angehen wollen?

Mayr: Das Mitteilungsblatt soll bleiben – aber Informationen sollen schneller digital zugänglich sein. Auch will ich mich gegen ausufernde Flächenprämien einsetzen. Die werden per Gießkannenprinzip ausgeschüttet – meist profitieren nur die Großen und Größten. Dagegen finde ich maßnahmenbezogene Förderungen wichtiger, etwa für die Waldpflege und für den Erhalt forstlicher Infrastruktur.

Was war Ihnen wichtig – auf was sind Sie besonders stolz, Herr Lechner?

Lechner: Darauf, die WBV gemeinsam mit guten Mitarbeitern und engem Schulterschluss mit der Staatlichen Forstverwaltung weiterentwickelt zu haben. Eine Wertholzsubmission für die hochwertigsten Stämme, die Gründung der MW Biomasse, ein erfolgreiche WBV-Jagdkurs und zeitgemäße Geschäftsräume im grünen Zentrum in Holzkirchen. Für diese gute Arbeit hat die WBV auch verschiedene Auszeichnungen erhalten. Gerade die Privatwälder unserer Region sind in gutem Zustand, was Stabilität und Baum-Mischung anbelangt. Aufgrund der Besitzgrößen unserer Mitglieder ist der Wald für viele Betriebe eine Bereicherung und wird nachhaltig genutzt.

Das klingt nach Herzblut. Wenn Sie ein Baum wären, welcher wären Sie?

Lechner: Rein wegen der Ästhetik wäre ich eine Tanne (lacht). Aber auch in Sachen Vitalität und Stabilität ist der Baum quasi ein Vorbild.

Mayr: Ich orientiere mich gerne an einer Eiche. Die hat viel erlebt, wird 300, 400 Jahre alt. Sie ist wetterfest, sturmfest – ein bisschen wie Michi. Auch ist es eine Baumart mit Zukunft.

Das Herzblut fließt also auch in Ihnen, Herr Mayr?

Mayr: Der Wald ist ein besonderer Arbeitsplatz. Gerade in diesen Zeiten merken wir, wie wichtig er für uns alle ist. Wald ist das Rückhaltebecken des Landes. Täglich wird in Deutschland die Fläche von 18 Fußballfeldern versiegelt – der Erhalt der Wälder wird deshalb immer wichtiger. Wir als WBV werden auch in Zukunft versuchen, den Wald zu erhalten, die Qualität zu steigern und damit zu helfen, allen Waldfunktionen gerecht zu werden. Vor allem bleibt es unsere Aufgabe, weiterhin die Interessen unserer Mitglieder gegenüber der Politik, den Verbänden und der Sägewerke bestmöglich zu vertreten.

Auch interessant

Kommentare