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Vor vollen Zuhörerrängen sprach Charlotte Knobloch (r.) in Miesbach über die Gefahren von Rechtsradikalismus und Antisemitismus. Dem Vortrag beim Rotary Club Schliersee folgte eine intensive Diskussion. 

„Ein hochaktuelles Thema“

Bei einem Vortrag in Miesbach: Charlotte Knobloch erneuert Kritik an AfD

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Ende Januar hatte Charlotte Knobloch die AfD als verfassungsfeindlich kritisiert und in der Folge massive Beschimpfungen, Drohungen und Beleidigungen erfahren. Jetzt erneuerte sie ihre Kritik.

Miesbach – Selten war eine Veranstaltung des Rotary Clubs Schliersee so gut besucht. Weit über hundert Mitglieder und geladene Gäste wollten hören, was Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, zum Thema Rechtsradikalismus, Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus zu sagen hat. Und wie die Gesellschaft ihrer Ansicht nach darauf reagieren sollte. „Ein hochaktuelles Thema“, merkte Rotary-Präsidentin Christiane Razeghi in ihrer Begrüßung an.

Knobloch, die 1932 als Tochter eines jüdischen Rechtsanwalts in München geboren wurde und auf einem Bauernhof im mittelfränkischen Arberg den Holocaust überlebte, fand klare Worte. Es gebe in Deutschland mittlerweile eine kritische Masse unkritischer Zeitgenossen, die ihre verzerrte Wahrheit zunehmend aus Filterblasen im Internet beziehe. Antisemitismus sei nicht mehr auf bestimmte gesellschaftliche Milieus beschränkt. „Die extreme Rechte hat den Weg in die Mitte der Gesellschaft angetreten“, stellte die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland fest. „Es kommt zu einer tektonischen Verschiebung der politischen Gesellschaft.“

Knobloch erneuerte im Bayerischen Hof in Miesbach ihre Kritik an der AfD. Bei einer Gedenkstunde Ende Januar im Bayerischen Landtag hatte sie die Partei als verfassungsfeindlich kritisiert und in der Folge massive Beschimpfungen, Drohungen und Beleidigungen erfahren. „Die AfD ist eine existenzielle Gefahr für das Gemeinwesen“, bekräftigte die 86-Jährige. „Sie schürt eine Atmosphäre des Misstrauens und der Angst.“ Die Beschäftigung mit ihr verschwende wertvolle Ressourcen, das Vertrauen in den politischen Prozess habe schon heute schweren Schaden genommen. „Die Menschenfeindlichkeit hat massiv zugenommen“, sagte Knobloch. „Gerade die jüdische Gemeinschaft hat ein feines Gespür für gesellschaftliche Veränderung.“

Die gesamte Gesellschaft sei deshalb gefordert, Freiheit und Demokratie zu verteidigen. „Wichtig ist die Breite und Dauerhaftigkeit der Bewegung“, mahnte die ehemalige Vizepräsidentin des Jüdischen Weltkongresses. Eine hohe Beteiligung an der bevorstehenden Europawahl sei entscheidend, um die demokratischen Kräfte zu stärken. „Ich hoffe, dass wir bei den nächsten Wahlen Zeichen setzen, wer wir sind“, sagte Knobloch. „Wir sind ein tolles Volk.“

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In der anschließenden Diskussion kam unter anderem die Frage auf, wie Deutschland überhaupt in die jetzige Situation geraten konnte. In eine Situation, in der Rechtsradikalismus, Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus wieder auf dem Vormarsch sind. „Politik und Gesellschaft haben sich nicht damit beschäftigt und die Sache zu weit fortschreiten lassen“, stellte Knobloch fest. „Man hat nicht glauben wollen, dass es so etwas noch mal geben könnte.“ Es sei deshalb wichtig, mit einer gewissen politischen Bildung schon im Kindergarten zu beginnen und den Kindern beizubringen, Verantwortung für die Zukunft und ihre Heimat zu übernehmen. „Sie müssen das eigene Land lieben, dann lieben sie auch andere“, sagte Knobloch. „Ich möchte nicht, dass ein falsches Bild im Ausland entsteht, das hätte Deutschland nicht verdient.“

Dass das Thema die Jugend tatsächlich auch bewegt, zeigte der Besuch einiger Miesbacher Gymnasiasten und ihrer Geschichtslehrer. Ein Schüler wollte von der Referentin in klugen Worten wissen, ob er die Politik Israels kritisieren könne, ohne gleich als Antisemit zu gelten. „Sachliche Kritik am Staat Israel ist kein Antisemitismus“, antwortete Knobloch. „Sachliche Kritik muss immer möglich sein.“

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