Claudia Brodzinska-Behrend zeigt ihre Klosterarbeiten, mit denen sie sich bei Rosemarie Holzapfel und ihrem Team vom AWO-Seniorenzentrum in Miesbach bedanken möchte.
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Begeistert von der guten Betreuung: Claudia Brodzinska-Behrend zeigt ihre Klosterarbeiten, mit denen sie sich bei Rosemarie Holzapfel und ihrem Team vom AWO-Seniorenzentrum in Miesbach bedanken möchte.

„Uns ist so viel Gutes geblieben“

Corona in Heimen: Seniorin kann Kritik über Maßnahmen nicht verstehen - „leben hier auf einer glücklichen Insel“

  • Sebastian Grauvogl
    vonSebastian Grauvogl
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Die strengen Corona-Maßnahmen in Seniorenheimen stehen oft in der Kritik. Zu unrecht findet eine 83-Jährige, die ins AWO-Zentrum in Miesbach gezogen ist.

  • Claudia Brodzinska-Behrend (83) ist kurz vor Ausbruch der Corona-Krise in ein Seniorenheim in Miesbach gezogen.
  • Sie betont: „Es ist einfach nicht wahr, dass wir hier durch Corona so unendlich mehr leiden müssen.“
  • In dem Heim dürfen sich alle Bewohner frei bewegen - auch Besuch ist erlaubt.
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Miesbach – Denkt man als Außenstehender in Corona-Zeiten an die Bewohner von Seniorenheimen, hat man oft ein düsteres Bild: einsame Menschen, die – als würden sie nicht schon genug unter ihren altersbedingten Beschwerden leiden – nun nicht mal mehr das Haus verlassen dürfen, geschweige denn Besuch empfangen. Ein Lebensabend im Käfig, abgeschottet von der Außenwelt.

Miesbach: Heimbewohnerin kann Kritik an Corona-Maßnahmen nicht verstehen

Wenn man Claudia Brodzinska-Behrend (83) über ihren Alltag im AWO Seniorenzentrum Miesbach sprechen hört, hellt sich dieses Bild plötzlich auf. Aus vermeintlichen Gitterstäben werden spätherbstliche Ahornbäume, aus der Abschottung im Zimmer ein gemeinsames Essen mit den lieben Tischnachbarn, und aus der Isolation im Haus ein Spaziergang im Garten – bei Abstand sogar ohne Maske.

Seit neun Monaten lebt die Schauspielerin aus Wall nun im Seniorenzentrum in der Kreisstadt. Kurz vor Ausbruch der Corona-Pandemie tauschte die gebürtige Berlinerin ihre 130 Quadratmeter große Wohnung im alten Pfarrhof in Wall in ein 19 Quadratmeter großes Zimmer. „Eine Befreiung“, schwärmt die 83-Jährige, die nach dem frühen Tod ihres Ehemannes Sigi Behrend seit 30 Jahren Witwe ist. „Ich habe alles loslassen können.“

„Es ist einfach nicht wahr, dass wir hier durch Corona so unendlich mehr leiden müssen“

Sie habe sich Zeit gelassen mit der Entscheidung, betont Brodzinska-Behrend. Doch als die 36 Treppenstufen zu ihrer Wohnung und die Busfahrt zum Einkaufen zu einer immer größeren Last für sie wurden, ging sie ins Heim. Mit dem großen Glück, „dass mein Geist noch vollkommen klar ist“. Das erleichterte ihr auch das Einleben. Das und ihre unerschütterliche Eigeninitiative. Brodzinska-Behrend verzauberte ihren Ostbalkon mit Blumen. „Von da aus sehe ich sogar das Miesbacher Rathaus“, schwärmt sie.

Weitblick ist der Schauspielerin auch im übertragenen Sinne wichtig. Daher kann sie es ganz und gar nicht nachvollziehen, wenn sich manche ihrer Mitbewohner oder auch deren Angehörige fortlaufend über die Pandemie-Einschränkungen im Seniorenzentrum beschweren. „Es ist einfach nicht wahr, dass wir hier durch Corona so unendlich mehr leiden müssen“, schreibt Brodzinska-Behrend in einem Brief an unsere Zeitung.

Corona in Miesbach: Heimbewohner dürfen sich frei bewegen - und Besuch empfangen

Alle Bewohner dürften sich frei bewegen, in ihrem Wohnbereich sogar ohne Maske. Angehörige oder Bekannte könne man in einem der mittlerweile vier „Besucherplatzerl“ im Haus empfangen. Allerdings mit Abstand und zeitlicher Begrenzung auf 30 Minuten pro Tag, ergänzt Rosemarie Holzapfel, Leiterin des Seniorenzentrums. „Bei besonderen Anlässen wie Geburtstagen machen wir natürlich Ausnahmen.“

Brodzinska-Behrend ist klar, dass sie selbst mit diesen Auflagen leichter umgehen kann als andere Bewohner. Sie hat keine Kinder, die sie oft sehen wollen, ist beweglich und geistig fit, um mit ihrer Schwester, ihrem Schwager und ihrer besten Freundin zu telefonieren. „Ich habe sicher sehr viel Glück“, sagt die 83-Jährige.

Corona in Miesbach: Seniorin appelliert: Nicht nur auf Kritik konzentrieren - „uns ist so viel Gutes geblieben“

Und doch appelliert sie auch an alle anderen, sich nicht nur auf Kritik zu konzentrieren. „Versuchen wir, nicht nur das Unmögliche zu bejammern und zu betrauern. Uns ist so viel Gutes geblieben, daran sollten wir uns in Dankbarkeit erfreuen.“

Großes Lob spricht Brodzinska-Behrend Holzapfel und ihren Mitarbeitern aus. Die Leiterin handle in einer „bedächtigen Klugheit und Vorsicht“ und schaffe es so, die Bewohner vor dem Virus zu schützen. Die Betreuer würden sie liebevoll umsorgen und ihnen so ein Gefühl der Geborgenheit vermitteln. Als Dankeschön bastelt Brodzisnka-Behrend seit August an Klosterarbeiten als Weihnachtsgeschenk für die Mitarbeiter, aber auch für ihre Mitbewohner.

Weihnachten in Bayern: Heimleiterin hofft auf Corona-Schnelltests

An Weihnachten denkt auch Holzapfel bereits. Die Heimleiterin hofft, dass bis dahin die angekündigten Schnelltests zur Verfügung stehen. Dann könnten die Bewohner an Heiligabend zu ihren Familien, ohne sich danach (wie aktuell bei Ausgängen ohne Maske oder Abstand üblich) in eine viertägige Quarantäne begeben zu müssen.

Doch auch wer über die Festtage im Seniorenzentrum bleibt, ist nicht einsam. Wie schon beim Oktoberfest und Weinfest hält das Heim an lieb gewonnenen Traditionen fest. „Wir feiern dann halt mit jedem der sieben Wohnbereiche separat“, berichtet Holzapfel, die Bewohner und Personal als „total tapfer“ lobt.

„Ich lebe hier nicht im Gefängnis, sondern auf einer glücklichen Insel“

Auch deshalb kann Brodzinska-Behrend aus vollem Herzen sagen: „Ich lebe hier nicht im Gefängnis, sondern auf einer glücklichen Insel.“

(sg)

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