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Diskutieren auf dem Podium: (v.l.) Gisela Sengl (Grüne), Leopold Herz (Freie Wähler), Ludwig Huber (Genossenschaftsverband Bayern), Christine Schnieder (BR-Moderatorin), Christian Schramm (IG Privater Milchviehverarbeiter Bayerns), Johann Bauer (Bayern MeG), Stefan Mann (Bundesverband Deutscher Milchviehhalter) und Peter Guhl (MEG Milch Board). 

Mindestpreise gefordert

Miesbach: Politiker, Molkereien und Bauern diskutieren Milchkaufverträge

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Bei einer Podiumsdiskussion im Gasthof Bräuwirt werden verbindliche Milchkaufverträge mit Mindestpreisen gefordert. Die Politik unterstützt, Bauernverbände und Molkereien warnen.

Miesbach – Die Rechnung, die Peter Guhl, Vorsitzender der Milcherzeugergemeinschaft Milch Board, auf der Bühne des Waitzinger Kellers aufmachte, leuchtet ein: Wer 37 Cent für ein Kilo Milch bekommt, obwohl ihn die Herstellung 43 Cent kostet, geht pleite. Er fordert daher für alle Bauern und Molkereien verbindliche Milchkaufverträge, die Preis und Menge klar festlegen. Und die Preise sollen dabei über den Herstellungskosten liegen.

Guhl hofft, dass sein Wunsch bald Realität wird. Er setzt dabei auf Artikel 148 der Gemeinsamen Marktorganisation der EU-Mitgliedsstaaten. Dieser legt fest, dass die Staaten Milchpreisverträge verbindlich vorschreiben können. Genossenschaftliche Molkereien sind davon ausgenommen, wenn ihre Satzungen Regelungen enthalten, die die gleiche Wirkung entfalten. Deutschland hat diesen Artikel bisher nicht umgesetzt. Guhl und die MEG wollen das ändern, auch für die Genossenschaften. Deswegen wurde nun zur Podiumsdiskussion eingeladen.

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Miesbach: Politiker, Molkereien und Bauern diskutieren Milchkaufverträge

Unterstützung erhält die MEG von Gisela Sengl, Landwirtschaftssprecherin der Landtags-Grünen. Auch Leopold Herz, der die Freien Wähler im Landtagsausschuss für Landwirtschaft vertritt, ist auf Guhls Seite. Doch Christian Schramm von der IG Privater Milchverarbeiter Bayern warnt: „Die Bauern sollten nicht davon ausgehen, dass sich feste Mengenregeln nur zu ihrem Vorteil auswirken.“ Ähnliche Regeln gebe es bereits bei Kartoffeln. Würde dort ein Landwirt die vereinbarte Menge aber einmal nicht liefern können wegen schlechter Witterung, müsse er Strafzahlungen leisten. Schramm glaubt, dass sich die Bauern solcher Gefahren nicht bewusst sind.

Auch Ludwig Huber, Bereichsleiter Ware im Genossenschaftsverband Bayern, ist vorsichtig. Erhöht die Politik die Milchpreise, so warnt er, werden die Bauern mehr produzieren, die Kunden aber weniger kaufen. Das führe zum Überangebot, das den Preis drückt. Irgendwann erreicht das die Bauern.

Deutschland könne aber nicht einseitig die Menge reduzieren, betont Johann Schmaus, Referent für Milch beim Bauernverband: „Der Artikel 148 hat nur Sinn, wenn alle europäischen Staaten mitmachen“, erklärt er. Das werde aber nicht passieren. „In Irland und Polen steigen die Mengen zum Beispiel schon seit Jahren.“ Stellt nur Deutschland weniger Milch her, könnten ausländische Bauern den deutschen das Geschäft wegnehmen. Besser sei es, Handel, Molkereien und Bauern gemeinsam die Preise verhandeln zu lassen. Geben die Molkereien ihre Abschlüsse mit dem Handel nur an die Bauern weiter wie derzeit, seien die Landwirte immer die Leidtragenden. Schmaus: „An einem Tisch kann man Dinge besser aushandeln als mit ausweichenden Briefen.“

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Milchkaufverträge: Das sagen die Landkreisvertreter

Ähnlich sieht es Hans Leo, Geschäftsführer der Naturkäserei Tegernseer Land: „Als bäuerliche Genossenschaft wehren wir uns gegen jede Einmischung der Politik in Lieferbeziehungen.“ Statt Vertragszwang wünscht er sich bessere Rahmenbedingungen. Zum Beispiel, dass sich die Molkereien beim Verkauf stärker bündeln dürfen, damit sie bei Verhandlungen mit dem Handel mehr Gewicht haben. Zudem sollten die Genossenschaften mehr Zeit und Geld ins Marketing investieren. Sie müssten Marken schaffen, für die die Menschen freiwillig mehr bezahlen – so wie die Naturkäserei mit ihrem Heumilchkäse.

Hans Foldenauer, Sprecher des Bundesverbands Deutscher Milchbauern, fordert dagegen verbindliche Verträge auch für Genossenschaften. Seine Begründung: Molkereien wie die Naturkäserei legen ihre Preise zwar auf bis zu sechs Monate vorab fest. Andere kündigten aber zwei Wochen vorher an, was sie nächsten Monat zahlen. Hier brauche es einheitlichere Lösungen. Ideal wäre eine Preisbindung von sechs bis zwölf Monaten mit festen Mengen.

Dies könne auch die Andienungspflicht ersetzen: Derzeit sind Landwirt an ihre Genossenschaftsmolkerei gebunden. Die muss im Gegenzug alles abnehmen, was der Bauer liefert – für beide unbefriedigend. Mit Verträgen hätten Erzeuger und Verarbeiter mehr Spielraum. Das könne bessere Preise bringen und das Mengenproblem lösen.

Trotz aller Diskussion: Derzeit, da sind sich alle einig, liegt die Verantwortung beim Verbraucher. Unterstützt er den Preiskrieg bei den Milchprodukten, zahlen die Bauern die Zeche. Gibt er freiwillig etwas mehr aus, hilft das Bauern und Umwelt. Leo: „Was man heute bei Lockangeboten beim Milchpreis spart, legt man morgen beim Umweltschutz wieder drauf.“

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