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So kämpft das Tracing Team gegen Corona
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Vier gegen das Virus: (v.l.) Stephanie Reich, Fabian Grathwohl, Franziska Gabler und Tini Borkwoski. (Vergrößern-Symbol oben rechts im Foto für das vollständige Bild anklicken.)

„Man wächst an seinen Aufgaben.“

Miesbach: So kämpft das Tracing Team gegen Corona

  • Christian Masengarb
    vonChristian Masengarb
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Seit April kämpft das Contact Tracing Teams in den Containern vor dem Miesbacher Gesundheitsamt gegen Corona. 25 Freiwillige, meist ohne medizinische Vorerfahrung, haben geholfen, Miesbach vom Virus zu befreien. Viel zu tun haben sie immer noch.

Miesbach – Als Tini Borkowski am 20. April die Leitung des Contact Tracing Teams (CTT) im Landkreis übernimmt, kann sie nur grob abschätzen, worauf sie sich einlässt. Miesbach ist gerade mit 491 positiven Corona-Tests in wenigen Wochen zum deutschlandweiten Hotspot aufgestiegen, sechs Menschen sind im Zusammenhang mit dem Virus gestorben.

Die 49-Jährige, am Gesundheitsamt eigentlich für Suchtprävention zuständig und ohne Vorerfahrung in der Seuchenbekämpfung, hat seit Beginn der Pandemie Indexpatienten ausgemacht und Kontaktpersonen abtelefoniert. Doch wie schlimm die Krise werden wird, kann niemand abschätzen. Auch sie nicht. Sie weiß nur: Sie will das Ärgste verhindern. „Ich bin es Tag für Tag angegangen“, sagt sie heute. „Man wächst an seinen Aufgaben.“

Seit diesem Tag kämpft das CTT gegen Corona im Landkreis. In 18 Containern, in zwei Reihen vor das Gesundheitsamt an die Wendelsteinstraße gestapelt, prüfen 25 Freiwillige, mit wem Infizierte Kontakt hatten, verfolgen Infektionsketten und beraten Menschen in Quarantäne. Obwohl kaum einer von ihnen medizinische Vorkenntnisse besitzt, haben sie entscheidend geholfen, den Landkreis vom Hotspot zur Corona-freien Zone zu wandeln. „Corona ist keine Zeit für Einzelkämpfer“, sagt Borkowski. „Jeder bringt die Erfahrungen ein, die er hat.“

Alle Infos zu Corona im Landkreis Miesbach gibt es in unserem Ticker

Gute Vorbereitung

So wie Franziska Gabler. Die 38-jährige Miesbacherin bearbeitet am Landratsamt eigentlich Baugenehmigungen und Schwarzbauten. Als die Behörde Ende März Helfer für das CTT sucht, bewirbt sie sich sofort. Weil sie gerne hilft; gerade in der Krise.

In Online-Schulungen lernt sie unter anderem die Meldekette und die Unterscheidung von Kontaktpersonen erster und zweiter Kategorie: Als KP1 zählt, wer einem Infizierten länger als 15 Minuten näher als 1,50 Meter kam.

Am 20. April sitzt sie erstmals im Container vor Rechner und Telefon. Während andere Landkreise noch die Unterbringung der CTTs planen, greift sie zum Hörer. Mit ihrer Verwaltungserfahrung erklärt sie, was Quarantäne-Bescheide bedeuten, und warum der Tenor vorerst wichtiger ist als der Rechtsbehelf.

Eines der Gespräche, die sie immer wieder führt: Menschen, die in Quarantäne bleiben müssen, obwohl ihr Test negativ zurückkam, erklärt sie, dass das Virus auch noch am 14. Tag ausbrechen kann. Das Gesundheitsamt könnte solche und ähnliche Anfragen nie alle stemmen. Das CTT schafft Entlastung.

Viel zu tun

Auch Gabler, Borkowski und Kollegen haben in den vergangenen Monaten oft Überstunden gemacht, oft am Wochenende gearbeitet. Trotz sinkender Fallzahlen haben sie weiter viel zu tun. Ein Beispiel: Vor zwei Wochen besucht eine Infizierte aus einem Nachbar-Landkreis eine Beerdigung in Schliersee. Danach sitzt sie mit 30 Gästen im Restaurant. Das CTT ermittelt, wer dabei wie lange wie eng bei ihr saß. Zwei Menschen stuft es als KP1 ein und schickte sie 14 Tage in Quarantäne. Alle anderen werden beobachtet. Borkowski: „Nur weil es im Landkreis keine aktiven Fälle gibt, heißt das nicht, dass wir nichts zu tun haben.“

Das Beispiel zeige auch: Niemand müsse Angst vor Quarantäne haben, sollte er im gleichen Restaurant wie ein Infizierter essen. Durch den Mindestabstand zwischen den Plätzen zählen selbst Menschen am Nebentisch nicht als KP1.

Vielseitige Arbeit

Am Telefon einige Meter neben Gabler sitzt Stephanie Reich. Die 27-jährige Rheinländerin studiert an der LMU München interkulturelle Kommunikation. Als ihre Hospitanz am Münchner Volkstheater wegen Corona ausfällt, bewirbt sie sich beim Robert Koch Institut (RKI) als Containment Scout. „Es ist eine einmalige Chance, zu helfen und Eindrücke zu bekommen.“ Das RKI bietet ihr ein Telefon im Miesbacher Container an. Reich nimmt an.

An der Arbeit gefällt ihr die Vielfältigkeit. Mit ihrer Theater-Erfahrung hat sie Rollenspiele für die Gruppe gescriptet, in denen sie Anruf-Szenarien durchgespielt haben. Trotzdem ist jedes Telefonat anders. Mal muss sie auf Französisch helfen, weil der Gesprächspartner schlecht Deutsch spricht. Mal ist sie Seelsorgerin. Sie erinnert sich an eine Seniorin, die wegen der anstehenden Isolation Panik bekam. Reich hört zu, beruhigt. Ihren Vertrag in Miesbach hat sie um weitere sechs Monate verlängert.

Tausende Abstriche

Die Vielfältigkeit mag auch Fabian Grathwohl, 27-jähriger Medizinstudent der TU München. Auch ihn hat das RKI in den Landkreis vermittelt. Im Miesbacher Testzelt nimmt er seit Anfang April 20 bis 50 Abstriche täglich, bei Reihentests in Seniorenheimen deutlich mehr. Wie viele Menschen er insgesamt abgestrichen hat, weiß er nicht. Es könnten Tausende sein.

Angst um seine Gesundheit hatte er nie. Aber er kannte die Bilder aus Italien. So sollte es hier nie werden. „Gerade Anfang April wusste niemand, wohin der Weg führt, alle paar Tage gab es neue Erkenntnisse.“ Auch er hat seinen Vertrag in Miesbach verlängert. Die Uni besucht er nach der Arbeit online.

Borkowski fragt sich derweil, wie es weiter geht. „Die Fallzahlen geben es nicht mehr her, 20 Menschen in Container zu setzen.“ Für Herbst rechnet sie aber mit mehr Infektionen. Dann würde sie gerne auf ihr eingearbeitetes Team zurückgreifen. „Scheuen wir, ob das klappt.“

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