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Die Bibliothekarin und ihr Herzensprojekt: Tanja Bott im seit 2015 runderneuerten Untergeschoss der Stadtbücherei Miesbach. Ende September wechselt die Holzkirchnerin nach München.

„Man sollte nie stehen bleiben“

Interview: Tanja Bott verlässt nach 20 Jahren die Stadtbücherei Miesbach

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In der Stadtbücherei Miesbach geht eine Ära zu Ende. Nach mehr als 20 Jahren zieht es Leiterin Tanja Bott nach München. Ein Gespräch über Erinnerungen und Meilensteine.

Miesbach – In der Stadtbücherei Miesbach geht eine Ära zu Ende. Nach mehr als 20 Jahren als Bibliotheksleiterin verlässt Tanja Bott die Kreisstadt in Richtung München. Im Interview erinnert sich die Diplom-Bibliothekarin, die ursprünglich aus dem Raum Stuttgart kommt und mittlerweile in Holzkirchen wohnt, an ihre Anfänge in Miesbach und was sich seitdem alles verändert hat. Ein Gespräch über Bücher, Karteikarten – und das Internet.

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Interview: Tanja Bott verlässt nach 20 Jahren die Stadtbücherei Miesbach

Frau Bott, blättern Sie noch oder wischen Sie schon?

(lacht) Ich blättere noch. Ein gedrucktes Buch hat für mich einfach mehr Leseerlebnis als sein Pendant auf dem Tablet oder E-Reader.

Und für die Kunden der Stadtbücherei?

Da haben wir in den vergangenen Jahren schon beobachtet, dass sich die Ausleihen in Richtung der digitalen Medien verlagern. Aber auch nicht so stark, wie man anfangs vielleicht vermutet hat. Das normale Buch ist keinesfalls vom Aussterben bedroht. Gerade Kinder kann man sehr leicht dafür begeistern. Das haben wir bei unseren Aktionen mit Kindergartengruppen und Schulklassen immer wieder erlebt. Und wer einmal die Freude am Bücherlesen entdeckt hat, verspürt sie auch als Erwachsener noch. Unsere Aufgabe als Bibliothek ist es, ihnen dafür das passende Material zur Verfügung zu stellen.

Keine leichte Aufgabe bei mehr als 71 000 Neuerscheinungen in Deutschland pro Jahr...

Stimmt. Weil unser Etat und Platz begrenzt ist, müssen wir eine Vorauswahl treffen, die die Nachfrage der Leser bestmöglich bedient. Bestseller sind also Pflicht, genauso wie die großen Autoren. Speziellere Wünsche und Vorschläge nehmen wir natürlich auch entgegen. Auch bei Büchern hängt vieles von Geschmack und Zeitgeist ab. Und das verändert sich immer wieder.

Können Sie ein paar Beispiele nennen?

Klar. Aktuell sind bei den Romanen zum Beispiel Heimatkrimis, Psychothriller oder auch historische Erzählungen aus dem jüngeren 20. Jahrhundert gefragt. Auch Biografien gehen gut. Eher rückläufig sind die Ausleihen bei den Sachbüchern, und die früher sehr beliebten Briefmarkenkataloge stehen nur noch im Regal. Dafür erleben wir wieder einen Ansturm auf Reiseführer und Ratgeber für den Hobby- und Kreativbereich.

Wie oft wird der Bestand der Stadtbücherei denn überholt?

Eigentlich laufend. Wir prüfen ständig, ob wir etwas aussortieren können. In erster Linie sind das Bücher, deren Inhalt oder Aufmachung veraltet sind. Der optische Zustand spielt ebenfalls eine Rolle. Das gilt übrigens auch für die Präsentation in den Regalen.

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Inwiefern?

Heute reicht es nicht mehr, wenn man nur die Buchrücken mit Autorenname und Titel sehen kann. Man muss die Werke frontal ins Regal stellen, damit sie gelesen werden. Ein ansprechendes Cover ist mitentscheidend über den Erfolg eines Buchs – auch wenn das eigentlich noch nichts über den Inhalt aussagt (lacht).

Wie sieht es mit anderen Medien aus? Zum Beispiel Hörbücher?

Die sind sehr beliebt. Früher auf Kassette, heute auf CD. Immer noch, trotz der Konkurrenz im Internet. Aber auch dagegen haben wir uns nie gesperrt, sondern versucht, die Techniktrends mitzugehen. Schon als ich vor 20 Jahren angefangen habe, war die Stadtbücherei vorne mit dabei. Statt Karteikarten gab’s hier schon EDV-Ausleihe. Ziemlich fortschrittlich.

Was war denn 1999 bei den Nutzern der letzte Schrei?

Ganz klar unsere beiden PC-Plätze mit Internetanschluss. Die mussten wir sogar zeitlich begrenzen, damit die Warteschlangen nicht zu lang werden. Heute haben wir WLAN im ganzen Haus.

Aber verkommt damit die Bücherei nicht zu einem simplen Internetcafé?

Im Gegenteil. Durch unsere modernen Angebote schaffen wir es, die Verweildauer in der Bücherei zu erhöhen und auch neues Publikum anzulocken. Der 2015 abgeschlossene Umbau der Räume war ein großer Meilenstein, auch wenn ich dafür einiges an Überzeugungsarbeit leisten musste. Durch Einrichtungen wie unser Lesecafé oder kulturelle Ausstellungen haben wir die Stadtbücherei in einen Treffpunkt zum Entspannen und teilweise auch Arbeiten verwandelt. So gelingt es uns, das leider teilweise immer noch verstaubte Image von Bibliotheken mehr und mehr abzustreifen. Und die Erfahrung zeigt: Früher oder später nimmt jeder Besucher ein Buch in die Hand.

Sie auch?

Ja, aber leider nicht ganz so oft, wie ich es mir wünschen würde. Als Büchereileiterin kommt man viel seltener zum Lesen, als man meint. Aber ich bin guter Dinge, dass das in meinem neuen Tätigkeitsfeld bei den Münchner Stadtteilbibliotheken in Fürstenried wieder etwas mehr wird.

Der Grund für Ihren Wechsel?

Vielleicht auch ein bisschen, ja. Eigentlich wollte ich mich aber nach 20 Jahren noch einmal beruflich verändern. Ich finde, man sollte nie stehen bleiben. Das ist eine Einstellung, die ich auch in der Stadtbücherei Miesbach gelebt habe.

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Der Nachfolger

von Tanja Bott als Leiter der Stadtbücherei Miesbach steht bereits fest. Wer die Aufgabe übernehmen soll, will die Stadt noch nicht bekannt geben.

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