Rekonstruiert das alte Miesbach: Stadtarchivarin Barbara Wank befragt Zeitzeugen, die die Nachkriegszeit in Miesbach erlebt haben.
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Rekonstruiert das alte Miesbach: Stadtarchivarin Barbara Wank befragt Zeitzeugen, die die Nachkriegszeit in Miesbach erlebt haben.

Miesbachs Geschichte lebendig machen

Ende des Zweiten Weltkriegs: Stadtarchiv sucht und spricht mit Zeitzeugen

  • Bettina Stuhlweißenburg
    vonBettina Stuhlweißenburg
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Vergangenes Jahr hat sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 75. Mal gejährt. Das Stadtarchiv nimmt das zum Anlass, Menschen zu befragen, die das Kriegsende und die Jahre des Wiederaufbaus erlebt haben. Ihr subjektiver Blick soll Stadtgeschichte erlebbar machen.

Miesbach – Da ist die Erzählung einer heute 96 Jahre alten Miesbacherin. Als junge Verwaltungsangestellte erlebte sie, wie „Gaullistische Truppen“ im Mai 1945 in das Miesbacher Rathaus eindrangen, Schränke und Schreibtische durchwühlten und alles mitnahmen, was ihnen wertvoll schien. Ein amerikanischer Soldat begleitete die damals 20-Jährige nach Dienstschluss vom Rathaus zur Schützenstraße, wo sie wohnte – so gefährlich war es in den Wirren dieser Zeit auf Miesbachs Straßen. „Zu diesem Ereignis gab es bisher nur eine ganz dürre Quelle“, sagt Stadtarchivarin Barbara Wank. „Jetzt habe ich auch eine mündliche.“

Die Erzählung der hochbetagten Miesbacherin ist einer von vier Zeitzeugenberichten, die Wank und die Journalistin Verena Wolf bislang erfasst haben. Im Herbst 2020 hatten sie damit begonnen, Menschen zu befragen, die die „Stunde Null“ in Miesbach sowie die Nachkriegszeit selbst erlebt hatten. Anlass war der 75. Jahrtag des Kriegsendes im vergangenen Jahr, an den coronabedingt nur eingeschränkt erinnert werden konnte. Auch die Suche nach Zeitzeugen und ihre Befragung verzögerten sich durch den Lockdown.

Ende des Zweiten Weltkriegs: Zeitzeugen sprechen mit Stadtarchiv über den Wiederaufbau

Ziel des Projekts ist es, den oft spröden historischen Quellen eine Dimension hinzuzufügen, die unmittelbar, emotional beeindruckend und lebendig ist. „Eine unserer Gesprächspartnerinnen sagt zum Beispiel: ,Wir hatten so Hunger!‘ Das zu hören, hat eine viel stärkere Wirkung als abstrakt über den Hungerwinter zu lesen“, erklärt Wank.

Freilich müssen die Zeitzeugenberichte anschließend quellenkritisch untersucht werden. Aber nicht zuletzt mit Blick auf das Alter der Gesprächspartner steht zunächst das Sammeln ihrer Erinnerungen im Vordergrund. Wank und Wolf machen ein Foto von den Zeitzeugen und Ton-Aufnahmen. Diese tippen sie dann ab. „Wie, in welchem Kontext und für wen wir die Berichte zugänglich machen, wissen wir noch nicht“, sagt Wank. „Wir wollen jetzt zügig die Befragung vorantreiben.“ Denn die Idee zum Projekt ist nicht neu – schon vor Jahren gab es Anläufe. Allerdings beanspruchten die zahlreichen Jubiläen des vergangenen Jahrzehnts – 100 Jahre Schließung des Bergbaus 2011, 900 Jahre Ersterwähnung Miesbachs 2014 und das Stadtjubiläum 2018 – die Kräfte des Stadtarchivs.

Miesbacher Stadtarchiv sammelt Zeitzeugenberichte zum Jubiläum 75 Jahre Kriegsende

Wank hat ihre Gesprächspartner vor allem durch Herumfragen gefunden, unter anderem beim Frauenbund und an ihrem Arbeitsplatz: „Wenn ein Stein ins Rollen kommt, erfährt man Stück für Stück, wer noch lebt.“ Im Zuge der Gespräche haben sich auch erste Themen herauskristallisiert, denen die Volkskundlerin nachgehen will. Etwa Handwerker. Seinerzeit gab es Berufe wie der des Feilenhauers, die heute nicht mehr existieren. Außerdem der Schulalltag der Nachkriegszeit. „Wir wissen, dass manche Schüler schon zu Unterrichtsbeginn erschöpft waren, weil sie in Wies wohnten und den Schulweg zu Fuß bewältigen mussten.“

Außerdem interessiert sie sich für verschwundene Orte wie Neumühle an der Mangfall, die peu à peu dem Erdboden gleichgemacht wurden, um die Trinkwasserversorgung für München sicherzustellen. „Die Papierfabrik wurde in den 30er-Jahren abgebaut, in den 60er-Jahren wurde der Rest abgetragen. Heute ist da Wald.“

Der 1914 in Regensburg geborene Chirurg Dr. Gustav Zeitler leitete das Krankenhaus Miesbach von 1946 bis 1974.

75 Jahre Kriegsende: Stadtarchiv sucht Bekannte von Dr. Gustav Zeitler

Ein weiterer Aspekt ist die medizinische Versorgung der Nachkriegszeit. „Wie kam man zum Beispiel an Medikamente ran?“ Zwar gebe es Krankenhaus-Akten, aber die könnten nicht persönliche Erinnerungen ersetzen. In diesem Zusammenhang sucht Wank Menschen, die den ehemaligen Chefarzt des Miesbacher Krankenhauses, Dr. Gustav Zeitler, kannten. „Ihn können wir nicht befragen, weil er nicht mehr lebt. Deshalb hoffe ich, dass sich jemand meldet, der ihn kannte.“ Der 1914 in Regensburg geborene Chirurg war von 1946 bis 1974 Chefarzt am Miesbacher Krankenhaus. Seine Facharztausbildung absolvierte er am Dritten Orden in München. Während des Krieges operierte er auch in einem Feldlazarett in Schlesien.

An seiner Biografie ist nicht nur Wank interessiert – auch Zeitlers Nichte Johanna Woltmann, die heute im Kreis Dachau lebt, möchte mehr über den 1989 Verstorbenen erfahren – und arbeitet mit dem Stadtarchiv zusammen. „Er war eine prägende Gestalt, hat vielen Miesbachern den Kropf operiert“, sagt Woltmann. Ihr Onkel sei „ein Playboy- und Schauspieler-Typ“ gewesen. Er habe sich auch im Widerstand gegen die Nazis engagiert, war der Schlierseer V-Mann zur Münchner Gruppe der Freiheitsaktion Bayern. Verheiratet, aber ohne eigene Kinder, gibt es keine Angehörigen, die über ihn berichten könnten.

Zeitzeugen gesucht

Wer Gustav Zeitler kannte, nimmt Kontakt auf zum Stadtarchiv unter 08025 /283 42 oder zu Zeitlers Nichte Johanna Woltmann unter 08136 / 80 83 22.

von Bettina Stuhlweißenburg

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