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Viel zu tun: Dachdecker und Zimmerer wie die der Firma Hagn aus Kreuth haben lange Wartlisten für Dachräumungen – wenn sie überhaupt im Dienst sind.

Bis zu dieser Höhe ist Schnee kein Problem

Miesbach: Wie gefährlich ist die Schneelast für Hausdächer?

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Die Regierung von Oberbayern hat die Hausbesitzer im Oberland aufgefordert, ihre Dächer zu räumen. Dachdecker und Zimmerer helfen gerne, warnen aber vor Hysterie.

Miesbach – Zimmermeister Georg Hagn steht auf dem Dach eines Einfamilienhauses in anderthalb Meter Schnee und schnauft vor Anstrengung. „Wir helfen den Menschen gerne“, sagt der Kreuther. „Als vor fünf Jahren unsere Werkstatt abgebrannt ist, haben wir viel Hilfe bekommen. Das geben wir jetzt zurück.“ Seit Mittwoch sind er und seine Angestellten im Einsatz. 20 Häuser stehen auf ihrer Warteliste, sechs schaffen sie pro Tag. Dass die Warteliste schneller wächst, als sie sie abarbeiten können, ist wahrscheinlich.

Ähnlich geht es vielen Handwerkern. Wie berichtet rief gestern die Regierung von Oberbayern Hausbesitzer auf, ihre Dächer vom Schnee zu befreien. Das Landratsamt wies sie an, sich zum Freischaufeln an Dachdecker und Zimmerer zu wenden. Seitdem laufen bei denen die Telefone heiß. Bewältigen können sie den Ansturm kaum.

Miesbach: Kommen die Schneeräumer noch nach?

„Das Problem ist, dass viele Dachdeckerbetriebe um diese Jahreszeit im Urlaub sind“, erklärt Hilda Hromadka, Geschäftsstellenleiterin der Dachdeckerinnung Oberbayern. Die Politik habe nie mit der Innung gesprochen. Dass die Handwerker dem Bedarf nachkommen können, gehe „in Richtung Wunschdenken“, sagt sie.

Zwei Beispiele: Die Dachdeckerei Kohlhofer in Waakirchen hat im Januar und Februar Betriebsurlaub. „Unsere Leute sind zum Skifahren oder in Sachsen“, sagt uns eine Sprecherin. „Die kriege ich nicht so schnell ran.“ Die Mitarbeiter von Dachdecker Karl Medvejsek aus Miesbach sind bei Notdiensten wie dem THW im Einsatz. „Wir sind derzeit zu dritt, aber das Telefon klingelt alle 10 Minuten.“ Die Konsequenz: Er bedient nur die dringendsten Fälle.

Die Anfragen konzentrieren sich derweil auf Firmen, die ganzjährig besetzt sind – und deren Warteliste wächst. Wie die von Zimmerermeister Manfred Reckersdrees aus Schliersee. 35 Anfragen zählte er alleine gestern Vormittag. Schnell abarbeiten kann er sie nicht. „Den Schnee muss man schließlich nicht nur antippen, damit er runterfällt“, sagt der er. Seine Mannen seien am Anschlag.

Miesbach: Hysterie überlastet die Helfer

Ein weiteres Problem sei die Einschätzung, ob ein Dach freigeschaufelt werden muss. Zwar betont das Landratsamt in seiner Erklärung, dass die meisten Dächer den derzeitigen Schneemengen standhalten sollten – eine Einschätzung, die alle Experten teilen. Dennoch sagt Hagn: „Die Mitteilung der Regierung hat Hysterie ausgelöst.“ Die Anfragen seien deutlich gestiegen, bestätigen alle Unternehmen. Auch die Räumung der Eishalle des TEV Miesbach könnte dazu beigetragen haben.

Trotz Hysterie: Eine Entwarnung per Ferndiagnose könne es für kein Haus geben, sagt der Holzkirchner Sachverständige Florian Geyer. „Man muss sich immer den Dachstuhl anschauen, den Zustand und die Schneelast.“ Dann müsse man theoretisch ausrechnen, ob die Tragfähigkeit reicht. „Eine genaue Berechnung ist bei so vielen Anfragen aber unmöglich.“ Außerdem ändere sich das Wette. Ist die Berechnung, habe sich die Grundlage bereits geändert. Deswegen bleibe es derzeit bei einer groben Einschätzung.

Ein undankbarer Job, findet Geyer. Schließlich sei mit der Einschätzung Verantwortung verbunden. Die habe die Regierung auf Hauseigentümer und Handwerker abgewälzt, meint Reckersdrees. Im Zweifel sollten die daher auf Nummer sicher gehen. „Wer ein schlechtes Gefühl hat, sollte räumen, um ruhig zu schlafen“, findet Hagn. Und zwar von einem Profi.

Miesbach: Wie gefährlich ist die Schneelast für Hausdächer?

Moderne Häuser in Top-Zustand sollten Lasten von 400 bis 500 Kilogramm pro Quadratmeter aushalten. Das entspreche – je nach Feuchtigkeit – bis 1,50 bis 2,20 Meter Schnee, sagen die Experten. Gefährdet seien daher vor allem Flachdächer und Hallen. Eine endgültige Einschätzung zur Sicherheit eines Daches können nur Fachmänner geben. Das Dach eines Einfamilienhauses vom Schnee zu befreien dauert 10 bis 15 Arbeitsstunden, schätzen die Betriebe. Fünf Angestellte brauchen dafür zwei bis drei Stunden. Bei einem Satz von 50 Euro pro Arbeitsstunde entstehen Kosten von 500 bis 750 Euro. Der Hauseigentümer muss Ablageflächen für den Schnee bereitstellen oder ist für dessen Abtransport verantwortlich. Manche Handwerker vermitteln Transporteure.

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