Litt in der Schule unter Mobbing: Der Miesbacher Friseur Christoph Ertl. Heute steht der 21-Jährige selbstbewusst zu sich selbst – und will sich nicht in eine Schublade stecken lassen.
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Litt in der Schule unter Mobbing: Der Miesbacher Friseur Christoph Ertl. Heute steht der 21-Jährige selbstbewusst zu sich selbst – und will sich nicht in eine Schublade stecken lassen.

„Es sollte egal sein, wen man liebt“

Miesbacher Friseur spricht anlässlich des Christopher Street Days über Homosexualität

  • Bettina Stuhlweißenburg
    VonBettina Stuhlweißenburg
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Miesbach – Jedes Jahr am Christopher Street Day (CSD) bekennen sich Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transgender bei Pride Parades mit Stolz zu ihrem Anderssein. Der CSD erinnert an den ersten Schwulenaufstand gegen Polizeiwillkür in der New Yorker Christopher Street am 28. Juni 1969. Aus diesem Anlass sprachen wir mit dem jungen Miesbacher Friseur Christoph Ertl (21).

Herr Ertl, im Kreis Miesbach findet keine Pride Parade statt. Gibt’s hier keine Schwulen und Lesben?

Natürlich gibt es die – wie überall. Aber es gibt keine feste Szene. Wir haben hier kein Schwulenzentrum, in dem man sich aufgehoben fühlt, keine Schwulenbars.

Seit wann wissen Sie, dass sie schwul sind?

Wenn man in die Pubertät kommt, spürt man: Ich fühle mich mehr zum gleichen Geschlecht hingezogen. Viele wollen es nur nicht wahrhaben. Auch ich wollte es nicht.

Warum?

In meiner Generation ist das Wort „schwul“ ein Schimpfwort. Außerdem hatte ich keine schwule Bezugsperson. Ich habe mich gefragt: Was ist los mit mir? Warum kann ich nicht so den Mädels hinterherschauen? Aber ich hatte niemanden, mit dem ich darüber sprechen konnte.

Wann outeten Sie sich?

Mit etwa 14 Jahren. Ich habe in der Schule Mobbing durchgemacht, wurde als Schwuchtel beschimpft. Ich war sehr feminin, hatte eine hohe Stimme. Alles an mir war auffällig. Von außen wurde mir geraten: Oute dich, dann wird es leichter.

Wurde es leichter?

Nein. Ich habe das Gefühl, ich wurde dazu gedrängt. Denn eigentlich bin ich noch in der Findungsphase: Bin ich schwul oder eine Frau? Ich liebe es, mir die Nägel und die Wimpern zu machen. Ich finde es schade, dass es für alles eine Schublade gibt und man sich entscheiden muss. Es gibt keinen richtigen oder falschen Körper.

Wie verkrafteten Sie das Mobbing?

Ich habe mich jeden Abend in den Schlaf geweint. Aber ich habe das mit mir selbst ausgemacht.

Wie reagierte Ihr Umfeld?

Meine Familie stand hinter mir. Meine Mutter sagte schon vorher: Wenn Du das Gefühl hast, im falschen Körper zu sein, kriegen wird das als Familie hin. Das hat mein Selbstbewusstsein gestärkt.

Wie reagieren die Leute auf Ihre High Heels?

Ich ernte dumme Blicke. Aber inzwischen ist mir das egal. Wenn ich mit meiner besten Freundin in ein Café gehe, sagt sie: „Christoph, jetzt musst Du wieder den Notarzt rufen, die Damen dort am Tisch haben sich gerade das Genick gebrochen, weil sie sich so nach dir umgedreht haben“ (lacht). Ich denke mir: Die sind nur neidisch. Ich kann halt auf solchen Schuhe laufen, tut mir leid, dass ihr es nicht könnt. Mittlerweile lege ich geradezu einen Auftritt hin. Weil ich es wichtig finde, ein Statement zu setzen. Es gibt nicht nur Mann mit Frau und Kind.

Was muss passieren, damit Diskriminierung aufhört?

Es wäre notwendig, eine Veranstaltung zu machen. Um zu zeigen, wie individuell Menschen sein können. Und man müsste den Sexualkundeunterricht anders gestalten. Unsere Klasse wurde damals nach Geschlechtern getrennt. Es geht immer um Mann und Frau. Dabei gibt es noch was anderes. Man müsste vermitteln, dass es egal ist, wen man liebt. Es ist nichts Schlimmes, Du selbst zu sein – in jeder Weise, die man sein möchte.

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