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Abschied von einer Institution: Nach 35 Jahren sperrt Jaro Junek seine Böhmische Arche am Lebzelterberg zu.

Miesbacher Kultcafé sperrt zu

Jaro geht von Bord der Böhmischen Arche

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Im April das Café Lebzelter, jetzt schon die Böhmische Arche: Innerhalb weniger Wochen verliert der Lebzelterberg in Miesbach zwei Lokale, die ihn über Jahrzehnte geprägt haben. Heute öffnet Jaroslav Junek zum letzten Mal sein beliebtes Café, dann ist Schluss.

Irgendwann ist Schluss. Das gilt auch für Jaroslav Junek, den meisten besser bekannt als Jaro. Nach 35 Jahren sperrt er seine Böhmische Arche am Lebzelterberg in Miesbach. 70 Jahre ist er mittlerweile alt, die man ihm nicht ansieht. Aber trotzdem: Irgendwann ist Schluss.

Dass er es so lange an diesem so traditionsreichen Lebzelterberg in nächster Nachbarschaft zum Marktplatz aushalten würde, ist ihm gleich zu Beginn von einem Bauern prophezeit worden: „Du bist a bunta Vogl – Du bleibst uns“, stellte der fest, als Jaro 1982 gerade seine Tafel aufhängte. Er sollte Recht behalten.

„Ich war damals ein Exot“, gibt Jaro zu. Immerhin war seine Böhmische Arche das erste Eiscafé in Miesbach – ein Hauch von internationalem Flair: Damals gab es mittags noch böhmische Küche, dazu italienischen Kaffee und die eine oder andere tschechische Lebensweisheit. Nicht zu vergessen das Eis und die Karlsbader Oblaten, die sich Jung und Alt über Generationen hinweg bei ihm schmecken ließen.

Das Haus am Lebzelterberg hat eine ebenso bewegte Geschichte wie Jaro, und rückblickend schienen beide aufeinander gewartet zu haben. Früher beherbergte es eine Konditorei mit Café, das einem Herrn Rehm gehörte. Dann übernahm es der Konditor Binder. Fünf Nischentische und einen Ofentisch habe es damals gegeben, erfuhr Jaro 1995 von einem weiblichen Stammgast. Sie schrieb ihm die Geschichte auf – soweit ihr bekannt. Das vergilbte Blatt Papier hütet er noch heute. Damals gab es Bohnenkaffee, Rotwein und Met zu kaufen. Das Klo befand sich auf dem Hinterhof. Nach dem Krieg zogen erst eine Hutmacherei und dann nacheinander drei Schuhgeschäfte ein. Als das Schuhgeschäft Müller 1982 schloss, war Platz für Jaro.

In Böhmen geboren, hatte er die Tschechoslowakei während des Prager Frühlings verlassen. „Ich stamme aus einer Prager Gastronomen-Familie“, erzählt Jaro. „Für mich war mein Papa der Gastronom schlechthin. Nie hatte er schlechte Laune.“ Von ihm hatte er die Philosophie gelernt, die auch die Böhmische Arche prägt. Hinzu kommt Jaros Talent. „Ich habe immer ein gutes Gefühl für Gäste gehabt. Man muss mit den Leuten reden.“ Egal, ob sie jung oder alt sind. „Der Mensch spürt positive Energie.“

Nach sieben Jahren in der Textilbranche fing Jaro im Arabella-Hotel am Spitzingsee als Chef de Rang an und wurde nach etwa vier Jahren vom Nobelrestaurant La Cuisine in Rottach-Egern abgeworben, wo die Reichen und Schönen aus dem Hotel Bachmair Weissach speisten. Dort arbeitete er rund drei Jahre, bis er in Miesbach sein mobiles Oblatenhäusl am Marktplatz eröffnete – eine Notlösung. Eigentlich wollte er ein Lokal eröffnen, doch die Gelegenheit zerschlug sich. 1982 startete er dann die Böhmische Arche.

Über die Jahre hat sich einiges geändert. Die böhmische Küche wurde geschlossen, dafür der Gastraum erweitert, doch der Kaffee blieb seine Passion. Heute mischt er die Sorten selbst, entfernt schlechte Bohnen per Hand und beherrscht seine Maschine wie ein Musikinstrument. Temperatur, Mahlgrad, Wasserhärte – das allein ist eine Kunst. „Aber“, sagt Jaro, „ein Gespräch gehört dazu. Das ist das Wichtigste an der Sache.“

Irgendwann ist Schluss, aber noch nicht so ganz. „Ich bin 70. Man muss die Verantwortung auf die kraftvolle Jugend übertragen“, sagt Jaro und meint damit seine Tochter Maria-Grazia (22). Sie wird in Kürze am Marktplatz neben der Bäckerei Grabmaier ihr eigenes Lokal eröffnen – das Marktcafé. Jaro wird mitgehen und sein Eis und seine Oblaten mitbringen. Die Arche schließt er im Frieden. „Es war eine schöne Zeit.“

ddy

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