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Seit mehr als 15 Jahren das Gesicht der Caritas Miesbach: Beate Haslinger-Naß hat zum 60-jährigen Bestehen der katholischen Fürsorgeeinrichtungen im Landkreis Miesbach eine neue Chronik herausgebracht.

Interview zum 60-jährigen Bestehen

Caritas-Chefin: „Wir sind ein Spiegelbild der Gesellschaft“

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Zum 60-jährigen Bestehen hat die Caritas Miesbach ihre Chronik überarbeitet. Im Interview erklärt Kreisgeschäftsführerin Beate Haslinger-Naß, wie sich die Sozialarbeit im Landkreis verändert hat.

Miesbach – Wer wissen will, wie sich die Sozialstruktur im Landkreis Miesbach in den vergangenen 60 Jahren verändert hat, der sollte einen Blick in die neue Chronik der Caritas Miesbach werfen. Zum 60-jährigen Bestehen der katholischen Fürsorgeeinrichtungen im Landkreis haben Kreisgeschäftsführerin Beate Haslinger-Naß (53) und ihr Team die mehr als 50-seitige Broschüre auf den neuesten Stand gebracht. Herausgekommen ist ein Streifzug durch Jahrzehnte der gesellschaftlichen Veränderung. Er stellt – passend zum Selbstverständnis des Miesbacher Caritaszentrums – die Menschen in den Mittelpunkt, nicht die Zahlen. Wir haben uns mit Haslinger-Naß zum Durchblättern getroffen.

-Frau Haslinger-Naß, Sie haben sich für die Chronik intensiv mit der Arbeit Ihrer drei Vorgänger beschäftigt. Welcher hat Sie am meisten beeindruckt?

Haslinger-Naß: Da kann ich unmöglich nur einen der drei Geschäftsführer nennen. Jeder von ihnen hat eine einzigartige Ära der Sozialarbeit im Landkreis geprägt, mit jedem von ihnen hat sich die Caritas weiterentwickelt. Deshalb kann man ihre Arbeit nicht ohne Weiteres miteinander vergleichen.

-Waren die Umbrüche wirklich so groß?

Haslinger-Naß: Die Caritas hat sich in den vergangenen 60 Jahren genauso stark verändert wie die Menschen, für die sie da ist. Sie ist gewissermaßen ein Spiegelbild der Gesellschaft. Eines ist aber bis heute gleich geblieben: Die Caritas stellt den Menschen in den Mittelpunkt. Das geschieht heute natürlich anders als 1957. Da war die Caritas im Grunde eine einzige Frau: unsere Gründerin Lieselotte Meller. Wie sie gearbeitet hat, ist heute unvorstellbar.

-Warum?

Frau Meller war damals allein in der ersten Beratungsstelle des Dekanats Miesbach in Neuhaus – als Teilzeitkraft. Die Not der Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg war groß. Es gab unzählige Flüchtlingsfamilien, aber kaum Wohnungen. Hinzu kamen die hohe Jugendarbeitslosigkeit und das Fehlen jeglicher staatlicher Unterstützung. Als Fürsorgerin war Frau Meller allein auf weiter Flur. Deshalb ist sie auf katholische Familien zugegangen und hat sie aufgefordert, Flüchtlingskinder aufzunehmen. Für sie war Nächstenliebe Christenpflicht.

-Eigentlich selbstverständlich, möchte man einwerfen...

Haslinger-Naß: Das ist richtig. Aber stellen Sie sich mal vor, wie so was heutzutage abläuft. Da müssen wir erst monatelang Zuständigkeiten abklären, bevor wir den ersten Schritt tun dürfen. Frau Mellers Vorgehen war direkt, unbürokratisch und wirkungsvoll. Nur so hat sie diese harte Zeit überstanden – und die Caritas damit auf die schrittweise Professionalisierung und Spezialisierung vorbereitet. Das war ab 1971 die Aufgabe von ihrem späteren Nachfolger Walter Lukas. Er war ein Sozialarbeiter alter Couleur und hat Dienste eingerichtet, die bis heute erfolgreich arbeiten.

-Zum Beispiel?

Haslinger-Naß: Die Familienpflege. Seit 1975 kümmern sich die Helferinnen um Paare mit Kindern, die sich in schweren Lebenssituationen befinden und deshalb ihren Haushalt nicht alleine führen können. Diesen Dienst haben wir uns über all die Jahre erhalten, obwohl er von der Kasse nicht gefördert wird. Herrn Lukas haben wir es auch zu verdanken, dass wir Angebote für psychisch und Sucht-Erkrankte, Obdachlose und Pflegebedürftige haben. Er war ein Kämpfer für die Benachteiligten im Landkreis. Was er geschaffen hat, hat sein Nachfolger Toni Thalmaier dann 1998 im neuen Caritaszentrum in Miesbach zusammengeführt. Er war es auch, der uns ins Computerzeitalter geleitet hat. Ohne diese Technik wäre die moderne Sozialarbeit heute undenkbar.

-Damit sind aber auch die Taktung und der Zeitdruck größer geworden. Lässt sich das noch mit einem Dienst nah am Menschen vereinbaren?

Haslinger-Naß: Genau das sehe ich seit nunmehr 15 Jahren als meine große Herausforderung als Kreisgeschäftsführerin. Mir ist es wichtig, die Balance aus hoher Qualität und Wirtschaftlichkeit zu halten. Wir haben vielleicht nicht viel Geld, aber dafür eine sehr bereichernde und sinnstiftende Aufgabe: Wir begleiten Menschen in den unterschiedlichsten Lebenssituationen. Mir ist klar, dass in der Gesellschaft eher Geld und politischer Einfluss im Mittelpunkt stehen. Trotzdem sollen Geld und Strukturen, Politik und Kirche dem Menschen dienen und nicht umgekehrt. Im Pflegebereich müssen wir hier gute Lösungen finden, um der demografischen Entwicklung Rechnung zu tragen.

-Aber geht das eben nicht nur mit mehr Geld?

Haslinger-Naß: Die Frage ist, wofür wir das vorhandene Geld einsetzen. Der Sozialstaat reagiert meist nur. Er definiert Defizite wie Pflegebedürftigkeit, dann stellt er über die Sozialgesetzbücher Hilfen zur Verfügung. Die Weichen werden aber gestellt, bevor der Pflegebedarf eintritt. Deshalb müssen wir hier ganz andere Ansätze ergänzen, weil sie sinnvoll, menschenfreundlich und letztlich auch kostensparend sind. Wenn jemand im Alter aktiv ist – egal ob geistig, körperlich oder sozial – wird er länger fit bleiben. Mit unserem Mehrgenerationenhaus in Rottach-Egern haben wir dafür ein echtes Vorbildprojekt geschaffen. Es zeigt, dass wir uns den Herausforderungen der Zeit stellen, ohne unsere Prinzipien über Bord zu werfen. Damit sind wir in den vergangenen 60 Jahren gut gefahren – und wir werden es auch in Zukunft tun.

Die Jubiläumsfeier

zu 60 Jahre Caritas Miesbach findet am Sonntag, 2. Juli, statt. Nach einem Festgottesdienst um 10.30 Uhr in der Stadtpfarrkirche wartet ab 12.30 Uhr im Caritaszentrum ein abwechslungsreiches Programm auf die Gäste. Die Fachdienste informieren über ihre Arbeit, auch eine Zukunftswerkstatt mit Politikern ist geplant. Ein prominenter Gratulant kommt am Freitag, 14. Juli, in den Waitzinger Keller in Miesbach: Kabarettist Christian Springer zeigt sein neues Soloprogramm „Trotzdem“. Karten für gibt’s unter 0 80 25 / 7 00 00 oder auf www.waitzinger-keller.de.

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