+
Neues Terrain ist Christian Wendebourg gewöhnt: 2012 ging er mit Ehefrau Ruth-Andrea in den Kongo, wo er die Martin-Luther-Universität leitete. 

„Ich möchte die Jugend für Religion begeistern“

Keine Lust auf Rente: Pfarrer wird Lehrer in Miesbach

  • schließen

Mit 65 ist eigentlich Ruhestand angesagt. Auch bei evangelischen Pfarrern. Aber Christian Wendebourg ist Geistlicher aus Überzeugung. Deshalb wurde er im Sommer Religionslehrer an der Berufsschule in Miesbach.

Miesbach – Im Sommer war es eigentlich vorbei. Mit 65 Jahren sollte Pfarrer Christian Wendebourg seine evangelische Pfarrgemeinde in Unterschleißheim (Kreis München) abgeben und in Rente gehen. Doch der Geistliche wollte nicht. „Ich habe keine Lust auf Ruhestand“, ließ Wendebourg seine Vorgesetzten wissen und fragte gezielt: „Habt ihr nicht etwas Neues für mich?“ Ja, da gab es etwas: Religionslehrer an der Berufsschule Miesbach.

Was wie ein Austragsstüberl erscheinen mag, ist eine wichtige und verantwortungsvolle Aufgabe, betont Wendebourg: „Die Berufsschule ist die letzte Gelegenheit, bei der diese jungen Menschen einen verbindlichen Rahmen kennenlernen können“, sagt er. Es gehe um Herzensbildung, um Gemeinschaftsformen über die verschiedenen Berufe hinaus.

20 Klassen unterrichtet er, jede hat eine Stunde pro Woche. „Es ist allein schon eine große Herausforderung, sich 400 Schülernamen zu merken“, gibt er lachend zu. Aber er hat sie gelernt, in kürzester Zeit. Nicht die einzige Herausforderung. Denn gemeinhin gilt Religionsunterricht gerne als lockeres Nebenfach – die berufstätigen Schüler zur Mitarbeit zu bewegen, ist nicht gerade selbstverständlich. Wendebourg gelingt es dennoch. Er bindet sogar die Muslime mit ein. „Wir brauchen die Fragen der Moslems und auch die Fragen alle Atheisten, damit wir auf der Höhe unserer Zeit diskutieren können“, sagt Wendebourg. Seinen Unterricht versteht er als Angebot, als Einladung zum Gespräch und der Auseinandersetzung mit der Welt, so wie sie ist.

Dass ihm seine Kirche das Vertrauen schenkt, dies mit Menschen tun zu dürfen, die zwei Generationen jünger sind als er, dafür ist der Geistliche dankbar. „Ich möchte die Jugend für Religion begeistern“, sagt er. Und er ist selbst irgendwie erstaunt, dass das immer wieder gelingt, trotz des Altersunterschieds eine gemeinsame Sprache zu finden.

Lesen Sie hier: Pfarrer Mannhardt ist nun Dekan

Dass er etwas zu sagen hat, zeigt allein schon sein Lebenslauf. Wendebourg stammt aus einer Pfarrersfamilie. „Wir machen das Geschäft durchgehend seit 250 Jahren“, stellt er mit einem Lächeln fest. Und ein Ende ist nicht in Sicht, denn auch die beiden Söhne schlagen diesen Weg ein. Der eine als Pfarrer in Fürstenfeldbruck, der andere als Vikar, quasi Pfarrerslehrling. Seine Frau, mit der der vierfache Familienvater seit 34 Jahren verheiratet ist, ist Religionspädagogin.

Für Christian Wendebourg ist der Beruf des Pfarrers unglaublich schön: „Es gibt kaum einen freieren Beruf. Man hat zwar eine 6,5-Tage-Woche, aber man arbeitet eigenverantwortlich.“ Er sei ein „überzeugter Institutionsvertreter“. Denn die Kirche gebe den Rahmen fürs Leben vor. „Sie gibt Halt, um sich frei entfalten zu können.“

Eigentlich stammt Wendebourg aus Göttingen, jedoch wuchs er als Kind sechs Jahre in München auf. Nach dem Abitur in Hannover kehrte er zurück in Bayerns Landeshauptstadt und fing dort mit 23 Jahren als Vikar an.

In München lebt er heute noch. Viele Jahre leitete er die Kirchengemeinde in Solln (Kreis München), ehe er im Alter von 59 Jahren mit seiner Frau in den Kongo ging, wo er für seine Kirche eine kleine Universität leitete. Die Kinder hatten ihm einen neuen Job nahegelegt, damit er nicht zu bequem werde.

„Das war eine spannende Erfahrung“, sagt Wendebourg rückblickend. „Kann man in einem der am wenigsten organisierten Länder der Welt eine Struktur des Vertrauens aufbauen, obwohl jeder in dieser Gesellschaft ums Überleben kämpfen muss?“ Man kann, stellte er fest. „Jedoch wurden wir nach drei Jahren und drei Monaten aus dem Land verwiesen, weil wir der Regierung gegenüber klargemacht haben, dass Spendengelder an die Uni auch der Uni gehören.“ Wieder zurück in München, übernahm er die Leitung der Genezarethkirche in Unterschleißheim.

Auch das könnte Sie interessieren: Neuer Pfarrer (34) tritt seinen Dienst an

Kirchengemeinde, Pädagogik und wissenschaftliche Theologie – diese drei Säulen begleiten Wendebourg durch sein berufliches Leben. Und sie konfrontieren ihn immer wieder mit zentralen Fragen des Lebens. So bat ihn das Katholische Familienwerk in Pullach vor einigen Jahren, wissenschaftliche Arbeitshilfen für die damals neu in den Lehrplan aufgenommen östlichen Religionen Hinduismus und Buddhismus zu entwickeln. „Die Welt wächst ja zusammen. Da liegt es nahe, sich auch mit den Wiedergeburtsreligionen zu beschäftigen.“ Auch dies sei ein spannendes Gebiet. Während das Christentum und der Islam Religionen des Wortes sind, sind Hinduismus und Buddhismus mystische Religionen des Schweigens. Also Religionen, die das Gespräch eigentlich verweigern. „Für die ist unsere Religion eine Vorstufe zu ihrer. Das hat mich interessiert.“

Die Frage „Glaubst Du an Gott?“ sieht Wendebourg auch heute noch als zentral an, zumal die westliche Welt durch den Islam dafür wieder sensibilisiert werde. „Entscheidend im Leben sind die unsichtbaren Dinge. Freundschaft, Liebe, Vertrauen, ohne die kein erfülltes Leben denkbar ist“, sagt er seinen Schülern. Es brauche Gott als höhere Instanz, weil der Mensch nicht immer vertrauenswürdig sei. „Dieser Anker muss größer sein als wir. So kommen wir dem Sinn des Lebens ein wenig näher.“

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Coronavirus im Landkreis Miesbach: „Contact Tracing Teams“ sollen Infizierte isolieren
Der Landkreis Miesbach steht wegen des Coronavirus weitgehend still. Alle News hier im Ticker.
Coronavirus im Landkreis Miesbach: „Contact Tracing Teams“ sollen Infizierte isolieren
Coronavirus: So schützen sich die Retter des BRK - und das erwarten sie von ihren Patienten
Für sie gibt es kein Homeoffice: Die Sanitäter des BRK-Kreisverbands Miesbach rücken auch in Zeiten des Coronavirus aus. Was sie dabei alles beachten müssen, erklären …
Coronavirus: So schützen sich die Retter des BRK - und das erwarten sie von ihren Patienten
Wenn die Riesen am Harzberg fallen
Es ist ein Eingriff, der Miesbachs Erscheinungsbild merklich verändern wird. Seit einer Woche werden in der unteren Hanghälfte auf der Westseite des Harzbergs Bäume …
Wenn die Riesen am Harzberg fallen
Miesbacher Wassergeist will Starkbierfest die Treue halten
Die Premiere des Wassergeistes vom Miesbach alias Nikolaus Ruml ist bekanntermaßen ins Wasser gefallen. Wegen des Coronavirus musste – wie berichtet – der …
Miesbacher Wassergeist will Starkbierfest die Treue halten

Kommentare