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Mit der Posaune am Tablet: Johannes Obermeyer von der Musikschule Schlierach-/Leitzachtal gibt seinen Schülern seit Corona digitalen Unterricht.

Aus der Not wird eine Tugend

Musikschulen im Landkreis nutzen jetzt intensiv moderne Technik

  • vonHeidi Siefert
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Wegen Corona fallen Sport, Schule und Treffen mit Freunden aus. Damit die Kinder im Landkreis die Zeit zum Musizieren nutzen können, gehen die Musikschulen neue Wege.

Landkreis– Corona und die Ausgangsbeschränkung haben das öffentliche Leben lahmgelegt. Die Schüler sitzen seit Wochen zu Hause, kein Unterricht, kein Sportverein, keine Treffen mehr mit Freunden. Dafür vielleicht ein Klavier daheim, eine Geige, eine Flöte. Gerade jetzt hätten sie viel Zeit zum Üben. Damit sie dafür genug Anreiz bekommen, schlagen die Musikschulen in Corona-Zeiten neue Wege ein: So weit wie möglich findet der Unterricht jetzt digital statt, zeigt ein Blick auf Musikschulen im Landkreis. Diese machen die Not zur Tugend.

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Holzkirchen

„Alle lachen, die Resonanz ist durchweg positiv.“ Tom Gilcher, der zusammen mit Uli Bernrieder das Holzkirchner Musikzentrum Trommelfell leitet, ist begeistert, wie sich der etwas andere Musikunterricht realisieren lässt: „Es klappt sehr gut. Viel besser als erwartet.“ Inspiriert von den Erfahrungen seines Tölzer Trommelfell-Kollegen Johannes Deißenböck, der mit einer Schülerin Skype-Unterricht praktizierte, als diese während eines Auslandssemesters nicht auf die gewohnten Musikstunden verzichten wollte, stürzten sich die Holzkirchner Musiklehrer direkt ins digitale Abenteuer, als klar war, dass Corona keinen regulären Unterricht mehr zulässt.

Mit der E-Gitarre am PC: Tom Gilcher und seine Kollegen vom Holzkirchner Musikzentrum Trommelfell setzen auch auf Lektionen für daheim.

Skype, WhatsApp, Facetime – erlaubt ist, was in der jeweiligen Lehrer-Schüler-Konstellation am praktikabelsten ist. Wobei sich nach den ersten Stunden schnell Stärken und Schwächen der verschiedenen Möglichkeiten herauskristallisierten. Er selbst habe seine ersten beiden Stunden über WhatsApp gehalten, was mit der klassischen Gitarre ganz gut funktioniert habe. Bei anderen Instrumenten stellte sich indes schnell heraus, dass der Messenger für eine ordentliche Klang-Übertragung nicht optimal ist. Skype sei da klar im Vorteil: „Da ist der Klang wirklich super.“ Auch die Latenz, die Verzögerung in der Übertragung zwischen Bild und Ton, sei nicht groß.

Bis zu den Osterferien läuft der Instrumentalunterricht nun bis auf einige wenige Ausnahmen digital. Dabei freut es Gilcher, dass es auch die zunächst gegenüber der Technik etwas reservierten älteren der aktuell 22 Trommelfell-Lehrer größtenteils ausprobiert hätten. Die wenigen anderen bieten ausgefallene Stunden an, wenn wieder gemeinsam musiziert werden darf. Umgekehrt habe kein einziger Schüler Bedenken geäußert: „Alle sind begeistert, dass sie ein bisschen Abwechslung haben“, erzählt Gilcher – und berichtet auch vom anfangs etwas ungewohnten Gefühl, beim Unterricht den Schüler nicht direkt vor sich zu haben. Inzwischen sind sie eingespielte Teams; auch mit den Eltern, die bei den Jüngeren noch mit der Technik helfen und dann auch mal freundlich winkend im Bild zu sehen sind.

Den Lehrern steht es frei, von zu Hause aus zu unterrichten oder die Übungsräume der privaten Musikschule in der Tegernseer Straße und den Schul-Computer zu nutzen. Eine Webcam müssen sie selbst mitbringen, Netz gibt es in allen Räumen – vom Klavier im ersten Stock bis zum Schlagzeug im Keller. Von Klassikern wie Flöte und Geige bis zu ausgefallenen Instrumenten wie der afrikanischen Harfe Kora läuft der Musikunterricht weitgehend normal. Ausgebremst werden aktuell nur Ensembles, Bands und der Gospelchor, weil eine Konferenzschaltung dafür zu schwer koordinierbar wäre. Pause macht aktuell auch die musikalische Früherziehung der Kleinsten.

Tegernseer Tal

„Wir versuchen, die Normalität weitgehend aufrecht zu erhalten“, sagt Erich Kogler, Leiter der in Rottach-Egern ansässigen Musikschule Tegernseer Tal. Was sich unter den gegebenen Umständen ganz gut machen lässt, wird angeboten. Natürlich seien sie auf Kooperationsbereitschaft angewiesen. „Aber wir merken, dass wir als Musikschulfamilie auch zusammenwachsen.“

Der Kontrabass sprengt das Format: Von Erich Kogler, Leiter der Musikschule Tegernseer Tal, ist per Smartphone entweder die eine oder die andere Hand zu sehen.

So glückt es auch, „22 individuelle Lehrer und etwa 600 sehr individuelle Schüler“ in diesen Tagen zu einem unkonventionellen Unterricht zusammenzubringen. Da werden Aufgaben und Aufnahmen per WhatsApp verschickt oder – beliebter, weil von höherer Sound-Qualität – mit Skype und Zoom-Cloud-Meetings Unterricht direkt am Bildschirm abgehalten. In der Regel zu den gewohnten Unterrichtszeiten läuft nun die digitale Musikschule.

Besonders aufregend fänden es die Kleinen, wobei die Schüler grundsätzlich sehr offen seien. „Sie haben ja sonst auch nichts zu tun“, sagt Kogler lachend. Er selbst unterrichtet ein Instrument, das mit der aktuellen Technik nicht ganz so einfach zu bedienen ist: „Beim Kontrabass ist im Bildausschnitt nur die rechte oder die linke Hand sichtbar. Nie beide.“ Doch mit solchen Dingen kommen sie klar, man arrangiert sich. Auch damit, dass etwa ein Schlagzeug für digitalen Unterricht besser geeignet ist als ein Saxophon. Und dass man jüngere Schüler mehr bei Laune halten müsse als ältere, die sich im Zweifel auch selbstständig Übungsstücke suchten.

Schlierach-/Leitzachtal

„Ein paar Eltern wollen lieber abwarten und den Unterricht irgendwann unter regulären Bedingungen nachholen. Mit den meisten finden wir gerade andere Möglichkeiten und freuen uns, wie positiv es läuft.“ Johannes Obermeyers Erfahrungen als Leiter der Musikschule Schlierach-/Leitzachtal mit digitalen Alternativen als Alternative in Corona-Zeiten sind „bis jetzt nur positiv“. Und auch die Lehrer hätten bisher nur Gutes zu berichten. Selbst die, die anfangs reserviert waren.

Während in den Räumen der Musikschule in Hausham nur noch Leiter und Verwaltung anzutreffen sind, unterrichten die 23 Lehrer ihre etwa 30 Instrumente von zu Hause aus und in Absprache mit den Schülern oder deren Eltern. Bei den einen gibt es Notenmaterial per E-Mail und im Gegenzug eine Aufnahme des gespielten Stücks. Häufiger wird aber direkt online unterrichtet. Wie gut das klappt, hänge maßgeblich von der Qualität der Internetverbindung ab, so Obermeyer. „Grundsätzlich tun sich leisere und Saiteninstrumente leichter“, weiß er als Blechbläser. Aber auch er komme nach anfänglichen Problemen beim Feintuning der Mikrofon-Einstellung inzwischen gut klar. Die erste Posaunen-Stunde habe er mit einem fortgeschrittenen Schüler gehalten. Inzwischen läuft sein Unterricht komplett über Microsoft Teams, weil dort die Qualität passe und man nicht so viele Daten preisgeben müsse.

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