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Erste Adresse für viele Patienten: Immer mehr Bürger haben keinen Hausarzt und gehen auch zur ambulanten Behandlung in die Notaufnahme des Krankenhauses.

Agatharieder Notaufnahme wird schon jetzt überrannt

KVB-Vorschlag: Nur noch ein Arzt für zwei Landkreise - Ärzte: Folgen gravierend

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Ein Arzt für zwei Landkreise: Das sieht das neue Bereitschaftsdienstmodell der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern vor. Doch im Landkreis fürchtet man das Schlimmste.

Landkreis – Medizinische Hilfe auch außerhalb der Sprechzeiten: Das verspricht der Bereitschaftsdienst der kassenärztlichen Vereinigungen, der bundesweit unter 116117 zu erreichen ist. „Die Nummer, die hilft“, lautet das Motto. Ab November müsste man wohl hinzufügen: „Wenn der Patient genug Geduld aufbringt.“ Sollte die kassenärztliche Vereinigung Bayern (KVB) ihr neues Bereitschaftsmodell – wie aktuell geplant – auch im Landkreis ausrollen, wären die Folgen gravierend: Zu bestimmten Zeiten wäre nur noch ein Arzt im Dienst – dafür aber für die Landkreise Miesbach und Bad Tölz-Wolfratshausen in einem zuständig. „Die Leidtragenden wären die Patienten“, sagt der Holzkirchner Hausarzt Dr. Emmerich Fromm.

Die Bestrebungen der KVB rühren aus dem Hausarztmangel in vielen ländlichen Regionen. Die Vereinigung geht davon aus, dass die vielen Bereitschaftsdienste junge Mediziner davon abhalten, sich auf dem Land niederzulassen. Mit der Neuorganisation sollen bayernweit flächendeckend 110 Praxen aufgebaut werden, in denen Patienten auch an Wochenenden und in den Abendstunden behandelt werden – ohne dafür die Notaufnahme des Krankenhauses aufsuchen zu müssen. Weil auch Ärzte ohne eigene Praxis solche Dienste übernehmen können, verspricht sich die KVB eine spürbare Entlastung für ihre Mitglieder. Ein eigener Fahrdienst soll ihnen zudem die ambulanten Behandlungen bei Hausbesuchen in der Nacht erleichtern.

Aus Sicht der Ärzte eigentlich ein interessantes Modell, möchte man meinen. Im Landkreis Miesbach überwiegt jedoch die Skepsis. „Ich gehe davon aus, dass sich die Versorgung bei uns eher verschlechtern wird“, sagt Fromm. Das bestehende System, bei dem sich die Hausärzte in den Bereichen Holzkirchen, Tegernseer Tal und Schlierach-/Leitzachtal die Dienste flexibel untereinander aufteilen, habe sich als praktikabel erwiesen. Für die Patienten, aber auch für die Ärzte. Im Raum Holzkirchen komme derzeit jeder Mediziner auf rund drei Wochen Bereitschaftsdienst pro Jahr, berichtet Fromm.

Ähnlich ist die Lage im Tegernseer Tal, wobei sich hier mit Gmund-Bad Wiessee sowie Tegernsee-Rottach-Egern sogar noch zwei Untereinheiten gebildet haben. „Das hat hier stets gut funktioniert“, sagt Dr. Thomas Strassmüller, Allgemein- und Notarzt aus Gmund. Von einer zentralen Neuorganisation hält er nicht viel. „Das wird der Bevölkerung nicht gerecht“, meint Strassmüller. Als „irrsinnig“ bezeichnet er die Idee der KVB, in manchen Nächten nur noch einen Bereitschaftsarzt für zwei Landkreise einzuteilen. Die Wartezeiten für die Patienten würden sich drastisch erhöhen.

Kreisklinik wird schon jetzt überrannt

Die Folgen dürfte vor allem die Notaufnahme des Krankenhauses Agatharied zu spüren bekommen. Und das, obwohl die Abteilung schon jetzt oft von ambulanten Patienten überrannt wird – sogar tagsüber und unter der Woche. „Das hängt sicher mit dem Umstand zusammen, dass viele Bürger gar keinen Hausarzt mehr haben“, sagt Klinik-Geschäftsführer Michael Kelbel. Auch die Hoffnung, im Krankenhaus umfassender und ohne Terminabstimmungen behandelt zu werden, sei ein Grund.

Ein Trend, den die Klinik auch finanziell zu spüren bekommt. Eine aktuelle Studie der Deutschen Gesellschaft interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin (DGINA) habe ergeben, dass eine ambulante Notfallbehandlung im Krankenhaus im Schnitt rund 120 Euro koste, berichtet Kelbel. Die Vergütung der Leistungen betrage jedoch nur rund 35 Euro pro Patient. Auch deshalb setzt Kelbel auf ein Sondierungsgespräch unter allen beteiligten ärztlichen Gruppen, das noch Anfang des Jahres stattfinden soll. Ziel sei es, „ein besseres Versorgungsmodell zu entwickeln und der KVB vorzuschlagen“.

Auf eine „gute Lösung für alle Beteiligten“ hofft auch Strassmüller. Aufgrund eines offenen Streits zwischen den Kassenärztlichen Vereinigungen und der Deutschen Krankenhausgesellschaft müsse man dabei aber sehr diplomatisch vorgehen. „Das ist ein heißes Thema“, sagt Strassmüller. Ein Vorteil sei, dass der Landkreis noch bis November Zeit habe. Vielleicht habe die KVB bis dahin aus den Fehlern gelernt. Er gehe jedenfalls davon aus, so Strassmüller, dass es auch in anderen Regionen „massiven Gegenwind und große Probleme geben wird“.

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